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Die Wahrheit · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 1. Die Wahrheit. Oesterreichische Berfaffungsgeschichte. Y. Dienstag, 10. Jänner, Doktor I H. Kadisch: Fortschritt nnd Armut. II. Mittwoch, 11. Jänner, Professor j Dr. I. Pollak: Bau und Verrichtung der Sinneswertzeuge. V. Donnerstag, 12. Jänner, Dr. Sigmund Werner: Schiller. V. Freitag, 13. Jänner: Bibelerklärung. Samstag, 14. Jänner: Konzert. Sonntag, 15. Jänner, Adolf Gelber: Dreihundert Jahre Hamlet. Wien. (Bortrag.) Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Doktor D. Feuchtwang hält über Einladung des Religionslehrer-Bereines „E s r a" am 7. Jänner d. I., 71/2 Uhr abends, im Lokale der Religionsschule, L, Seitenstettengaffe 2, 2. Stock, einen Vortrag: „Interpretation einiger Texte der heiligen Schrift." Wien. Am 4. d. M. ist die Witwe des ersten Direktors des Rothfchild-Spitales, Dr. Bernhard W ö l f l e r, Frau Josefine W ö l f l e r, eine durch ihren Wohltätigkeitssinn und ihre Betätigung m der Krankenpflege hochverdiente Dame, im 88. Lebensjahre gestorben. Wien. Sonntag, den 8. Jänner, veranstaltet der Brigittenauer Frauen-Wohltätigkeits-Verein im Ballsaale Ronacher, I., Himmelpfortgasie Nr. 24, eine Wohltätigkeits-Akademie mit anschließendem Tanzkränzchen. Karten ä K 3.— sind beim Kassier Kosef K o h n, XX., Klosterneuburg erstraße 1, sowie bei den Vorstandsdamen und Komiteemitgliedern erhältlich. Floridsdorf. Letzten Samstag fand in unserer Synagoge eine Rambamfeier statt, bei welcher unser allverehrter Herr Bezirksrabbiner Dr. M. R o s e n m a n n, anläßlich der 700. Wiederkehr des Sterbetages Maimonides', eine ausgezeichnete und begeisterte Gedenkrede hielt auf den großen Mann Israels, der sich durch seine großen Werke für alle Zeiten unsterblich gemacht hat. Bukarest. Nach einer vom statistischen Amte des Jnnerministeriums aufgestellten Statistik sind im Jahre 1899 3375, im Jahre 1900 16.678, im Jahre 1901 3401, im Jahre 1902 8974, im Jahre 1903 6671 und im Jahre 1904 2682 Juden — im ganzen also 41.281 aus Rumänien ausgewandert. Ktteratur. Die jüdische Encyklopädie. Am 1. Jänner 1905 ist der neunte Band der Jüdischen Encyklopädie erschienen; damit sind drei Viertel des großen Werkes vollendet. Der Herausgeber des Werkes, Dr. Isidor Singer, macht jetzt in einem Rundschreiben die Mitteilung, daß nach der Sichtung des reichhaltigen Materials, das ihm für die Encyklopädie zugefloffen, sich herausgestellt hat, es würde ein bedeutender Teil dieses Materials für diesen Zweck keine Verwendung mehr finden können. Daniit auch diese sehr wertvollen und intereffanten Beiträge dem jüdischen Publikum zugänglich werden, hat Dr. Singer beschlossen, eine alle vierzehn Tage zu erscheinende Revue herauszugeben. Diese Zeitschrift will sich bestreben, die politische, religiöse und gesellschaftliche Emanzipation des jüdischen Volkes in jeder Weise zu fördern, und hofft dies durch eine weitere Verbreitung von allgemeiner Bildung und durch Zuführung erstklassiger literarischer Erzeugniffe auf dem Gebiet jüdischen Wiffens zu. erleichtern. Eure geplante R a s ch i - Stiftung. Herr Salomon B u b e r, einer unserer vornehmsten Gelehrten, der schon so viel für die Wissenschaft des Judentums gewirkt und geleistet hat, will einem unserer größten Geistesheroen ein würdiges Denkmal setzen, würdig im Sinne des Judentums, das keine toten Denkmäler aus Stein und Erz kennt. Es handelt sich um den liebenswürdigste» und populärsten Lehrer der Judenheit im Mittelalter, Rabbi Salomo Jizchaki, R a s ch i genannt, dessen Todestag fich am 29. Thammus 5665 (1. August 1905) zum 800sten Mal jährt. Aus diesem Anlaß will B u b e r ein handschriftliches Werk R a s ch i s herausgeben und eine Stiftung ins Leben rufen, die den Namen Raschi- Stistung führen soll. Für diese Stiftung hat B u b e r selbst X 300 gezeichnet, und er bittet durch ein Rundschreiben alle Freunde der jüdischen Wissenschaft, Beiträge an ihn nach Lemberg zu senden. Jeder Spender bekommt obiges Werk Raschis gratis zugesendet. Wir hoffen, daß der Ruf des edlen Gelehrten nicht ungehört bleiben wird. Dr. K. Der Jindling. Erzählung von Babette Fried, Prag. (13. Fortsetzung.) Sophie senkte den Blick zu Boden und schwieg ganz verwirrt. Der Rabbiner wurde dringlicher: „Sprechen Sie ohne Scheu, liebes Kind! Nehmen Sie auf gar nichts Rücksicht, als auf den Zug Ihres Herzens, denn der ist bekanntlich des Schicksals Stimme, oder wie wir Gläubigen sagen, der Wille der göttlichen Vorsehung. Bedenken Sie, es ist Ihr schwerkranker Jugendfreund, der nach Ihnen verlangt, es ist seine alte Großmutter, welche an Ihnen die Güte vergelten wil, die Sie und Ihre guten Eltern dem verlassenen Waisenknaben erwiesen haben. Sie schweigen noch immer, wird Ihnen denn der Entschluß gar so schwer?" „Nicht doch, Ehrwürden," stammelte Sophie, „aber meine Eltern —" „ Ihre Ellern werden dem Glücke des einzigen Kindes nicht im Wege stehen, so schwer ihnen auch die Trennung von ihm wird. — Ist es so, lieber Teinitz?" „Sicherlich! Der Herr Kreisrabbiner vermag ja derart in den Herzen der Menschen zu lesen, daß ihm keine Regung, derselben verborgen bleibt." „Aber doch nur in geraden, unverdorbenen Herzen, welche so offen und unverstellt vor mir liegen, wie dieses unschuldige Kinderherz und Ihr offenes, redliches, lieber Freund!" Der würdige Gast hatte das Teinitzsche Haus verlassen, und öde und einsam wurde es Frau Esther in demselben; denn auch ihr geliebtes Töchterchen war in Begleitung des Vaters abgereist, hin zu dem kranken Jugendfreund. vm. Im Garnisonsspitale zu R. war die Besuchsstunde angebrochen. Als die Uhr die zweite Nachmittagsstunde angekündigt, hatte, blickten die meisten der mehr oder minder schwer kranken Männer erwartungsvoll nach der Türe, durch welche ihnen ein Besuch kommen konnte. Es war nicht so sehr die Sehnsucht nach Verkehr mit der Außenwelt, welche die Patienten empfanden, als vielmehr die Sehnsucht nach den Erfrischungen, welche die Besucher in den meisten Fällen mitzubringen pflegten. Einer der Kranken saß hingelehnt in einem bequemem Lehnstuhl und blickte ängstlich bald nach der Türe, bald nach seiner Taschenuhr. Dieser junge Mann brauchte wohl nicht auf die mitzubringenden Leckerbissen zu warten, denn erstens fehlte es ihm an nichts, denn es war auf die reichlichste Weise für alle seine Bedürfnisse gesorgt, auch jede mögliche Bequemlichkeit war ihm verschafft, andernteils fühlte er nicht das mindeste Bedürfnis oder Verlangen nach irgendwelcher Speise oder Trank. Er glaubte, ttotz der gegenteiligen Versicherung seiner Aerzte und Pfleger, daß es mit ihm zu Ende gehe. Er glaube es zu fühlen und ein angenehmes Wohlbehagen durchrieselte seinen von Fieberabgezehrten Körper bei dem Gedanken, daß es bald aus sein, werde mit ihm, daß er bald aufhören werde, vor Sehnsucht nach Sophie sich aufzuzehren. Heute, wo er die Nachricht erwartete, ob sein letzter, sein einziger Wunsch in diesem Leben noch erfüllt werde, ob sich seine vielgeliebte Sophie zu der Reise zu ihm entschließen könne, hatte fich der Schwerkranke trotz des ernsten Abmahnens seiner Wärter gezwungen, sein Lager zu verlassen. Vor sich hin starrend, verfiel er nach und nach in einen ttaumhaften Zustand. Seine ganze Kindheit zog vor seinem geistigen Auge vorüber. Ein elternloses Kind, ein Findling, wie er war, hatte es ihm als höchstes Glück gedünkt, eine Mutter zu haben, den süßen Mutternamen aussprechen zu dürfen. Als er größer wurde und man ihn in das Geheimnis seiner Geburt eingeweiht hatte, wußte er wohl, daß sein Wunsch nie und nimmer erfüllt werden konnte, und in der selbstlosen Seele des jungen Waisenknaben lag bittere Wehmut vermischt mit Sehnsucht, sich wie andere Kinder im Glanze der Elternliebe sonnen zu können. Aus eigener Kraft hatte er den Nebelschleier, welcher seinen Geist umgeben hatte, durchgerissen und sich durch Nachdenken, Lesen und Lernen eine große Intelligenz angeeignet, die ihm auch dazu behilflich war, daß er beim Militär zum Unteroffizier befördert wurde. Ein merkwürdiger Zufall, oder eigentlich die göttlich Fügung, führte ihn in das Haus einer würdigen Matrone, und es schien, daß er durch diese Begegnung, ohne es zu wissen oder auch nur zu wollen, am Ziele angelangt sei, denn er fühlte sich mächtig zu der alten Frau hingezogen. Abermals die Fügung Gottes ließ diese Frau in ihm, dem fremden Soldaten, den heimatlosen Enkel erkennen, und die Hochachtung " und Zuneigung, welche er bisher für die ihm so wohlgesinnte Frau empfunden, verschwand und ließ abermals eine Leere in seinem Herzen zurück. - (Fortsetzung folgt.). Berichtigung In Dr. U n g e r s Rede, Nr. 51 dieser Blätter, Zeile 6 von oben, ist statt dürfte durfte; Zeile 31 statt Josua I o m a p Zeile 49 statt staatlichen st a t t l i ch e n zu lesen.

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