Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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In zwei dramatischen Werken, die in den letzten Tagen das Interesse des Wiener Theaterpublikums fesselten, hat der Geist der Toleranz und der Nächstenliebe, der in unserem öffentlichen Leben leider immer mehr zurückgedrüngt wird, herrliche Siege errungen. Lessings „Nathan der Weise", dieses hohe Lied der Nächstenliebe, hat im Raimund-Theater (durch die Darstellung Ferdinand Bonns) der Mitwelt in Erinnerung gebracht, wie vor mehr als hundert Jahren einer der erleuchtetsten und mächtigsten deutschen Denker über — konfessionelle Fragen dachte. Und in den /,Klosterbrüdern," dem Stücke eines modernen Dramatikers, verkündet ein edler, humaner Priester sein Evangelium der Nächstenliebe, indem er einen Hymnus auf Lessings „Nathan der Weise" und auf seine herrliche Parabel von den drei Ringen anstimmt. * ❖ -i- Bei dieser Gelegenheit mag darauf hingewiesen werden, wie die Literarhistoriker bei ihren Untersuchungen die Resultate jüdischer Forschungen vornehm ignorieren. Wir haben hieran erst kürzlich bezüglich des Shakespearffchen Shylock erinnert und finden Anlaß zu der gleichen Bemerkung bezüglich der Parabel von den drei Ringen. Lessing selbst hat schon erwähnt, daß er keineswegs der Erfinder der Parabel sei. Er schrieb am 11. August 1788 in einem Briefe an seinen Bruder: ..Ich möchte zwar nicht, daß der eigentliche Inhalt meines angekündigten Stückes allzufrüh bekannt würde; aber doch, wenn Ihr, Du und Moses (Mendelssohn), ihn wissen wollt, so schlagt das Decamerone des Boccaccio auf, Giornato I. Nov. in." Nun findet man in allen Werken über Lessings „Nathan" die Bemerkung, daß auch Boccaccio nicht den Ruhm beanspruchen dürfe, das Märchen zuerst niedergeschrieben zu haben, da es in seinen Grundzügen bereits in einer um 100 Jahre älteren italienischen Novellensammlung verzeichnet sei. Jüdische Gelehrte haben aber nachgewiesen, daß die Parabel in dem hebräischen Werke „Schebet Jehuda" von R. Salomo aben Berga enthalten ist und daß der jüdische Historiker das geschichtliche Ereignis, das einen Juden zur Dichtung des Märchens veranlaßte, ausdrücklich in das elfte Jahrhundert verlegt. Diese literarhistorisch jedenfalls höchst interessante Entdeckung sollte wohl nicht verschwiegen werden. £ * Wir erhalten nachstehende Zuschrift: Als Beitrag zu der Charakteristik Beakonsfield^s, die ich in Ihrem geschätzten Blatte gefunden, möchte ich mir erlauben, Sie auf folgendes aufmerksam zu machen: In der „Oesterreichischen Rundschau" veröffentlichte kürzlich Ernst v. Plener eine Studie über Beakonsfield, in welcher er auch über mehrere persönliche Begegnungen mit dem großen englischen Staatsmann berichtete. Da erzählt nun Herr v. Plener, daß Beakonsfield eines Tages bei einem großen Diner, dem hervorragende Politiker und Schriftsteller beiwohnten, auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, welches er in seinen Romanen erörtert hatte: auf die jüdische Rasse und den Einfluß des Judentums aus die europäische Kultur. Beakonsfield schloß seine, eine Verherrlichung des Judentums bildende Betrachtung mit den Worten: „Glauben Sie mir, wir sind alle Juden." Herr v. Plener bemerkt hiezu, Beakonsfield habe diese Erklärung mit einem so feierlichen Ernst vorgebracht, daß Niemand an eine Entgegnung dachte. . . . * * * Diese höchst interessante und beachtenswerte Reminiszenz eines hervorragenden österreichischen Staatsmannes an den englischen Premierminister, der so stolz ans seine jüdische Abstammung war, bietet eine eigenartige Illustration des antisemitischen Schlagwortes: „Alles ist verjndet." Die Antisemiten haben im gewissen Sinne, freilich in einem von ihnen nicht beabsichtigten Sinne recht: Alles ist verjudet — und in erster Reihe ist das Christentum, welches so ganz und gar auf dem alten Testamente basiert, verjudet. Aber auch die stolzesten europäischen Kulturarbeiten, die Werke der größten Denker und Dichter, die Schöpfungen der deutschen Klassiker, die durchtränkt von dem Geiste Luthers sind, der in der Bibel wurzelt, sie legen ein rühmliches Zeugnis für den erhebenden und versittlichenden Wert des Judentums ab. So wird das als Schimpfwort gedachte Schlagwort der Judenfeinde: „Alles ist verjudet" gegen die Absicht jener, die es prägten, zu einem Ruhmestitel des Judentums.