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Die Wahrheit · 1905-01-20 · Heft 3 (20.1.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrcheit Redaktion u. Administration: Wien, EL/j Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 1531)2. Unabhängige Aeitfchrift für Mische Wezngspyeis: Ganzjährig . . . K. 12.— Halbjährig ... St. 8.— Interessen. Für Cultttsbeamte: Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Ganzjährig . . . K. iv.— Abonnementsu. Jusertions- Krscheinl jeden Kreilag. Für Ausland: betröge sind in Wien zahlbar Ganzjährig ... 8 Mark. und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!” 8 Rubel oder iü Fcs. |tv. 3. Wien, 20. Jänner 1903. Inhalt: Wie verheiratet man mitgiftlose Mädchen? — Die Spötter. — Aus der Woche. — Kaiserl. Rat Heinrich Klinger. — Der Geist der Bibel Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton. — Kantorale Zustände in — Amerika. Mir verheiratet man mitgistlole Mädchen? Eine bekannte Schriftstellerin behandelte vor kurzem, wie die Tagesblätter berichteten, vor einem geladenen Publikum und unter großem Beifall obiges Thema, indem sie auf die von Tag zu Tag sich mehrenden Schwierigkeiten der Eheschließungen und auf die statistisch nachweisbare..-Abnahme-derselben hinwies und als Mittel zur Sanierung dieser vom volkswirtschaftlichen Standpunkte gewiß bedauerlichen Erscheinung vor allem die Gründung von Mitgiftkassen, dann die Einführung von Junggeseüensteuern und dergleichen empfahl. Andachtsvoll lauschten die Mädchen und Frauen den vielen, manchmal recht wuchtigen Wahrheiten aus dem Leben und mit atemloser Spannung warteten sie auf die versprochene Offenbarung. Wir wissen nicht, wie weit wirkliche Teilnahme oder bloße Neugierde eine so große Schar an jener Stätte zusammenführte, auch ist es uns nicht bekannt, ob die Zuhörerschaft aus denselben Elementen bestand, die vor Jahren einer entgegengesetzten Auffassung des gleichen Themas in dem Vortrage : „Wie erziehen wir unsereKinder zurEhe?" williges Ohr lieh, dessen wörtliche Reproduktion unsere nichts weniger als peniblen Tagesblätter aus preßpolizeilichen Gründen „leider" nicht wagen zu können glaubten — so viel ist aber sicher, daß die Frage höchst akut ist, und besonders akut für die Leser, respektive Leserinnen dieses Blattes, denn gerade unter uns Juden macht sich in neuerer Zeit der Ueberschuß an „unversorgten" Mädchen stark fühlbar. Der Schwerpunkt der Frage liegt jedoch nach unserer Meinung in einem von der Vortragenden viel zu wenig gewürdigten Umstande. Alle die phantastischen Mittel, wenn sie auch teilweise realisierbar wären, werden zu keiner radikalen Abhilfe führen, es muß vielmehr in dem Zeitalter des weiblichen Uebermenschen, dem jungen Manne leichter gemacht werden, einen Hausstand zu gründen. Dies wird aber nur dann der Fall sein, wenn sich die jungen jüdischen Mädchen auf eine praktische uhrung eines Haushaltes auch mit bescheidenen Mitteln >' htig verstehen und, an den materiellen Lebensgenuß nich so hochgespannte Erwartungen stellen werden, wie es leider herrschende Mode ist, die Mode über seine Kräfte hauszuhalten und zu leben, mit einem Worte das Leben über „Z'sLb.olss". In diesem Sinne äußerte sich schon vor Jahren ein Prager Blatt und wir halten es für unsere Pflicht, dieser warnenden Stimme uns anzuschließen. Die Männer haben bei uns Juden schwer zu leiden durch Anforderungen, die von ihnen und ihrer Umgebung an die Höhe ihrer Lebenshaltung gestellt werden, Anforderungen, die bei den wirklich schweren Zeiten, die über alle Welt, im stärksten Maße aber über uns Juden hereingebrochen, täglich schwerer zu erfüllen sind. In etwas befferen Zeiten haben wir uns gewöhnt, etwas flotter in unseren Ausgaben zu sein, das schlimme Beispiel einiger Reicheren unter uns hat das seinige dazu beigetragen, und jetzt haben die meisten nicht mehr den moralischen Mut, Einkehr zu tun, und leben weiter, wie früher, trotzdem es ihre finanziellen Kräfte übersteigt. Täuschen wir uns nicht, sondern sagen wir es frei heraus, die meisten Juden leben weit über ihre Verhältnisse, oder wie man zu sagen pflegt, über ihr „Jeelioles-. Selten ist heutzutage jemand in der Lage, von dem Ertrage seines Geschäftes, seines Unternehmens oder Gehaltes Ersparnisse zu machen, denn der kostspielige Haushalt, die teuere Wohnung, die Toiletten der Frau und Kinder, die Erziehungskosten der letzteren, das Kaffeehaus, die Karten, Ausflüge, Sommerwohnung und wie alle die „unausweichlichen" Ausgaben heißen, verschlingen vollständig das ganze Einkommen und sogar noch mehr. Außerdem ist es in den meisten Fällen bloß der Mann, der das Ganze verdienen muß, in den seltensten Fällen findet er an der Frau einen treuen Mitarbeiter im Gewerbe, dagegen allzuoft einen Berleiter zu den größten Ausgaben. Die Erziehung unserer Kinder ist eine kostspielige, aber die Erfolge dieser Erziehung stehen in keinem Verhältnisse zu den Ausgaben. Wir haben in erster Reihe die Erziehung unserer Töchter vor Augen. Es gibt genug vernünftige Väter und Mütter, die sich sagen, „unsere Töchter müssen etwas Praktisches lernen, damit sie sich notfalls auch allein erhalten können", aber du Töchterchen 'werden so erzogen, daß sie in dem Wahne aufwachsen. „es eigentlich nichr nötig zu haben", und so kommt lauter Stückwerk heraus; Hunderte fangen an, Klavier klimpern zu lernen, und kanm eine von Tausend wäre in der Lage, sich mit dem Klavierunterrichte ihr Brod zu verdienen. Hunderte z. B. lernen nähen, und wenn es dazu kömmt, später ihrem Manne ein Stück Wäsche flicken zu müssen, so nehmen sie dazu eine Näherin ins Haus. Es ist kein rechter Ernst mit dem Verdienen- und Arbeitenwollen, man läßt sich dies meistens bis zum Muß. Wie beleidigt würden all diese „Absolventinnen" ..-. rrrm-r

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