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Die Wahrheit · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit Nr. 1. Sette 6. Es hat sich die beschlußfähige Anzahl der Mitglieder emgefunden, und so eröffne ich die 31. ordentliche Generalversammlung. In deren Namen begrüße ich: den Deputierten -er israelitischen Kultusgemeinde, unser allverehrtes Vereins- Mitglied und besonderen Gönner, Herrn Salo Cohn, unseren ehrw. Rabbiner, Herrn Dr. Tag lei cht, unseren Oberkantor Dünmanu, in Vertretung des Frauen-Wohltätigkeits-Vereines FrauDr. Engel, in Vertretung des Vereines „Nachlath Jescimrun“ dessen Präsidenten Dr. Karl Löwy, sowie die Vertreter der jüdischen Presse Dr. I. S. Bloch und Doktor M. L ö w y." Nach Verlesung des Protokolles der letzten Generalversammlung durch den Schriftführer Herrn H. Liebermann Wird dasselbe ohne Debatte verifiziert und hierauf erstattete der Vorsitzende nachfolgenden Jahresbericht: „Geehrte Versammlung! Mit dem heutigen Abend schließen wir wieder ein Jahr unserer Vereinstätigkeit ab, und habe ich die Ehre, Ihnen namens des Vorstandes zu berichten: Unser Mitgliederverzeichnis weist heute einen Stand von 270 Mitgliedern gegen 269 im Vorjahre ans. Bon diesen Mitgliedern leisten ein Mttzlied einen Jahresbeitrag von tl 50, eines von KL 40, 4 von K 30, 2 von K 24, 54 von K 20, 6 von K 16, 3 von KL 15 und 199 von K 12. j Leider hat uns der Tod sechs treu bewährie Mitglieder entrissen,! And zwar: Frau Friedericke Bergler, Herrn k. k. Kommerzialrat Albert Ianowitzer, Markus Mandl, Friedrich Nagel, kaiserl. Rat Alois Pollak und Adols R o s e n b a u m. Der Heimgang unseres tenern Vorstandskollegen, Herrn Kommerzialrates Albert I a n o w i tz e r, hat in unserem Kollegium eine große Lücke zurückgelassen und den Verein um eines seiner verdienstvollsten Mitglieder beraubt. Seit länger als einem Dezennium hat er seine reiche Erfahrung, seine unermüdliche Arbeitskraft, seine hervorragenden Kenntnisse auf dem Gebiete der Verwaltung in den Dienst unseres Vereines gestellt; stets hat er seiue übernommene Ehrenpflicht in der gewisienhaftesten Weife erfüllt «ud getreu den von seinem Vater, unserem unvergeßlichen ehemaligen Bereiuspräsidenten, ererbten Traditionen, war ec das Muster eines echten Jiüren, stets bereit, auch die materiellen Interessen unseres Vereines mit fteigebiger Hand zu fördern. Ehre und Ruhm seinem Andenken! Der VoiKand hat seinem Heimgegangenen Kollegen die verdienten letzten Ehren erwiesen. Wir geleiteten ihn korporativ zur letzten Ruhestätte und an seiner Bahre hielt in Verhinderung des Präsidenten, unser Vizepräsident, Herr Dr. Jakob Engel, einen wohlverdienten Nachruf. Seinem Andenken zu Ehren wurde am 5. Oktober in unserem Tempel ein Requiem abgehalten. Ein zweiter, tief schmerzlicher Verlust traf uns durch das so frühzütige Ableben unseres hochherzigen Gönners, Herrn kaiserl. Rates Alois Pollak, der von allgemeiner Menschenliebe erfüllt, ein warmherziger A«u«d und Gönner aller Bedrückten und Notleidenden, eine wahre Zierde des Judentums war. In Herrn Adolf Rosenbaum verlieren unsere Bezirke den Obmann der Bezirkskommission, der durch viele Jahre sehr eifrig in dieser Korporation gewirkt hat. Lasten Sie uns noch des Todes eines treuen und eifrigen Chormitgliedes, des Herrn Karl Hellmann, gedenken, der vor kurzer Zeit aus diesem Leben abberufen wurde. Wir ehren das Andenken an unsere teueren Verstorbenen durch Erheben von den Sitzen." Der Bericht zählt hierauf die wichtigsten Ereigniste und Agenden des abgelaufenen Jahres auf, erwähnt die eingelaufenen Spenden und Wärmungen und verbreitet sich sodann über die infolge Auflassung der benachbarten Kaserne notwendig gewordenen Adaptierungen der den Tempel umgebenden dem Vereine gehörigen Realitäten, als deren Ergebnis sich der gegenwärtige Zustand ergibt. „Die Kosten der sämtlichen Durchführungen dürften — wir haben noch feine definitive Abrechnung, zirka KL 50.000 verursachen. Auf unser Einschreiten ist uns auch die Großkommune Wien in Anbetracht aller Verhältnisse, besonders um die baldige Verbreiterung der Straße und um uns die Verschönerung unseres Gebäudes zu ermöglichen, entgegengekommen, indem sie uns eine angemeffene Entschädigung für den zu Straßenzwecken abgetretenen Grund im Ausmaße von zirka 140 m2 bewilligte, was hier mit bestem Danke anerkannt sein soll. Herr Baumeister Z i ff er er, dem wir die gesamten Ausführungsarbeiten übertragen haben, hat uns mit der Bezahlung nicht gedrängt und sich erbötig gemacht, uns mit einem Betrage von EL 10.000 gegen 4%ige Verzinsung ein Jahr lang zu warten. Wir sprechen auch ihm hiemit für seine Leistung und seine entgegenkommenden Bedingungen den Dank aus. Was die finanzielle Bedeckung der Kosten betrifft, wird Ihnen der Herr Kaffaverwalter in seinem Berichte, beziehungsweise bei Punkt 6 unserer Tagesordnung, Mitteilungen und Vorschläge machen. Erwünscht wäre jedenfalls, wenn alle wohlhabenden jüdischen Bewohner unserer Bezick firr ein Werk aufkommen wollten, das im Jntereste der Würde der jüdischen Bevölkerung dieser beiden Bezirke unternommen werden mußte. Haben doch in Erkenntnis besten, einige, die ja immer sich betätigen, der Judenschaft ein Gotteshaus errichtet und erhalten es zur Ehre des Judentums und unseres altehrwürdigen Glaubens. Zur Verschönerung biefeS Saales haben bereits einige wohlwollende Gönner ihr Scherflein beigetragen, und danken wir insbesondere dem hochverehrten Senior unseres Kollegiums, Herrn Friedrich Pollak, für die munifizente Spende der Beleuchtungskörper im Sitzungssäle und in der Kanzlei, welche er uns anläßlich der jüngst in unserem Tempel stattgefundenen Vermählung seiner Enkelin gespendet hat; es widmete weiter unser verehrtes Mitglied Herr Wilhelm Landau eine Pendeluhr, sowie unser treues Mitglied Herr Heinrich Bäck den Sitzungstisch. Geehrte Versammlung! Vor Monatsftist wurden in diesem Saale die diesjährigen Ergänzungswahlen in den Kultusvorstand vorgenommen. Wir wünschen und hoffen, daß der Vorstand durch diese Wahlen gestärkt und gekräftigt, auch ferner das Bild einträchtigen Wirkens im Interesse des Judentums behalten wird. Wir werden stets bemüht sein, so wie es uns zusteht, mit einzutreten für die Ehre und Würde unserer Gemeinde. Wir bitten den Herrn Delegierten der Kultusgemeinde, unsere diesbezüglichen Versicherungen am geeigneten Orte zum Ausdrucke zu bringen, ihm selbst aber sagen wir besten Dank für sein Erscheinen, sein spezielles Wohlwollen und sein Interesse an dem Gedeihen unseres Vereines." Vizepräsident Dr. Engel kann dem Berichte, dessen spröden Stoff der Präsident geradezu poesiehaft zu gestalten wußte, diesmal nicht die rechte Freude abgewinnen, da der Präsident in demselben wohl alle Ereignisse im Vorstande und in den Familien der Mitglieder wandelbilderartig geschildert, jedoch wichtige Ereignisse, die seine Person betreffen, in seiner bekannten Bescheidenheit vollkommen übergangen habe. Die Ernennung des Präsidenten zum Baurat habe wohl schon der Vorstand mit Freuden zur Kenntnis genommen, aber auch die Generalversammlung müsse sich dieser Freude anschließen und sie erscheine ihm auch als der geeignete Ort, die im Berichte verschwiegene hervorragende Anteilnahme des Präsidenten an den baulichen Veränderungen im letzten Jahre öffentlich anzuerkennen. Ihm verdankt der Verein den wie ein Schatzkästlein sich darbietenden Sitzungssaal und den monumentalen Eingang zum Tempel, und Redner stellt daher den Antrag, daß der Jahresbericht eine offizielle Ergänzung durch Erwähnung der dem Präsidenten zuteil gewordenen Auszeichnung und seiner Mitwirkung an den Bauarbeiten erhalte. Nachdem dieser Antrag unter sympathischer Akklamation für den Präsidenten einstimmig angenommen wurde, beglückwünscht Dr. Engel den anwesenden Vertreter der Kultusgemeinde, Herrn Salo Cohn, zu seiner Wahl als Präsident der Chewra Kadischa, welche Kundgebung ebenfalls in der Versammlung allgemeine Zustimmung findet. Herr Salo Cohn dankt zunächst für die ihm entgegengebrachten Glückwünsche. Er sei stolz auf diese Wahl und werde alle seine Kraft einsetzen, daß dieser ehrwürdige, bereits im Jahre 1764 gegründete Verein auch fernerhin blühe und gedeihe. So viel pro domo. Nun wolle er erklären, daß er es heute und immer als besondere Ehre erachte, als Vertreter der Kultusgemeinde in der Generalversammlung des Mariahilfer Tempelvereines zu erscheinen. Er habe auf seiner letzten amerikanischen Reise Gelegenheit gehabt, die großartigen kultuellen und philanthropischen Einrichtungen der dortigen Glaubensgenossen kennen zu lernen, und er finde auch bei diesem Vereine einen gewissen amerikanischen Zug. Ohne jede Unterstützung schreite der Mariahilfer Tempelverein immer vorwärts, und gewissermaßen die Krone des Gebäudes sei der herrliche Sitzungssaal, in dem die heutige Versammlung abgehalten wird. Hervorragenden Anteil an allen Erfolgen habe der treffliche Präsident des Vereines, und er wünsche, daß ein gütiges Geschick diesen noch viele Jahre in körperlicher und geistiger Frische dem Vereine und dem Judentume erhalte. (Allgemeiner Applaus.) In Anknüpfung an die im Berichte erwähnte vorjährige Resolution an die Kultusgemeinde, betreffs Zulassung der Vereinsfunktionäre zu den Leichenbegängnissen im Bezirke, stellt Herr Jgn. R e s ch o f s k y an den Delegierten der Kultusgemeinde die Anfrage, warum die Erledigung dieser Angelegenheit so lange auf sich warten lasse. Herr Salo Cohn verspricht, die Erledigung beimKultusvorstande zu urgieren. Dr. Carl Löwy erblickt in dieser Art der Behandlung seitens des Kultusvorstandes eine Mißachtung des Vereines und dessen Präsidenten und beantragt, die Kultusgemeinde aufzufordern, ein Gehaltsschema aufzustellen und die Differenzen des Einkommens der Vereinsfunktionäre zu dem Einkommen der

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