Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Seite IO. Die Wahrheit. Humor beizubehalten. Als sie kürzlich den Besuch einer Dame erhielt, i zeigte sie noch eine seltene Geistesfrische und erkundigte sich ängej legentlich um deren Familienverhältniffe. Auf die Frage der Besucherin, ob sie es nicht vorziehe, in ihrem stillen Heimatsorte als in der Residenz zu wohnen, bemerke sie: „Was soll ich in einem Orte beginnen, wo ich niemanden mehr kenne?" Noch im verflossenen Sommer ging sie ohne. Begleitung aus, um kleine Einkäufe fürs Hans persönlich zu besorgen. Natürlich wußten ihre Angehörigen nichts von diesen Ausgängen. Bon früher her gewohnt, früh aufzustehen und spät zu Bette zu gehen, hält sie auch in ihrem hohen Alter diese Gewohnheit bei. Um Uhr früh verläßt sie das Lager, das sie erst um ^«.lO Uhr abends wieder aufsucht. Aus manche Fragen gibt sie noch richtigen Bescheid, während manch andere nicht richtig aufgefaßt werden. Nur durch dies letztere allein verrät sie, daß sie den „Hunderter" überschritten hat. Berta Kulka. Wie«. Der unermüdlich wirkende Brigittenauer israel. Frauen- Wohltätigkeitsverein veranstaltete Sonntag den 8. d. M. im Ballsaale des Etablisiement Ronacher seine diesjährige Akademie mit anschließendem Tauzkränzchen und Dank dem guten Ruse, dessen sich dieser Verein in allen jüdischen Kreisen der Residenz erfreut, war auch Heuer der Zuspruch ein überaus zahlreicher. Frau Dr. Emilie Weiß, die Präsidentin des Vereines, unterstützt von den Herren Dr. Max Saxl, Sekretär Josef Kohn, Affistent Dr. Armin Süß, rnsd. Alt, Heinrich Hager, med. Freuder, I. Pallenberg, Moriz Süß rc., machten unausgesetzt und in der liebenswürdigsten Weise die Honneurs. Nachdem das von ersten Kunstkräfteu ausgesührte musikalisch-deklamatorische Programm absolviert war, begann nach Mitlernacht der Tanz, dem die fröhliche Jugend bis zum Morgengrauen huldigte. Wir wollen hoffen, daß auch das finanzielle Ergebnis ein befriedigendes ist, zu Nutz und Frommen der armen und ärmsten Glaubensgenossen, deren es leider gar so viele gibt. Wie«. (Die Taufe durch die Bonne.) Die Wiener Polizei interessiert sich seit einigen Tagen sehr für den gegenwärtigen Aufenthalt eines jungen Mädchens, der 17 jährigen Bonne Bernadette Patsch, deren sie dringend zur Aufklärung einer in ihren Details noch ziemlich mysteriösen Affäre bedarf. Die Bonne war seit vier Monaten bei dem jüdischen Hofuud Gerichtsadvokaten Dr. Michael M. bedienstet, wo ihr die Aufsicht über die Kinder der Familie oblag. Vor einigen Tagen fand Dr. M. in der Wohnung das Konzept eines Briefes, ut dem die Bonne einem in Wien wohnhaften geistlichen Funktionär die Mitteilung machte, daß sie an der sechsjährigen Tochter des Advokaten das Sakrament der Taufe vollzogen habe und das Mädchen somit jetzt römisch-katholischer Religion sei. Man beftagte die Bonne und diese gab zu, daß sie das Kind des Advokaten getauft habe. Allen weitern Fragen machte sie damit ein Ende, daß sie unter Zurücklaffung ihrer Effekten das Haus verließ, und seither konnte sie nicht ausfindig gemacht werden. Verschiedene Anzeichen sprechen dafür, daß Bernadette Patsch nicht im Vollbesitze ihrer geistigen Kräfte sich befindet. Zwei Schwestern des Mädchens leben in Wien, beide haben aber die Bonne seit längerer Zeit nicht gesehen, und man glaubt, daß sie vielleicht in einem Kloster Zuflucht gestruden hat. Dem kleinen Mädchen hatte die Bonne streng eingeschärft, niemandem von der vollzogenen Taufe etwas zu sagen, und die Kleine beobachtete auch vollkommenes Stillschweigen über die Vorgänge und will selbst den Eltern nicht alles sagen. Jetzt sucht man die Bonne. Baden. Montag am 2. Jänner l. I. starb hier Herr Salomon Klauber, Bizepräses der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde. Der Verblichene, den viele schöne Tugenden und insbesondere hervorragende Herzensgüte auszeichneten, wirkte eine lange Reihe von Jahren als Beirat rm Vorstände, mit welcher Tätigkeit er sich große Verdienste um die Knltusgemeinde erworben hatte. In der am 3. d. startgefundenen Trauerkundgebung des Kultusausschuffes hob der Vorsitzende. Herr Präses Moriz Leitner, die langjährige gedeihliche Wirksamkeit des Verblichenen hervor, was zu Protokoll genommen und zugleich beschloffen wurde, dem verdienstvollen Hingeschiedenen von der Kultusgemeinde und der Chewra-Kadischa Baden ein Ehrenleichenbegängnis zu veranstalten. An dem am 4. d. erfolgten Leichenbegängnisse beteiligten sich die Vorstandsmitglieder der Kultusgemeinde und der Chewra-Kadischa mit ihrem Präses Herrn Moriz Leitner an der Spitze, wie auch zahlreiche Gemeindemitglieder. Die von Sr. Ehrwürden Rabbiner W. Reich gehaltene Trauerrede machte auf die Zuhörer den tiefften Eindruck, wie auch die Gesangsvorträge des Oberkantors M. Seifert, affistiert vom Tempelchore, von bedeutender Wirkung waren. Der Verblichene starb kinderlos und hmterließ eine hochbetagte Witwe. Sein Andenken wird in der Knltusgemeinde Baden bewahrt bleiben. Austerlitz. Am 25. Dezember fand hier im festlich beleuchteten Tempel die Trauung des Fräulein Helene K o l l e k, Tochter des Herrn Samuel K o l l e k, mit dem Gemeinderat und Repräsentanten in Szakolcza, Herrn Hermann Schefzanek, Sohn des Kultusgemeindevorstehers Herrn Heinrich Schefzanek, statt. Den Trauungsatt, dem zahlreiche Gäste beiwohnten, vollzog der Rabbiner aus Neu-Rausnitz Dr. M. Steif, und die kantorale Funktion versah der Austerlitzer Oberkantor mit Chor und Orgel. Uug. Brod. Unsere jüdischen Mädchen veranstalteten am 18. v. M. einen Geselligkeitsabend, deffen reicher Ertrag den Bedürftigen unserer Gemeinde gewidmet war. Drei fröhliche Einakter von Karl Krieg wurden von den Darstellerinnen trefflich zur Geltung gebracht und versetzten das Publikum in heitere Stimmung, die während des Tombolas womöglich noch gesteigert wurde. Uug. Brod. Der Zionistenverein „Achawah" aus Ung. Hradisch veranstaltete hier am 27. v. M. eine verspätete Makkabäerfeier, zu der sich ein überaus zahlreiches Publikum einfand. Der Hochschüler Arthur Freud hielt die Tendenzrede. Er vermochte trotz seiner schwungvoll.n Sprache die fortschrittlichen Elemente unserer Genieinde nicht zu gewinnen, da sie nur wenig begeisterungssähig sind, die konservativen aber fühlten sich durch seine Behauptungen wie: „Chanuka ist ein nationales Fest, das 'erst allmählich zu einem religiösen umgewandelt wurde" oder: „Erst war die Nation, dann die Religion" fast unangenehm berührte.' Der Bortrag 'mehrerer Lieder im Jargon, Gedichten von Morris Rosenfeld und anderen,, einiger Klavier- und Biolinpiecen wurde mit reichem Beifall ausgenommen. Der Abend verlief recht animiert. Pirnitz. Nach beifällig aufgenommenem Probevortrage ist hier Herr - Gottftied K o r n st r e ich e r, ein Schüler des Oberkantor Bauer in Wien, als Kantor und Schochet akzeptiert worden. Prag. Montag, den 23. Jänner 1 Uhr nachmittags findet in der Zigeuner-Synagoge die Trauung des Fräulein Anna Fried, Tochter unserer geschätzten Mitarbeiterin und bekannten Schriftstellerin Frau Babette Fried, mit Herrn Arthur Gärtner statt. Budapest.' Die Pester Chewra-Kadischa beriet in einer kürzlich stattgehäbten Ausschuß sitzung unter anderem auch über die Frage des Verkaufes des Vereinshauses in der Nagy koronautza Nr. 13. Der Ausschuß stellte den Minimalpreis von 650.000 K fest. Hierauf bezügliche Offerte sind mit einem fünfperzentigen Vadium an den Vereinsvorstand zu richten,, der mit einem zu diesem Zwecke delegierten Koniitee die entsprechenden Verfügungen trifft. Miskolcz. Der Vorstand der Miskolczer Chewra Kadischa hat in einer letzhin abgehaltenen Sitzung beschlossen, das neuerbante Spital am 1. Februar seiner Bestimmung zu übergeaen. Als interessantes Moment sei erwähnt, daß dieses Spital eiue anderthalbhundertjährige Vergangenheit hat. Das mit allen technischen Errungenschaften der Neuzeit ausgestattete Spital ist mit einer Kaltwasserhellanstalt verbunden und geeignet, auch den höchsten Ansprüchen gerecht zu werden. Die Eröffnung wird mit Vermeidung jeder Oeffentlichkeit in Gegenwart des spitalerhaltenden Heiligen Vereins und der Leitung der israelitischen Kultusgemeinde stattfinden. Lemberg. Wenn unsere Alten in ihrer Weisheit es nachdrücklichst betonen, daß die Volkslehrer mit ihren Worten besondere Vorsicht gebrauchen müssen, so hat die beste Lehrerin des Lebens, die Erfahrung, diesen Ausspruch als vollkommen bewährt bewiesen und diese Pflicht als die erste und unerläßlichste Aufgabe des Redners anerkannt. Das Wort ist ja die Brücke,auf welcher die Seelen sich begegnen, die einzige Offenbarung der verborgenen Herzenswelt, der Spiegel, der uns die geheimsten Gedanken malt; Worte sind die Boten des Geistes des Redners und enthüllen seine innere Gesinnung. Worte sind Taten, ja Taten von nachhaltiger Wirkung für die Zuhörer, welche vertrauensvoll auf die Rede des Volkslehrers lauschen und selbe als Wahrheit anerkennen. Zugleich aber hat der Mann, welcher die heilige Aufgabe übernimmt, die geistigen und ethischen Interessen der Gemeinde zu fördern, auch bei seinen Taten große Vorsicht anzuwenden, da er ja als Vorbild alles Guten und Edlen zu gelten hat, und darum können wir mit Fug und Recht zu dem Ausspruch unserer alten Weisen hinzufügen: „Seid auch vorsichtig in eueren Taten." Und nun zur Sache. Der bedeutende Geschichtsprofessor an der Universität zu Breslau Jacob Caro ist — so lesen wir in dem „Frankfurter Israel. Familienblatt" Nr. 49, S. 10 — vor einigen Tagen gestorben. Im Namen der philosophischen Fakultät und seiner Amtsgenossen hielt der Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Partsch dem Entschlafenen einen tief empfundenen Nachruf, in welchem er die hohen Verdienste des Prof. Caro um die Wissenschaft hervorhob. Caro — heißt es daselbst weiter — fühlte sich im Leben nie als Jude und man glaubte, daß er getauft sei. Dev Oberrabbiner Dr. Caro aus Lemberg hielt dem verstorbenen Bruder die Trauerrede, in welcher er ein Leben pries, das sich aus der dumpfen Rabbinerstube heraus so herrlich entfaltet habe. Ist es schon komisch — wie die Red. der genannten Zeitung bemerkt — aus dem Munde eines Rabbiners solche Worte zu hören, so ist es eine Pietätslosigkeit gegen den berühmten Vater, der auf dem Gebiete des jüdischen Schrifttumes tteffliche Leistungen zu Tage förderte und in dessen Rabbinerstube das Licht der Gotteslehre Wärme und Heiterkeit verbreitete. Ad vocem Dr. Caro möge hier erzähl: werden, daß derselbe im Tempel zu Lemberg am 30. Dezember 1904 Freitag abends beim „Empfang des Sabbat" eine Gedächtnisrede für Maimonides abgehalten hat, in der er nichts Besseres zu betonen hatte, als daß der „Rambam" in seinem Buche „Mischne Tora" die Lehre verbreitete, daß es Pflicht der Juden ist, nichtjüdische Arme zu unterstützen und zu pflegen; Dr. Caro hat aber vergessen, daß diese Lehre eine rein talmudische ist, welche Maimonides in sein Buch ausgenommen hat, wie er es mit allen halachischen und ethischen Vorschriften getan. Köstlich war auch das Programm zur Maimonidesfeier, nämlich- Trauergebete, wie man sie hier bei Leichenbegängnissen im Gebrauche hat, und ein Psalm mit der Musik der katholischen Ave Maria, ein recht paffendes E n s e m b l e zum „L’cho daudi". Zum Schluß noch eine kleine Geschichte. Eine Trauung sollte stattfinden, bei der Dr. Caro zu fungieren hatte. Als die Brautleute um sieben Uhr abends — in welcher Zeit die Trauung vorgenommen werden sollte — noch nicht ganz bereit: waren und um eine halbe Stunde Verzug baten, ging Dr. Caro ins Theater und wollte an diesem Abend die Trauung nicht mehr vornehmen,, was bei den Hochzeitsgästen eine allgemeine Entrüstung hervorgerufen hat.. Als Referent betone ich es nachdrücklichst, daß ich nur widerstrebend und mit peinlichem Schmerzensgefühl zu diesem Bericht die Feder in die Hand genommen habe, als mich die allseitige Empörung über das Gebahrendes Tempelrabbiners und das dringende Ansuchen, das an mich gestellt wurde, bestimmte, dieses Alles der Oeffentlichkeit zu übergeben. Möge es Dr. Car» gelingen, sich zu rechtferttgen oder alles zu dementieren.