Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Die Wahrheit Lette 5. auf sich. Noch vor seinem 22. Geburtstag hatte Benjamin > Disraeli eine Theorie über die Verfassung Englands ausgedacht und die Grundsätze festgelegt, nach welchen das britische Reich nach Innen und nach Außen regiert werden sollte. Und diesen Grundsätzen ist er als Staatsmann bis ans Ende seiner Laufbahn im großen Ganzen treu geblieben. Als Benjamin Disraeli am 7. Dezember 1837 zum erstenmal im Unterhaus eine Rede hielt, wurde ihm eine Aufnahme zuteil, die einen weniger entschlossenen und ehrgeizigen Politiker entmutigt haben würde. Ob der etwas auffallende Anzug des neugewählten Parlamentsmitgliedes die Heiterkeit der Zuhörer herausforderte, oder ob der Ton, den der Redner anschlug, für das Unterhaus nicht paßte, läßt sich nicht feststellen. Unter dem Gelächter der Volksvertreter unterbrach Benjamin Disraeli seine Rede und setzte sich nieder, indem er grollend ausries: „Die Zeit wird kommen, wo Ihr mich anhören werdet!" Tie Zeit kam, wo nicht nur das Unterhaus sich seiner Leitung ohne Widerstreben fügte, sondern auch das Haus der Lords mit Spannung den Worten des Staatsmannes lauschte, der als Graf von Beaconsfield den stolzesten und reichsten Adel Europas in feiner Gefolgschaft sah. Als Parteileiter hat Benjamin Disraeli in der ganzen englischen Geschichte seinesgleichen nicht gehabt. Man geht wohl nicht fehl, wenn man die vierzehn Jahre zwischen 1854 und 1868, während welcher Disraeli die konservative Opposition im Unterhaus leitete, als die Glanzzeit in feinem Leben bezeichnet, wenn auch die Geschichtsbücher von seinen Taten schweigen. Es waren die Jahre, in denen Disraeli, der Fremdling, die englische Jnnkerpartei erzog und zu seinem Werkzeug umgestaltete, mit dessen Hilfe er später die schwindelnde Höhe der Macht erklomm. Daß er in Bezug auf Glauben und Abstammung seinen Parteigenossen ferne stand, kam ihm als Parteileitir gut zu statten. Der englische Kastengeist, der den Engländern, welche die öffentliche Laufbahn Anschlägen, gar oft Hindernisse bereitet und das Leben verbittert, ließ ihn kalt. Er trat den nationalen Vorurteilen der englischen Rasse nie zu nahe, weil er 'sie nicht teilte. Auf der anderen Seite hat er alles eingesetzt, um die englische Nation groß und mächtig zu machen und ihr Achtung im Auslande zu verschaffen. Nachdem Benjamin Disraeli schon im Jahre 1832 im Ministerium Lord Derby Schatzkanzler gewesen war, wurde er im Jahre 1874 zum zweitenmale zum Ministerpräsidenten erwählt und damit gelangte er zu der Höhe der Macht. Während seiner sechsjährigen Verwaltung hat er bewiesen, daß er nicht nur ein kluger Politiker, sondern auch ein gewissenhafter und weit ausblickender Staatsmann war. Er hat zielbewußt und mit sicherer Hand die Geschicke des Weltreichs geleitet. Sein Wirken als Ministerpräsident hat die auswärtige Potitik Englands bis auf den heutigen Tag beeinflußt. Als Disraeli 1874 zum zweitenmal Ministerpräsident wurde, fiel gewissermaßen die letzte Schranke zwischen ihm und der Fürstin, deren erster Ratgeber er geworden war. Am Anfang feiner politischen Laufbahn war Disraeli bei Hofe keineswegs gut angeschrieben. Dreißig Jahre politischer Tätigkeit hatte es bedurft, ehe ihm die Königin Großbritanniens und Irlands ihre Gunst, ja ihre Freundschaft schenkte, die der treue Ratgeber dann auch bis an sein Lebensende genoß. Man hat Benjamin Disraeli noch zu seinen Lebzeiten einen politischen Träumer genannt — als einen Träumer aus dem Ghetto bezeichnet ihn auch Zangwill in einem bekannten Buche. Doch unterscheidet sich der weitausschauende und zielbewusst handelnde Staatsmann dadurch, daß seine Träume zur Wirklichkeit geworden sind, daß seine Weissagungen — und Disraeli liebte es zu prophezeien — sich erfüllt haben. Bei seinem Sturze im Jahre 1880 sagte er in tiefer Niedergeschlagenheit voraus, daß er binnen zwei Jahren sterben werde; aber seine Königin werde ihn zwanzig Jahre überleben. Beide Prophezeiungen sind eingetroffen. Einen prophetischen Klang hat auch eine Stelle in seinem >847 erschienenen Roman „Tancred", in welchem die Königin Englands aufgefordert wird, ihre kleinliche und eingeengte Stellung zu verlassen, eine große Flotte zu sammeln und mit ihren kostbaren Waffen, ihrem Hof und ihren Häuptlingen sich nach Delhi zu begeben, wo ein gewaltiges Reich, ein großes Heer und unerschöpflicher Reichtum ihrer warte. Dreißig Jahre später, genau vierzig Jahre, nachdem Benjamin Disraeli seine erste, vom Gelächter erstickte Rede im Unterhause gehalten hatte, stand der Ministerpräsident von jüdischer Abstammung als Gras v. Beaconsfield, das Reichsschwert hoch in seiner Rechten, neben seiner Fürstin, die znm erstenmal die indische Kaiserkrone trug und als Laiiar-iHiiul das englische Parlament eröffnen'. Alljährlich am 19. April, dem Todestage des ersten und letzten Grasen von Beaconsfield — denn nur der Grundbesitz, aber nicht der Adelstitel hat sich auf Benjamin Disraelis Neffen vererbt — wird das bronzene Standbild des großen Staatsmannes vor dem Parlamentspalast von Bewunderern mit Kränzen aus Primeln geschmückt — gerade wie am Jahrestage des Seesieges von Trafalgar das Standbild eines anderen Nationalhelden. des einarmigen und einäugigen Lord Nelson, droben auf der ehernen Säule vor der ^ationalgalerie, von den Mitgliedern der Navy-Liga feierlich bekränzt wird. So ehrt das englische Volk seine großen Männer, den heldenhaften Admiral, der. von einer feindlichen Kugel getroffen, im Augenblicke des Sieges sein Leben anshauchte, und den großen Staatsmann, der, aus dem Schoße des Judentums hervorgegangen, mit Einsetzung aller seiner Kräfte für die Größe und Macht Englands eintrat. Temprlverein für MarrahUf nnd Uenbaii. Ein überaus erfreuliches und erquickendes Bild erfolgreichen Wirkens auf dem Gebiete des jüdischen Kultus bot, wie gewöhnlich, auch die letzte, am 29. Dezember v. I. stattgehabte Generalversammlung des Tempelvereines für den VI. und VII. Wiener Gemeindebezirk. Die Versammlung verlief diesmal in besonders festlicher Stimmung, da es dem Vereine zum ersten Male gegönnt war, im eigenen Heime, in dem nach den Entwürfen des genialen Präsidenten Banrat Fleischer im Style des Tempels neuerbauten und zu einem wahren Schmuckkästlein ausgestatteten Sitzungssaale die Tagung abzuhalten. Was opferwilliger Gemeinsinn und zielbewußtes Streben vermögen, das zeigt sich bei diesem so ausgezeichnet geleiteten Tempelvereine, der nur aus die eigene Kraft gestützt, in seiner Entwicklung immer vorwärts schreitet und durch seinen erhebenden Gottesdienst und seine musterhafte Verwaltung eine führende Stellung im Wiener Kultusleben einnimmt. Geradezu mustergebend ist auch die seltene Wertschätzung und Fürsorge, welche dieser Verein seinen allerdings ausgezeichneten Funktionären zuteil werden läßt, und wenn wir ein getreues Bild von der Tätigkeit des Mariahilfer Tempelvereines entwerfen wollen, glauben wir an dieser ersreulichen, heute leider nicht überall zutage tretenden Erscheinung nicht achtlos vorübergehen zu dürfen. Im Nachstehenden der ausführliche Bericht: Der Vorsitzende, Baurat Max Fleischer, eröffnete die Versammlung mit folgender Ansprache: „Mit freudig bewegtem Herzen und in gehobener Stimmung begrüße ich Sie heute im eigenen Heim des Vereines. Wer wie ich die Phasen der Entwicklung dnrchgemacht hat und sich erinnert an die Zeiten, da der Vorstand, ich möchte sagen, obdachlos war, bas heißt für seine Beratungen keinen festen Ort besaß, sondern von Ort zu Ort wanderte, und die höchste Errungenschaft ein beim Vereinskantor gemietetes möbliertes Zimmer war, der wird diese meine Stimmung heute begreifen, umsomehr, als es eine Generalversammlung ist, welche hier abgehalten werden kann. Dankbarst anerkenne ich demnach die Opferwilligkeit unserer Mitglieder, durch deren Gemeinsinn wir bis hieher gelangt sind; dem Allmächtigen danke ich aber aus der Tiefe meines Herzens, daß er mich hat diesen Tag erleben lassen.