Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. Nr. 2. Die Wahrheit Die Kenntnis eines hübschen Beitrages zur christlichsozialen Korruption verdankt man der Ansrage, die Gemeinderat Reumann im Gemeinderate an Dr. Lueger stellte. Er wollte wissen, wie die vom Stadtrate bewilligte Fahrpreisermäßigung aus den städtischen Straßenbahnen für einige antisemitische Journale — darunter die „Deutsche Zeitung," das offizielle Parteiblatt der Christlich-Sozialen — mit Dem Beschlüsse vereinbar sei, den Blättern solche Begünstigungen nicht zu gewähren. Der Herr Bürgermeister hatte zur Beschönigung dieses Symptoms einer unwürdigen Korruption nur die lendenlahme Entschuldigung: „Es ist traurig, daß man immer in eine gewisse Zwangslage versetzt wird." Echt antisemitisch! Vor der Zwangslage, gleiches Recht für alle gelten zu lassen, scheint Herr Dr Lueger keine Achtung zu haben. Der Gedanke, eine unbillige Begünstigung der christlichsozialen Organe einfach abzuweisen, scheint den christlich-sozialen Machthabern etwas so Merkwürdiges, daß sie ihn gar nicht fassen können. Lieber werden gefaßte Beschlüsse des Stadtrates mit Füßen getreten. -i- $ -r- Der Vorstoß der Klerikalen, eine Knebelung der nichtklerikalen Presse herbeizuführen, hat selbst christlich-soziale Journalisten erschreckt. Der Gedanke, daß der Staatsanwalt sich ganz in den Dienst der Klerisei stellt, ist auch für den Antisemiten nicht sehr verlockend und so hat ein Verein, dem antisemitische Journalisten angehören, eine Resolution gefaßt, in der es heißt: „Die Einführung administrativer, praktisch an keine Norm gebundener Zwangsmaßregeln gegen die Presse sei über-, flüssig, zumal da politische Parteien den besten Schutz gegen publizistische Uebergriffe ihrer Gegner in der Unterstützung und Förderung ihrer eigenen, oder der ihnen nahestehenden Presse finden können." Die Lehrer waren die ersten, die bemerkten, daß der Antisemitismus eigentlich dazu dienen soll, dem Klerikalismus die Kastanien aus dem Feuer zu holen; es scheint, daß nun auch andere ansangen, es zu bemerken. Zur Mahlbenreguug in Ungarn. Die hochgehenden Wogen des Wahlkampfes in Ungarn ließen diesmal auch die Budapester Religionsgemeinde nicht unberührt und in den letzten Tagen wurde ein Vorkommnis viel besprochen, das den Frieden der Gemeinde zu stören drohte. Der Sachverhalt ist folgender: Bei der letzten Reichstagswahl wurde der Präsident der Demokratenpartei, Dr. jur. Wilhelm Väzsony. mit beispielloser Begeisterung als Reichstagsabgeordneter des VI. hauptstädtischen Bezirkes gewählt. Es war dies die reinste Wahl im ganzen Lande, welche einzig und allein in den Sympathien der Wähler beruhte. In der nunmehr bevorstehenden Wahlkampagne erhielt aber Vüzsony einen mächtigen Gegner in der Person des Ministers H i e r o n y m i, und sowohl der Schulvorsteher als auch der Schulinspektor der Pester israel. Religionsgemeinde unterstützten die Kandidatur Sr. Exzellenz. Dagegen hätte gewiß kein Mensch eine Einsprache. Aber beide Herren richteten in offiziellen Zirkularen an die Lehrer und Professoren der Jsraelitengemeinde die Aufforderung, ihre Stimme für den Minister abzugeben. Das machte böses Blut. 18 Herren vom israel. Schulstuhle richteten an den Gemeindepräsidenten, Herrn Hofial Siegmund K o h n e r, ein Schreiben, in welchem sie den Mißbrauch der Schulinstitutionen zu politischen Korteszwecken verurteilten und ihren Austritt aus dem Schulstuhle anmeldeten. Mehrere Blätter griffen das Vorgehen des Schulvorstehers Dr. Weinmann und des Schulinspektors heftig an. Sie wußten von einem weiteren Austritte der Mitglieder aus dem israel. Schulstuhle zu berichten und forderten allen Ernstes den Rücktritt des Vorstehers der Schulsektion. Dieser nun richtete an den Präsidenten der Pester isr. Religionsgemeinde, Hofrat Siegmund Kohner, folgendes Schreiben: „Hochgeborener Herr Präsident! Es besteht bei uns unverändert das Prinzip, daß aus dem Rahmen unseres Gemeindelebens'und der Gemeinde-Administration die politische Bewegung einfür allemal ausgeschloffen bleibe. Dies war stets und ist auch jetzt mein Prinzip. Wenn ich daher einigen in den Bereich des Unterrichtswesens der .Gemeinde gehörigen Schulmännern meinen Wunsch mitteilen ließ, soweit sie durch ihre politische Ueberzeugnng oder durch andere, ausschließlich von ihnen selbst zu beurteilende Umstände, daran nicht verhindert sind, ihre Zugehörigkeit zur liberalen Partei 'ausdrücklich kundzutun, so tat ich dies ausschließlich als Privatperson. Ich bedauere aufrichtig, daß diese Angelegenheit den Anschein gewann, als ob ich in amtlicher Eigenschaft vorgegangen wäre und in solcher Eigenschaft die Betreffenden beeinflussen hätte wollen. Ich habe eine solche Beeinflussung niemals bezweckt und halte dies auch für die Zukunft für ausgeschlossen. Empfangen Euer Hochgeboren den Ansdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung, mit welcher ich verbleibe Ihr ergebener Dr. Philipp Weinmann m. p., Budapest, am 2. Januar 1905." Hofrat Kohner hat mit lobenswerter Raschheit schon am folgenden Tage, am 3. Januar d. I., eine Vorstandssitzung einberufen, der er dieses Schreiben unterbreitete. Der Vorstand nahm dasselbe zur Kenntnis und erklärte, daß so wie er es in der Vergangenheit niemals als mit seinen Aufgaben vereinbar hielt, in amtlicher Eigenschaft einen parteipolitischen Standpunkt einznnehmen, er auch in Hinkunft all diesem Prinzip festhalten wird; In Verbindung hiemit faßte der Vorstand den Beschluß, sämtliche Beamte der Kultusgemeinde in einem Rundschreiben strengstens anzuweisen, in ihrem amtlichen Wirkungskreis sich jeder Einmengung politischer Natur zu enthalten. Die Blätter forderten trotzdem ganz energisch, daß Dr. Weinmann, seines „häßlichen Amtslllißbrauches" wegen, abdanke. Mittlerweile hat auch Dr. Wilhelm Vä-zsony an den Gemeinde- Präsidenten folgendes Schreiben gerichtet: „Hochgeborener Herr Präsident! Zwei hervorragende Stellungen bekleidende Amtspersonen der Pester israelitischen Kultusgemeinde agitieren in einem an hie Lehrer gerichteten Rundschreiben gegen mich und für die Regierungspartei/ Dank sei ihnen für den Schmerz, den sie in meiner Seele verursacht haben. Dank dafür, daß sie die klaffende Wunde bloßgelegt haben. Seit Wochen beobachte ich, daß ein kleiner Bruchteil meiner Glaubensgenossen mit grimmigem Hasse gegen mich agitiert. Es tut ihnen weh, daß ich in meiner letzten parlamentarischen Rede die bürgerlichen Tugenden verherrlicht habe, Jenen gegenüber, die es für eine Auszeichnung halten, wenn sie aufhören Bürger zu sein. Seitdem munkelt man von mir, daß ich damit meine Konfession angegriffen habe, während ich doch, meiner Herkunft mit Selbstgefühl gedenkend, sagte: „Die Aristokraten möge der Ruhm ihrer Ahnen anfeuern, uns aber das Elend und die Unterdrückung unserer Vorfahren!" Aus mir sprachen die Besorgnis und die Klage jener Klasse, aus der ich herstamme und der ich bis zu meinem Tode angehöre, ich. der Sohn des armen jüdischen Kleinbürgers. Was soll der Markt der Eitelkeit dort oben in jener Schichte, die ich die „soziale Riviera" nenne? Fühlen sie nicht, daß wir es sind, die arbeitenden, für ihre Familie von früh morgens bis spät abends kämpfenden armen Juden es sind, die wir jene Antipathie erleiden müssen, welche ihre eitle Sehnsucht erweckt? Mit welchem Rechte geben sie einen Vorwand zu dem immer latenten Hasse und mit welchem Rechte verschachern sie uns alle an jede Regierung? Aber ich schwieg, bis die Gehässigkeit sich in amtlicher Gestalt zeigte. Meine Seele zuckte, als ich hörte, daß in den gegen mich abgehaltenen Versammlungen zu neun Zehntel Juden gegen mich schäumten. Sie hatten ihren bequemen Mantel dafür: Ihre regierungsfreundliche politische Ueberzeugung. Ich duldete, als man, auf die Beschränktheit Einzelner rechnend, bei meinen Glaubensgenossen mit dem Märchen hausierte, daß ich mich mit Rakovsky verbunden habe, daß ich klerikal geworden sei. Und zur selben Zeit bestellte man im Extravillan bei den Karmelitern eine Predigt, damit man keinen jüdischen Abgeordneten wähle. Ich sah ganz gut, was sich unter der „liberalen Ueberzeugung" verberge, aber ich schwieg. Sie wußten, daß sie un-