Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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©eue 6. Nr. 3. Die Wahrheit ziellen und sozialen Position emporgerungen hat, und nebst seinem vornehmen, friedliebenden, alles ausgleichenden Wesen waren es gewiß auch seine hervorragenden kaufmännischen Tugenden, sein strenger Rechtlichkeitssinn und sein seingeschärfter praktischer Blick, die ihn in ernsten Zeiten zum , Führer der Wiener Judenschaft prädistinierten. Es ist eine der schwierigsten und bedeutsamsten Epochen der Wiener Kultusgemeinde, die mit dem Namen Heinrich Kling er eng verknüpft ist. Bedrängnis von Außen, Umwälzung im Innern. Durch die Einbeziehung der Vororte und Umbildung zur modernen Großgemeinde entstanden neue Verhältnisse; mannigfache Bedürfnisse machten sich geltend, die an den Gemeindesäckel hohe Anforderungen stellten und das Gleichgewicht im Gemeindehaushalte ins Wanken brachten; entgegengesetzte Strömungen in den oberen und unteren Schichten bedrohten den Frieden in der Gemeinde, und durch all diese Fährnisse und Wirrsale hat Heinrich K l i n g e r die Wiener Kultusgemeinde mit geschickter Hand durchgeführt, und während seiner Präsidentschaft sind segensreiche Institutionen geschaffen worden, die noch der spätesten Nachwelt den Ruhm ihrer Gründer verkünden werden. Wenn wir uns all diese Verdienste des vormaligen Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde vergegenwärtigen und zudem noch seiner aufrichtigen Liebe zum Judentum, seiner milden Duldsamkeit gegenüber jeder religiösen Ueberzeugung, seiner väterlichen Fürsorge für die Beamtenschaft und seinem warmen Interesse für alle Bestrebungen der jüdischen Wissenschaft gerecht werden, dann werden wir auch die große Verehrung begreifen, die Heinrich Kling er in allen Kreisen genoß, aber auch die allgemeine Trauer erfassen, die bei seinem Hinscheiden zum Ausdruck kam, Und das aufrichtige, tiefe Beileid, das seiner schwergeprüften, edlen Gattin und seiner tiefgebeugten Familie bäundet wurde. Das Leichenbegängnis, das Sonntag, den 15. Jänner, a/|H Uhr vormittags, stattsand, zeigte eine solch enorme Beteiligung, wie wir sie vorher selten gesehen haben, und außer vielen hervorragenden offiziellen Persönlichkeiten waren im Traüerhause und auf. dem Friedhofe alle Kreise der Wiener Kultusgemeinde vertreten. Im Trauergemache würdigte Rabbiner Doktor Schmied! die großen Tugenden und ausgezeichneten Verdienste des Verblichenen. Die kantorale Funktion im Hause und am Friedhofe versahen Oberkantor Guttmann und I. Kantor Fuchs unter Assistenz sämtlicher Kantoren und des aus allen Gemeindetempeln rekrutierten Chores. In der Zeremonienhalle des Zentralftiedhofes hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann folgende Grabrede: „Wenn ein Mensch stirbt, so sagt man in der Regel von ihm: es ist mit ihm zu Ende. Bon dem Manne aber, an dessen Bahre wir stehen, dürste es richtiger heißen: er ist am Ziele. Denn seine ganze Lebensführung war eine zielbewußte und planmäßige. In diesem Plane gab ei nichts Kleines, auch das Geringste hatte seine Wichtigkeit und Bedeutung. In diesem Plane gab es aber auch nichts Kleinliches, alles war von große- Gesichtspunkten erfaßt und geordnet. Auf diesem Plane beruhte seine Gelassenheit, sein Gleichmut, seine vornehme Gesinnung und seine sichere Haltung. Die Devise seines Lebens hätte das Wort sein können, das Moses imseren Vätern am Meere zurust: „Bleibet fest und ihr werdet die Hilfe Gottes schauen." So unwandelbar treu ist er immer Gott, dem Judentum und sich selbst geblieben. Wir haben das gesehen und bewundert während der Zeit, da er an der Spitze unserer Gemeinde stand. Es war eine der schwierigsten, aber auch eine der glänzendsten Perioden in der Geschichte unserer Gemeinde. Wie ein erfahrener Steuermann lenkte er mit fester, ruhiger Hand das Schiff unserer Gemeinde. Seine Flagge trug die alte Auffchrift: „Gott ist mein Panier", seine echte jüdische Gesinnung charakterisiert ihn und seine Amtsführung. Und eben dieser Gesinnung hatte er auch seine großen Erfolge zu danken. Sein Lebenswerk, das er von kleinen Anfängen durch unermüdlichen Fleiß und rechtschaffenes Streben zu ansehnlicher Höhe gebracht, hinterläßt er festgegründet wackeren Söhnen, hohe Ehren und Auszeichnungen sind ihm zuteil" geworden, die allgemeine Achtung seiner Mitmenschen und die Verehrung seiner Glaubensgenoffen hat ihn auf seinem Lebensweg begleitet, und was das Höchste ist: eine Frau, wie es wenige gibt, stand an seiner Seite und hat ihm bis zu seinem letzten Atemzug die aufopferndste Treue bewiesen, und ebenso hat ein Kreis vou vortrefflichen Kindern und hoffnungsvollen Enkeln, der auch nicht leicht seines Gleichen findet, als ein wahrer Ruhmeskranz sein Altertumgeben. Er ist am Ziele, er hat den Lebensplan, den er in jungen Jahren sich entworfen haben mag, als einer der glücklichsten Menschen ausgeführt. Warum sollten wir über seinen Tod klagen? Erheben wir uns vielmehr an diesem musterhaften und inhaltsreichen Leben, dem jeder Schmerz erspart, dem kein Wunsch versagt, dem keine Hoffnung ,unerfüllt geblieben ist. Wie sein Leben ein gesegnetes war, so wird sem Andenken gesegnet bleiben. Amen." ' Namens des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde sprach Präsident Dr. . Alfred Stern: „Und es ist e.n Jahr her — gerade in diesen Tagen — daß Du aus dem Kreise des Vorstandes unserer Gemeinde, dessen Mitgleder tieferschüttert hier Deine Bahre umstehen, schiedest. In rührenden, ergreifenden Worten beklagtest Du es, daß Dein Leiden Dir ferner nicht gestatte, dem hohen, verantwortungsvollen Amte, zu welchem wir einhellig Dich berufen hatten und in welchem wir einhellig Dich ach! so gerne erhalten hätten, vorzustehen. Als Führer der Gemeinde bezeichnetest Du in Deinem Abschiedsschreiben die Wahrung des Ansehens und der Würde des Vorstandes, die Wahrung des Friedens in unserer Gememde als bie Leitsterne Deines Handelns. Goldene Worte, quellend aus edelster Seele. Goldene Worte, welche unter Deinem Bilde prangen mögen, das die Stätte Deines langjährigen Wirkens, unseren Beratungssaal, schmücken wird. Und weiter zurückgreifend ersteht in mir die Erinnerung an jenen Vorabend unseres Neujahrsfestes, an den Tag, an dem Du das 70. Lebensjahr überschrittest, und ich, auch ein Siebzigjähriger, das Glück, und die Freude hatte, Dir, dem verehrten Freunde, dem verehrten, geliebten Oberhaupte unserer Gemeinde, den Dank des Gesamtvorstandes für Dein unermüdlich segensvolles Wirken zum Ausdruck zu bringen und Dir im Bilde vorzuführen die großen schönen Werke, die unter Deinem Präsidium ausgestaltet worden waren: Das monumentale Gotteshaus, die Siechenanstalt, das Krankenharts. Und so wird in mir lebendig die Erinnerung an eine durch fast zwei Dezennien währende gemeinsame Tätigkeit, bei welcher wir in den anzustrebenden Zielen uns zusammenfanden und mit der gleichen Liebe, mit dem gleichen Enthusiasmus, mit der gleichen Hingebung diesen Zielen zustrebten: Wahrung des Ansehens und der Würde des Vorstandes, Wahrung des Friedens in unserer Gemeinde, welche als die größte in unserem Vaterlande allen anderen voranleuchten möge. Ma naumer. ma nedaber! Wie finde ich das Wort, wo ist es zu finden, das vollen Ausdruck geben könnte unserem innigen, herzlichen Danke an Dich für die gute Saat, die Du gesäet, für den Segen, den Du geschaffen, für die warme, wohlwollende Anteilnahme, die Du allem Guten und Edlen, allen unseren gemeinnützigen Anstalten, den zahllosen Hilfsbedürftigen, die sich an Dich wandten, entgegengebracht hast, für die gewissenhafte Führung Deines Amtes, für das wohlwollende freundliche Entgegenkommen, welches wir, die Mitglieder des Vorstandes und die der Beamtenschaft, stets bei Dir fanden. Wie vermag ich Ausdruck zu geben unserem heißen Schmerze, der tiefen Trauer, die uns Alle umfängt, Nun da wir von Dir für immer scheiden! Ewel kowed seh! Dieses Bibelwort schwebte mir vor, als wir, um Dir eine letzte Ehre zu erzeigen, Dir dort in jener Straße das Geleite gaben. Ewel kowed sek! Eine schwere tiefe Trauer, tiefes Herzleid faßt mich an, mich, Deinen treuen Freund und Verwandten, und uns Alle hier, die wir Dich nun zu Deiner letzten Ruhestätte geleiten. Dein Andenken ist und bleibt gesegnet für alle Zeiten!" Nachdem noch namens der Familie ein Neffe des Verstorbenen, Herr Schulhof, und für die Beamten des Hauses Klinger der Prokurist, Herr Adler, tiefempfundene Dankes¬ und Abschiedsworte gesprochen hatten, wurde Heinrich Klinger unter den wehmütig ernstenj Klängen der üblichen liturgischen Gesänge ins kühle Grab gebettet. Sein Andenken sei gesegnet! Der Geist der Kibei. Von D. A. Sulzbach-Rosenfeld. (Fortsetzung.) Eine weitere, schwerwiegende Ursache der Verkennung der alleinigen Tendenz unserer Bibel: das geistig-ethische Moment wird von einem nicht unbeträchtlichen Teile unserer Glaubensgenossen heraufbeschworen. Blinder Fanatismus, starre Orthodoxie, geschäftliches Interesse trüben noch gewaltig das klare Verständnis unserer Bibel, welche im Sinne des Fortschrittes des jeweiligen Zeitgeistes und dem Geiste der Bibel selbst aufgefaßt und gedeutet werden will. Wahrlich, sie, die vor geistiger Auffassung unserer Bibel zurückschrecken, dieselbe perhorreszieren und verdammen, sich an den toten Buchstaben fanatisch anklammern und denselben durch Deutungen heterogenster Art oft bis zur Unkenntlichkeit entstellen, sie erweisen der mosaischen Lehre einen gar schlimmen Dienst: sie entkleiden sie ihrer Exklusivität und drängen und zwängen sie in die Reihe lichtscheuer Religionen. Unverständlich und unverzeihlich ist es, welch verblüffende Naivität sie an den Tag legen, mit welcher Ueberhebung und