Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Die Wahrheit Leite 5. verschämt lügen, war doch, meine Seele bedeckt mit den für den Liberalismus erhaltenen Wunden. Sie wußten, daß sie verleumden, denn ich sterbe eher, als daß ich in meinen Prinzipien wankend werde. Ich sah all dies ganz gut und schwieg. Aber jetzt, erfordert es das öffentliche Interesse, daß ich spreche. Unsere heilige Religion gehört nicht der Regierungspartei, unsere Institutionen, unser kirchliches und unser Lehrpersonal können wir nicht der Negierung verkaufen. Es ist ein Heiligtumschänder, ein in das Heiligtum eiugedruugener Schacherer, der sich solches erdreistet. Ich habe von meinen Glaubensgenossen nie etwas verlangt. In der Politik bin ich kein Jude, sondern Mensch, Bürger, Ungar. Soviel kann ich jedoch fordern, daß man die Institutionen unserer Religionsgemeinde nicht gegen mich als Waffe verwendet. Nicht das Votum, nicht das Mandat regt uns auf. Ich stehe gern beiseite. Aber Jene haben meine Seele vergiftet, die mich zuerst unter meinen Glaubensgenossen hinterlistig verleumdeten, jetzt sich aber auch amtlich gegen mich kehren. Ich verstehe es ja. meine Welt ist eine andere als die ihrige. Macht, Vermögen, Titel ist das Verlangen dieses Bruchteils. Ich begnüge mich damit, meinem Sohn einen ehrlichen Namen zu hinterlassen. Ich kenne sie. Als zur Zeit der Rezeptionsbewegung unter der Regierung des Grafen Julius Szapary das Interesse unserer Religion und das der Regierung zusammenstieß, haben sie sich gegen mich gekehrt und ohne Zögern das Interesse der Regierung gewählt. Ich kenne sie. Als die vertriebenen rumänischen Juden, einen Verteidiger suchten, haben sie vergebens an ihren Türen gepocht. Was würde hiezu die Regierung sagen! Die Regierung! Ich war bei beiden Gelegenheiten ein treuer Sohn meines Glaubens, und das bleibe ich auch. Aber gemeinsam amtieren mit solchen Leuten kann ich nicht. Nehmen Sie daher, Herr Präsident, zur Kenntnis, daß ich hiemit von der Mitgliedschaft der Gemeinderepräsentanz, sowie der Gemeindedistriktsvertretung abdanke. Schließlich sage ich jener Riviera, welche mit majestätischem Eifer die Regierung bei der Verwirklichung ihres eingestandenen Prinzips, daß ..für Budapest drei jüdische Abgeordnete zu viel sind", noch eines: Ihr habt mich' verkauft, wie Joseph seine Brüder verkauften. Ich vergebe Euch, wie Joseph seinen Brüdern vergeben. Wenn wieder einmal, was die Gnade Gottes verhüten möge, neuerlich dunkle Wolken sich über uns auftürmen sollten, werdet Ihr nach schöneren Gegenden flüchten, ich aber werde mit meinem Leib und meiner Seele, mit jedem Blutstropfen dort sein, um meine Glaubensgenossen, die arbeitende, kämpfende, für ihr Vaterland und ihre Familie schwärmende, bürgerliche Menge, meine wahren Brüder zu verteidigen. Budapest, 4. Januar 1905. Dr. Wilhelm Bäzfony." Unter dem Drucke der öffentlich gegen ihm betriebenen Agitation sah sich nun Hofrat Dr. Philipp Weinmann veranlaßt, seine Demission als Präses-Stellvertreter der Gemeinde und Obmann der Unterrichtssektion zu geben, was er dem Gemeindepräsidenten schriftlich mitteilte. In Anbetracht des großen Wertes, den die Leitung der Gemeinde auf die Mitwirkung des Herrn Dr. Weinmann legt, hat jedoch der Vorstand, der wiederholt das Prinzip ausgesprochen, aus seinem Wirkungskreis jedes politische Moment ausgeschlossen zu halten, Herrn Dr. Weinmann einstimmig ersucht, seine Demission zurückzuziehen, und diese Kundgebung bestimmte Herrn Hofrat Dr. Weinmann zu weiterem Verbleiben im Amte. Hiemit scheint die Affaire endgiltig erledigt zu sein. I). 8. 8. Dr. Morst Kichtenstrrn. „Wer bescheiden auf die Verdienste anderer hinweisend, seine eigenen Leistungen nicht hervorhebt, dessen Verdienste finden stets die wohlverdiente Anerkennung", bemerkt der Talmud sinnig und verweist dabei auf die große Bescheidenheit unseres Lehrers Moses, der seiner eigenen Verdienste gar nicht, wohl aber der Verdienste der Väter gedachte, damit Gott ihretwegen seine Barmherzigkeit der bösen Welt zuwende, da er der Verdienste der Väter stets gedenke. So war auch der am 25. v. M. zur ewigen Ruhe gebettete Dr. Moriz Lichtenstern, ein Mann von edelster Bescheidenheit, der nie seine Vergangenheit vergaß, sondern stets dessen gedachte, daß er aus kleinen Anfängen sich zu großer Bedeutung emporgeschwungeu hat. Er stammte von armen Eltern, die ihm nur wenig materielle Güter bieten konnten, dafür aber in des Kindes empfängliches Herz Gottessilrcht und Menschenliebe pflanzten. Und diese Saat ging herrlich auf. Dr: Lichtenstern bekleidete durch viele Jahre die Stelle eines Präsidenten der böhmischen Laudesjudenschafr und bei ihm konnte jeder Rat und Hilfe suchen; für jeden hatte er ein freundlich Wort, einen guten Rat und zumeist rasche Hilfe, wenn es nur irgendwie möglich war. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! ^sossisso llazoselivr wehatob. Tu das Rechte und Gute! Er bemühte sich stets, nach beiden Seiten, dem Rechte und der Milde zu dienen, getragen vom Vertrauen seiner Mitbürger, die ihn, in Würdigung seiner großen Fähigkeiten, mit mannigfachen Würden und Bürden überhäuften. Er ivar ein Beschützer der Armen und Verlassenen und ein väterlicher Freund der Waisen, die er letztwillig reichlich bedachte. Wußte er doch selbst der Armen Los zu würdigen, denn er war ja selbst einst in bedrängter Lage, arm und hilfsbedürftig, und vergaß dessen nie. Trotzdem Dr. Lichtenstern als Präsident der Landesjudenschaft, als Mitglied der Repräsentanz der Kultusgemeinde Prag und in anderen öffentlichen Stellungen stark in Anspruch genommen war, hatte er auch für die Wissenschaft des Judentums lebhaftes Interesse. Mit welchem Eifer sah man ihn den Rabbinerprüfungen am Wiener Seminar auwohnen, wie leuchteten seine freundlichen Augen, wenn er dem Gauge der Prüfung folgend, die Vielfältigkeit der jüdischen Wissenschaft und Forschung bewundern konnte, und welch großes Interesse entfaltete er stets, wenn man ihm Fragen der Entwicklung des modernen Judentums vorlegte!-Ich war so glücklich, ihn öfter über seine Auffassung des Judentums zu vernehmen, und manche Anregung verdanke ich dem entschlafenen Meister. Ihm war das jüdische Herz alles. Herzensgüte, Herzenstreue und Innigkeit waren ihm der Inbegriff jüdischen Glaubens. Im Herzen voll religiöser Innigkeit und lebendiger Kraft für das alte, große Judentum, nach außen voll Entgegenkommen, liebevoller Freundlichkeit und edler Mäßigung, das war ihm straL schomajim unb jiras cliet, Gottesfurcht und Scheu vor gefährlichen Irrungen, die in unseren Tagen manchen Feind uns geschaffen. Er war gut und treu gegen Gott und Menschen. Wenn Dr. Lichtenstern als lebenslängliches Mitglied des Kuratoriums des Wiener Rabbinerseminars sich als Freund jüdischen Wissens und Forschens erwiesen hat, so ist das ja schon ein glückverheißendes Zeichen für unsere arg vernachlässigte Gotteslehre, denn gewiß werden seine Kinder und Verwandten, denen Gott in ihrem Schmerze Trost und Segen spenden möge, sein Werk fortsetzen, eingedenk der Worte, daß es eine der ersten Pflichten ist, den Willen eines teuren Verblichenen zu erfüllen. Sein Lebensweg, seine Bahnen sind die äußeren Zeichen seines festen Willens, dem Judentum zu dienen! Auch seine Angehörigen werden sicherlich das Vermächtnis dieses unvergeßlichen Mannes Hochhalten und dem Judentum treu anhängen, dem Glauben der Väter, der Duldsamkeit, Milde und Gerechtigkeit als die höchsten Güter der Menschheit bezeichnet. Wenn es noch so finster um uns wird, so lange wir Männer wie Dr. Moriz Lichtenstern unser eigen nennen, braucht uns um unsere Zukunst, die ja auch die Zukunft aller bedrängten Minoritäten ist, nicht bange zu werden. Möge uns der schirmende Allvater weiter solch begeisterte Streiter senden, die für unsere aerechte Sache mit gerechten Mitteln kämpfen, den Witwen, Waisen und allen Verlassenen aber solche Freunde, wie der Entschlafene es war! K r u m m a u, im Jänner 1905. Dr. L. Hirsch. Hofrat Heinrich JeUinek de Haratzti. Wie wir bereits gemeldet, hat Herr v. Jellinek, in Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiete des Verkehrswesens die königlich-ungarische öostatswürde erhalten. Es ist y - m i iTi I miTT" tit