Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 1. Der auf dem Papiere feststehende, durch die sanktionierten Gesetze begründete Grundsatz der Gleichheit der Religionen in Oesterreich ist wieder in merkwürdiger Weise illustriert worden. Der Sturz K o e r b e r s ist zweifellos durch das Zusammenwirken mehrerer Ursachen herbeigeführt worden. Aber immer klarer stellt sich heraus, daß eines der wichtigsten und entscheideusten Momente darin zu finden ist, daß die Klerikalen den Minister von seinem Platze gesetzt sehen wollten, unter dessen Regime ein anäklerikales Blatt Schmähungen gegen die Hostien veröffentlichen durfte, ohne der Konfiskation anheimzufallen. Es ist selbstverständlich, daß man die Art und Weise wie das „Alldeutsche Tagblatt" gegen die katholische Kirche loszog, in einem Staate, in welchem der § 303 des Strafgesetzes gilt, nicht akzeptabel findet, aber die Juden werden doch mit Verblüffung sehen, welchen Sturm der Entrüstung die Ignorierung dieses Paragraphen zur Folge hat, wenn cs sich um die Kirche handelt, und wie gleichgiltig alle berufenen Faktoren bleiben, wenn es die jüdische Religion betrifft. Diese wird, nicht in einem kleinen, obskuren, antiklerikalen Blättchen, sondern in der gesamten antisemitischen Presse Oestereeichs unausgesetzt als vogelfrei behandelt. Mau hat sich aber bereits gewöhnt, diese Haltung als etwas ganz Selbstverständliches hinzunehmen. * * * , ' Die hohen Kirchenfürsten, die vielleicht von noch höherer > Stelle zu dem Ansturm gegen K o e r b e r entflammt wurden, j könnten übrigens aus der antikatholischen Hetze der Schönerianer ' Anlaß zu mannigfachen Reflexionen gewinnen. Vielleicht könnte ihnen hiebei auch die Erinnerung aufdämmern, daß die die christ-! lichen Gefühle verletzende Bewegung ihren Ursprung in Kreisen hat, die sich — christlich-sozial nennen und unter der nachsichtigen Duldung der klerikalen Presse erst den Kampf gegen das alte Testament begannen, um dann auch vor dem neuen Testament nicht Halt zu machen. Es ist noch nicht vergessen, daß zum Beispiel Prinz Alois Liechtenstein, eine der mächtigsten Stützen der christlich-sozialen Partei, im Parlamente höhnische Bemerkungen über jene Gestalten des alten Testamentes wagen durfte, die auch jedem Katholiken geheiligt erscheinen mußten. Aber man weiß auch, daß kein einziger berufener Vertreter der Kirche, weder im Parlament noch in der Presse, den frommen Prinzen in die Schranken wies. Die katholische Kirche und ihre Organe fanden auch kein Wort der Abwehr, als Mechaniker Schneider, gleichfalls eine Leuchte und Stütze der christlichsozialen, zur Bekämpfung des jüdischen Geistes gegründeten Partei, nicht nur einen lebendigen Kirchenfürsten als „Juden" verhöhnte, sondern auch tote Päpste als „Judenknechte", als „bestochene Judensöldlinge" stigmatisierte. Das alles wurde geduldet und — patronisiert, und da staunt man dann, daß sich die Schönerer-Presse immer mehr an die Auffassung hält, altes Testament und neues Testament seien in gleichem Maße zu bekämpfen und zu verwerfen? * Der Staat, der feine Grundlagen fest und unerschütterlich wissen will, muß von Allen ausnahmslos Respekt vor den Gesetzen fordern. Wer die Achtung vor seiner Religion und deren Institutionen gesichert wissen will, darf nicht gleichmütig Zeuge bleiben, wenn die religiösen Ueberzeugungen anderer mißachtet werden. Derlei Unterlassungen rächen sich immer. Es ist ein altes, beinahe banales, aber darum nicht minder wahres Wort: Wer ruhig zusieht, wie man das Haus des Anderen in Brand setzt, ist nicht gefeit davor, daß auch das eigene Haus von dem Feuer ergriffen wird. Mach einmal „Shylock". Angesichts der in den letzten Nummern dieser Blätter neuerdings ventilierten „Shylock"-Frage dürfte hier wohl die Reproduktion der Schlußsätze meines unter dem Titel: „Ein verjährter Irrtum" im Jahre 1875 veröffentlichten Feuilletons nicht ganz überflüssig sein: „Betrachtet man den erhabenen Geist Shakespeares im Nimbus seiner wundervollen Schöpfungen, dann muß man atterdings den kleinlichen und engherzigen Kniff in der mehrerwähnten,- höchst beklagenswerten Rollenverwechseluug ebenso unbegreiflich! finden wie den ihm von der Geschichte zur Last gelegten Wild-! diebstahl. Großartig angelegte Naturen dürfen aber niemals mit gewöhnlichem Maßstabe gemessen werden. Weiß doch alle Welt^ daß vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein einziger Schritt ist, und daß auch die bevorzugten Geister ihre Grillen und Schrullen haben. Ja, wenn man sich die Geheimnisse des tiefen und durch manche Jugendsünden getrübten Seelenlebens Shakespeares vergegenwärtigt, die er in seinen feurigen und: üppigen Sonetten mit kühnem Freimnte enthüllt, und wenn außerdem Buffons Wort: „£,6 style c’est Thomme“ Beachtung verdient, so wird man mit einiger Wahrscheinlichkeit an-, nehmen dürfen, daß die allumfassende Individualität des großen Briten die schroffsten Gegensätze in sich vereinigte, wie ja auch: in dessen unsterblichen Meisterwerken leichter Scherz und tiefer Ernst, erschütternde Tragik und kühnster Humor wunderbar etn=; ander berühren und mcht selten sogar in einander spielen. Bedenkt man übrigens, daß Shakespeare die Inden aus Autopsie' vielleicht gar nicht gekannt hat, sondern blos aus den Ammenmärchen jener schwarzen Literatur, rpo der Jude als leibhaftiger „Gottseibeiuns" figuriert; erwägt mun ferner, daß der damals in ungünstigen Verhältnissen lebende-Aflhnendichter und Schauspieler mit den jeweiligen Launen und Stimmungen seines Lese- und Theaterpublikums, als mit unabweislichcn Faktoren, rechnen mußte, um eben seine Rechnung zu finden, so wird man dessen Mißgriff in der Schöpfung ..Sbylocks" bei weitem herzeWcher finden, als beispielsweise die affektierte EnhlferzigMAA«Wtz^ und Goethes, der Helden des Wortes nnd^der Feoer, welche, zwei Jahrhunderte später, trotz der durch die Reformation fortgeschrittenen Weltkultur und ungeachtet?. Ä^mannigfach gelichteten und aufgeklärten Zeitbewußtseins,purer Rücksicht auf den Beifall gewisser Kreise, der Unduldsamkeit gegen die Juden das Wort geredet haben. Wir schließen mit dem Worte Rückerts: Das sind die Weisen, Die durch Irrtum zur Wahrheit reimt.^ & M Die bei dem Irrtum verharren,k» V 3m Das sind die Narren." ' ' Dr. I. I. Unger, Jglau. Densamin Disraeli^ Benjamin Disraeli, dessen 100. > G^bam 21. Dezember jährte, ist in der politischm Welt^moch^ncht vergessen. Unter allen Staatsmännern im Zeitalter der Königin Viktoria, von Lord Melbourne, der die jugendliche Fürstin in die Geheimnisse der staatsmännischen Weisheit einweihte, bis zu, ihrem letzten Ratgeber Lord Salisbury, der der greisen Fürstin! vor bald vier Jahren im Schloß Osborne House die Augen zudrückte, gibt es keine interessantere und keine merkwürdigere Persönlichkeit als die des Benjamin Disraeli, Grafen von Beaconsfield. Ihn allein unter allen ihren Ratgebern hat die Königin Viktoria auf einer in der Kirche von Hughenden angebrachten Gedenktafel als ihren Freund bezeichnet, mit der bedeutsamen, den Sprüchen Salomons entlehnten Bemerkung: „Recht raten gefällt den Königen." ' Der Staatsmann, dem seine Königin die Tafel errichtet hat, war am 21. Dezember 1804 als der Sohn eines jüdischen Schriftstellers, namens Isaak Disraeli geboren, von dessen vielen Büchern heutzutage nur noch eines gelegentlich gelesen wird. Benjamin Disraelis Vater gehörte zu den Sephardim, die aus Spanien stammen. Er hatte aber, wie wir aus einem Aufsatz I. Zwangwills wissen, mit seinen Religionsgenossen gebrochen. Der Dichter Samuel Rogers war ein Freund von Isaak Disraeli und ließ den dreizehnjährigen Benjamin taufen. Er hat nie eine öffentliche Schule oder Universität.besucht, und die Aufmerksamkeit des Publikums lenkte er. zuerst durch seine Romane ■KHWÜ