Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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wCiic 4. Die Wahrheit Nr. 3. der diversen Lizeal- und Pensionskurs^ sein, wenn man an sie die Zumutung stellen wollte, sich mit dem Dienstmädchen zum Waschtrog zu stellen oder. „Gott soll behüten", gar den Fußboden der Küche ausreiben zu sollen! Wir sprechen da nicht so sehr von den Töchtern der Reichen, die es weder jetzt, noch in absehbaren Zeiten in der Zukunft nötig haben werden, „sich die Hand naß zu machen", nein, wir haben da größtenteils die Mädchen des Mittelstandes vor Augen, deren Mütter oft alle diese Arbeiten, die ein so modernes Kind der Neuzeit für ungeheuer ..entwürdigend" hält, faktisch selbst mitgemacht haben! Wir Inden müssen uns beim Erwerb viel intensiver plagen als andere, wir können die Mittärigkeit unserer Töchter und Frauen nicht entbehren, wenn wir nicht in Masse der Verarmung verfallen wollen! Welch Herzleid verursacht oft dem Manne selbst die beste Frau, wenn sie ihm nahelcgt, verschiedene Ausgaben machen zu müssen, die in den Rahmen seiner gewöhnlichen Einkünfte nicht passen! Was wird da alles als „unausweislich" dargestellt, von den 15 bis 20 fl.-Hüten bis zu den 100 fl.-Toiletten! Und meistens behaupten die Frauen „eigentlich", um alle diese Sachen nicht zu stehen, der vorjährige Hut, das vorjährige Kleid wären ja noch recht gut, aber — in solch unmodernem Zeug kann man sich ja nirgends mehr sehen lassen, man müßte da nur die ganze Zeit zu Hanse sitzen, denn was möchte ..die ganze Welt' dazu sagen? Wieviel Unnützes wird ausgegeben, dieser ..ganzen Welt" zulieb! Die ganze unnütze Ausgeberei fängt gleich mit der Verheiratung an. Wenn so ein einfaches Judenmädchen, sagen wir mit 3000 bis 4000 fl. Mitgift heiratet, wie nobel muß schon da die Ausstattung an Möbeln fein! Die Zumutung, als Wohnung ein Zimmer und Küche zu nehmen, auf 200—800 fl. Zins, wäre oft Grund genug, die Partie zurückgehen zu lassen. Man muß doch mindestens ein besseres Zimmer, einen sogenannten Salon haben, um, wenn jemand zu Besuche kommt, ihn „weiterführen" zu können! Wieder die verflixte „Welt"! Die vier bis fünf Freundinnen aus den Mädchenjahren müssen nebst einigen Hundert Gulden für einmalige Möbelausgabe noch jährlich mindestens 100 fl. an Mehrzins die jnnge Familie kosten, nebst der ganzjährigen Mühe des Jnstandhaltens der Wohnung und der Möbel und den daraus resultierenden Kosten für die Bedienung. Ein junger Mann mit einem Einkommen von 800 bis 1000 fl. kann sich ja nicht trauen, zu heiraten; unter 1200 bis 1500 fl. jährlich traut sich die ..bescheidenste" Frau nicht „für den Anfang" auszukommen. Da sollen sich denn doch die jüdischen Frauen ein Beispiel an ihren nichtjüdischen Mitbürgerinnen nehmen. Wie bescheiden leben da meist selbst die Beamtenfrauen, deren Männer 1200—1800 fl. Gehalt haben! da wird selten ein Dienstmädchen gehalten. Die Hütchen für für 2—3 fl., die so eine Frau trägt, würden unsere Damen mit Verachtung von sich weisen, die einfachen Kleider als „unmöglich" erklären. Hier ist ein Punkt, wo Abhilfe gefunden werden muß, sollen wir nicht, wie bereits erwähnt, dem Pauperismus verfallen. Die Spötter. Von Dr. M. L. Stern. Also hat es sich doch ereignet und wirklich und unleugbar! Die Christlichsozialen im Vereine mit den ihnen günstigen Klerikalen und auch die Herren vom ..Vaterland" haben allen Ernstes und gründlich den Antisemitismus abgeschworen. Sie selbst wollen ihr religiöses Gewissen nicht fürder vogelfrei wissen, sie wollen die Gegenstände ihrer religiösen Verehrung, ihre religiösen Einrichtungen, ihre frommen Gefühle nicht mehr den Spöttern zur Beute preisgegeben haben. Das soll fürder durch Regierungsverordnungen, Gesetze, Zeitungskonfiskationen rurd schwere Strafen verhindert werden, obwohl dabei ihr ganzes ' durch Jahrzehnte flott betriebenes, einträgliches Antisemitengeschäft notwendig zugrunde gehen muß. Solch edle Aufopferung für die Wahrung der religiösen Gefühle in der Christenheit erinnert fast an das Märtyrertum in den Zeiten Neros und Caligulas! Derart scheinen nämlich die Gesichtspunkte der meisten liberalen und Judenblätter infolge der katholischen Aktion beim Ministerpräsidenten Gautsch zu sein. Doch der Geschichtskenner wird sich kaum dieser oberflächlichen und optimistischen Auffassung zuneigen können, In Oesterreich ist es ehrliche Tradition, daß man um Schutzs um Gleichberechtigung, um Gerechtigkeit winselt, wenn man Oberhoheit, Tyrannengewalt, Allmacht, Rechtsunterdrückung anstrebt. Wer den Verlauf der unseligen nationalen und konfessionellen Kämpfe in Oesterreich mit nur einigem Verständnis verfolgt hat, muß darüber bereits zur Genüge aufgeklärt sein. Da zerbrechen sich die liberalen und auch die jüdischen Blätter den Kopf, warum denn die Hüter der religiösen Gefühle die Auslassungen eines obskuren Blattes, in welchem das Heiligtum des Altares verspottet wird, an die breite Oeffentlicbkett herauszogen. In Wahrheit jedoch hätte man eine solche Verspottung sogar erfunden, wenn sie nicht irgendwo als Faktum aufzufinden gewesen wäre. Denn es gilt in Wahrheit gar keine Verteidigung, sondern einen Angriff, es gilt keinen Schutz, sondern Verfolgung und einen Vorwand für dieselbe. Bedarf auch das echte, warm strömende religiöse Gefühl wirklich eines Schutzes vor Spott und Verhöhnung? Für die religiösen Geflihle gibt es nur einen sicheren unfehlbaren Schutz im religiösen Bedürfnis des menschlichen Herzens, das für die Dauer durch keinen Spott verdrängt werden kann. Lasset sie spotten, die dieses religiöse Bedürfnis nicht empfinden. Diese werden sich nur^selbst verächtlich machen. Wie schön erstrahlt doch der erste Datz unserer herrlichen Psalmen gegenüber der wutentbrannten Aktion der Christlichsozialen und der ihnen verbündeten Klerikalen: .. Selig der Mann, der nicht teilnimmt am Sitze der Spötter." Denkt sich die religiöse Ueberzeugnng die Gottheit aufgebracht, voll Zorn und Grimm, als zur Zeit der französischen Schreckensherrschaft jener Schauspieler Danton in die Kirche trat und höhnend ausrieß: „Da stelle ich mich eurem Blitze, tötet mich, wenn ihr mächtig seid?" Hat der zweitausendjährige Hohn und Spott der jüdischen Religion ihre Schönheit, dem Gesetze seine Weisheit, dem Glauben Israels seine aufklärende Kraft, der jüdischen Gotteslehre ihre ewige Wahrheit auch nur irgendwie vermindern können? Das Judentum hat sich längst des Grauens und der Furcht vor Spott und Hohn entwöhnt, unsere Aktion geht nur dahin, daß man uns nicht die Fenster einschlage, daß man uns nicht unserer Rechte beraube, daß man unsere Gewissen nicht bedrücke, unsere Leiber nicht verbrenne, unsere Greise nicht totschlage, unsern Besitz nicht plündere. Vor dem Schaden durch Spott und Hohn ist das Judentum vermöge seiner inneren Größe und Majestät gefeit. Wir können auch gar nicht jene Entrüstung gut begreifen, durch welche sich orthodoxe Juden in New-Iork und London sogar zu Schlägereien mit jenen Spöttern verleiten lassen, die den Kolnidre-Abend durch einen Kolnidre-Ball, den Jomkippur-Fasttag durch ein Jomkippur-Festessen verhöhnen. Ist es denn wirklich denkbar, daß am Tage darauf der Katzenjammer der Tänzer und Schwelger das Nachgefühl der durchweihten Gemüter überstrahlen könnte? Wo werden sich Eltern, Kinder und liebende Brautpaare seelenvoller umschlingen? Dort, wo man verklärt von der Synagoge zurückgekommen ist, oder dort, wo man vom Tanzen und Schwelgen zurückkam? Edle Religionen bedürfen nicht des Schutzes der polizeilichen Staatsgewalt, sondern der Gewissensfreiheit im Staatsleben. Ans der Woche. Anläßlich der Debatte, die im deutschen Reichstage über den Dreschgrafen Pückler sich entwickelte, sagte der Justizrat Dr. Lenzmann u. A.: „Ich bin nicht ungerecht, nicht ordinär' , und nicht dumm genug, um Antisemit zu sein." Diese Aeußerung