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Die Wahrheit · 1905-01-27 · Heft 4 (27.1.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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mm Seue 4. Die Wahrheit Nr. 4. würdig der Galerie antisemitischer Ehrenmänner an, die mit dem Kampfe gegen die „jüdische" Korruption begannen, dank ihrer Korruption aber im Gerichtssaale das Ende ihrer Karriere fanden. Ritter v. Orlowsky hat in Galizien mit der Gründung eines Blattes, das der „jüdischen" Unmoral entgegentreten sollte, das politische Leben betreten. Seine Tätigkeit war eine Kette schwindelhafter, erpresserischer, verbrecherischer Geschäfte. Als er in Galizien „fertig" war, durfte. er noch immer hoffen, in Wien als ..antisemitischer" Gesinnungsgenosse zu Geld, Ehren und Erfolgen zu gelangen. In der Tat, er wollte als Kandidat für den Reichsrat auftreten und — das Eine hat sich als wahr erwiesen — er durfte sich mit der Hoffnung schmeicheln, hiebei die Unterstützung klerikaler und antisemitischer Patrone zu finden. Er war ja Antisemit!! Wäre es Ritter v. Orlowsky nur noch kurze Zeit gegönnt gewesen, die Zahl seiner lukrativen „Verlobungen" fortzusetzen, oder wäre es ihm ermöglicht gewesen, eine reiche Heirat zu machen, die ihn wenigstens für einige Zeit noch übers Wasser hielt — Herr v. Orlowsky hätte als Zierde der Antisemiten seinen Einzug ins Parlament halten können. Er wäre der Immunität teilhaftig geworden, deren so viele hervorragende Antisemiten so dringend bedürftig sind. Skioen ans dem jüdischen Familienleben. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Das war der leitende Gedanke, der uns in voriger Nummer veranlaßte, in dem Artikel „Wie verheiratet man mitgiftlose Mädchen?" durch einige aus dem Leben gegriffene Beispiele auf die große Gefahr aufmerksam zu machen, die dem vielgepriesenen jüdischen Familienleben droht. Und wenn wir auch von mancher Seite der Schwarzseherei geziehen werden sollten, wird uns dies dennoch nicht abhalten, die Wahrheit, so bitter sie auch schmecken mag, unentwegt zu verkünden und damit dem Wohle unserer Glaubensgenossen zu dienen. Daß wir mit unseren Anschauungen nicht allein stehen, beweist uns die große Zahl der zustimmenden Kundgebungen, die wir in den letzten Tagen aus unseren Leserkreisen erhalten haben und deren eine wir im Nachfolgenden wiedergeben wollen: Geehrter Herr Redakteur! Sie haben mit dem leitenden Artikel in der letzten Nummer der „Wahrheit" den wunden Punkt im jüdischen Erwerbs- und Familienleben an der richtigen Stelle berührt, indem Sie die Ursachen der mannigfachen betrübenden Erscheinungen nicht allein außerhalb sondern auch in uns selbst suchten und zur Rückkehr zu der Genügsamkeit und Einfachheit unserer Altvorderen mahnten. Es ist dies eine der dankbarsten und heiligsten Aufgaben der jüdischen Publizistik. Sie werden es mir nun gewiß nicht übelnehmen, wenn ich daran erinnere, daß vor einigen Jahren ein übrigens auch von Ihnen zitiertes, konfessionelles Organ, das in Prag erschienene „Unabhängige Journal," das gleiche Thema berührte, und für die Leser Ihrer geschätzten Zeitschrift dürfte es nicht ohne Interesse sein, einen diesbezüglichen Artikel dieses Blattes im Nachfolgenden zu reproduzieren: „Die jungen Männer fangen frühzeitig damit an, sich an viel Reichere als sie selbst sind, anzuschließen, sie machen alle möglichen kostspieligen Vergnügungen mit, sie müssen ihre Noblesse, ihr Kavaliertum damit beweisen, daß sie auch am Turf zu treffen sind. . Totalisateur, Karten, „noble Verhältnffse", alles Sachen, die weit ihr Einkommen überschreiten, werden mitgemacht, und das Ende? Sobald es nicht mehr so weiter geht, sobald man keine Schulden mehr machen kann, oder falls man sich durch eine reiche Heirat nicht wieder auf eine Zeit lang zum weiteren noblen Leben aufhelfen kann, wird entweder defraudiert, oder man greift zum Revolver, um diesem gottlosen Leben, das einem schon zur Gewohnheit geworden, ein Ende zu machen. Der Mangel jeder religiösen und ethischen Erziehung läßt einen solchen Menschen gar nicht zur Besinnung dessen kommen, welche bodenlose Schlechtigkeit er da begeht. Was kümmert er sich um den Schmerz, den er Eltern, Geschwistern, Freunden und Verwandten bereitet, er will nicht seinen Verhältnissen entsprechend leben und zieht ein rasches, unrühmliches Ende, einem Leben voller Kampf, voller Entsagungen vor. Oder das andere Bild. Ein ernster, braver, tüchtiger Geschäftsmann, der sich jahrelang gemüht und geplagt hat, der in seinem Leben soviel Tausende von Gulden verdient hat, daß, wenn sein Vater soviel verdient hätte, er schon als Sohn eines Viertelmillionärs zur Welt gekommen wäre, sieht, am Zenith seines Lebens angelangt, daß all sein Mühen, all sein Plagen und Sorgen nichts genützt hat, er hat wohl viel verdient, es wurde aber immer noch mehr gebraucht. Und wenn es dann zum Schluß nimmer mehr langt und eine Umkehr zur einfachen Lebensweise unmöglich scheint, wenn der Friede in der Familie schwindet, da sich bekanntlich „der Dalles schlägt", da findet auch dieser arme abgehetzte Mann in einer schwachen Stunde den traurigen Ausweg, Frau und Kind allein lassend, dem Leben zu entsagen. Es ist sehr traurig zuzuschauen, wie der Mittelstand mehr und mehr verarmt und trotzdem es sich nicht versagen kann, alle Marotten und Vergnügungen der Reichen mitzumachen. Wie viele Männer plagen sich das ganze Jahr, sorgen sich die Haare grau, laufen sich die Füße ab, um im Sommer ihre Frau sich erholen lassen zu können. Es wäre aber auch gar zu traurig, auf die Frage: ..Wo fahren Sie heuer hin?" antworten zu müssen, daß man zuhause bleibe, daß man dem Manne nicht seine ganze Häuslichkeit zerstören wolle und sich damit begnüge, etwa in unseren herrlichen Parkanlagen, mit den Kindern die freie Zeit zu verbringen! Dabei machen den meisten diese Sommeraufenthalte nicht einmal Vergnügen, zuhause verfügen sie über eine komfortable Wohnung, „draußen" müssen sie sich mit Löchern begnügen, wo man mit der Hand die Zimmerdecke erreichen kann, und um den Dünsten der unter den Fenstern liegenden Düngerhaufen zu entgehen, müssen den ganzen- Tag Spaziergänge unternommen werden, die man von -zuhause ebenso bequem machen könnte. Dabei langweilt man .sich, begnügt sich oft mit einer elenden Gasthauskost, die man zuhause nicht essen würde und — Müßiggang ist aller Laster Anfang — der Mann unterdeß ist in der Stadt sich selbst überlassen, gewöhnt sich an das Gast- und Kaffeehausleben, manchem fängt die Abwechslung, die er da findet, an zu gefallen und gar oft war der erste Sommeraufenthalt der Frau der Anfang der Zerstörung eines geordneten Haushaltes. Ueber allesJeckoles ist auch meist in unserem jüdischen Mittelstände die Art, wie Kinder erzogen werden. Von klein an werden dieselben förmlich zum Nichtstun erzogen, man findet es schimpflich, selbst das Mindeste zu machen,' beim Spaziergange läßt man selbst den Ueberzieher oder das Jaquet, das mitgenommen wurde, vom Dienstmädchen nachtragen; daß sich die Kinder höchstselbst ihre Kleider reinigen sollten, würde als größte Schmach empfunden werden, dagegen sieht man ganze Scharen junger „Damen", deren Ellern den ganzen Tag im Laden sitzen, oder deren Väter das ehrsame Gewerbe eines Agenten, Trödlers rc. betreiben, zum Tennisspiel wandern. Das einzige Ideal dieser Töchter ist es, einen reichen Mann zu bekommen, um niemals etwas tun zu müssen und sich alle möglichen Vergnügungen vergönnen zu können; das Ideal der jungen Söhne besteht oft darin, der Vater möge sich so lange plagen, bis der Sohn als Privatier sein Auskommen finden werde! Und dabei ist all dieses Wohlleben größtenteils auf Sand gebaut. Schließt — Gott behüte — der Vater vorzeitig die Augen, bleibt oft außer der Lebenspolizze, auf die manchesmal auch schon Darlehen genommen wurden, nichts übrig, und von all dem Wohlleben behält man nichts, als die faulen Hände, den verwöhnten Magen und die — Nervosität! Die Nervosität unserer Jüdinnen, das ist auch ein heikles Kapitel. Von lauter Nichtstun, von lauter Nobeltun werden die meisten nervös. Es ist fast schon eine Schande fiir eine Frau, ganz gesund zu sein; wenn man schon nichts, gar nichts an sich findet, was dann und wann eine Badereise unumgänglich nöüg macht, nervös zum mindesten muß man sein. Es kommt aber

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