Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 51 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063264--03439-3070197- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 51. Seite 7. Die WaWeit, getränkten Boden dastehen werde, am wenigsten jene Massentäuflinge, welche damals über die Aussichtslosigkeit der ungelehrigen Glaubenstreue spotteten und in Gemeinschaft mit jenen, welchen sie ihre Seelen felge verkauft hatten, ihre edelsinnigen Stammesbrüder mit zerfleischenden Rutenhieben peitschten, und die heute in der weiten Welt verschollen und vergessen, nur noch in den tränengetränkten Blättern der so glanzvoll erblühten jüdischen Geschichte verzeichnet sind. Judenaustreibungen, Judenmetzeleien, qualvolle Religionsdisputationen, erzwungener Kirchenbesuch, Eide mit dem vierbuchstabigeu Gottesnameu ohne Hauptbedeckung, Ansiedlungsbewilligungeu auf nur 10 oder 20 Jahre, 'Vermögensverluste, Kapistrano in Polen, Marannenelend in Spanien, heimatslos umherirrende Jndengemeinden, in Schlachthäuser verwandelte Synagogen, Plünderungen waren die tägliche Kost der Mühseligen. So sind auch alle Kapitel der friedlichen Vorschriften zur weihevollen Seelenzucht im Leket joscher durchstochen durch Anfragen über das religiöse Verhalten beim Fasten ob drohender Gefahr, auf der Flucht und Wanderschaft, bei Rettung gefangener Frauen, bei Vergrabung des bedrohten Vermögens und ähnlicher grauenhafter Vorgänge, die kaum noch die Gleichmäßigkeit und Seelenruhe des gewöhnlichen Studiums und der pünktlichen Observanz zu stören vermögen. Mit Recht konnten deshalb auch Güdemann und Berliner auf den unschätzbaren historischen Wert der Handschrift des Josef b. Maimon für die deutschen und österreichischen Juden aufmerksam machen, die nun dank der erfolgreichen Bemühung im Druck erschienen ist. Aus vierhundertjühriger Zeit tauchen da die Namen Brünn, Olmütz, Triesch, Marburg, Wien, Wiener-Neustadl, der Rabbinatssitz Jsserleins, Regensburg, Nürnberg, Erfurt in diesem Buche wieder auf, welche aber heute schon in so ganz anderem von Gott und der ewigen Wahrheit erstrahlten Lichte erscheinen. Die gefeierten Namen Maharill, Jakob Weil, Josef Kolon, JsraelBruna, Jsak von Triesch, Eisik Tirnau, Abraham Klausner treten hier in ihrer ureigenen edlen Persönlichkeit handelnd auf, alle ängstlich bestissen um getreue Observanz, um genaue Einhaltung der jüdischen Sitten lind Gebräuche, ich sage meinerseits, um Wahrung der jüdischen, reinen, gütigen, menschlich treuen Volksseele, in die auch kein einziger grausamer Strahl der unreinen europäischen Völkerflammen dringen konnte. Nein, ich gehe nicht unter die Spötter, die sich bei der Lektüre des kieket joscher nicht versagen könnten, über das eine und andere in den bekannten Tonarten des Spottes herzufallen : Wie dieser Josef b. Moses es seinem Lehrer Jsserleiu glücklich abgeguckt, wie er sich räuspert, wie er spuckt, wie er Segenssprüche mnrmelnd rechts und links seine Kleider ordnet, wie die sorgfältige Mutter beim Gebet ihr Kiudlein auf dem Schoße halten kann, ohne durch unreine Vorkommnisse gegen Deuteronomium XXIH, 15 zu verstoßen. Ich kann mich nicht daran stoßen, daß die großen ewigen Gedanken des Judentums, welche die Welt umfassen sollen, hier in die engsten Formalitäten hineingezwängt werden. Denn jedes Wort unserer Gebete, jede Norm unserer Zeremonien, alle Gebräuche stützen sich aus Ideen, Ereignisse, Prophetensprüche, denkwürdigkeiten während des ganzen historischen Weltverlaufes. Stündlich zieht an dem Geistesblicke des Verständigen durch diese Observanz die Erinnerung an hervorragende Menschen, an auserwählte Gotteswerke vorüber und trügt die jüdisch treue Seele in die weitesten Weltensphären, zum Aufsaugen des gesamten Weltenbildes. Das ist auch in Wahrheit das Jauchzen, Flattern, Wallen, Hithlahabath der Chassidim in Betätigung der Normen. (Schluß folgt.) Der Tod in Indischer Delenchtnng.) Von Dr. I. I. Unger, Jglau. Nach dem Berichte einer grauen Urkunde fand sich in der Thorah- Handschrift des gefeierten Denkers MÄr bei den Worten der Schöpfungsgeschichte: we-hinne tob m’od, „Sieh e, e s' w a r sehr gut", die *) Rede zur Einweihung der neuen Zeremonienhalle in Jglau, gehalten am 3. Tebeth 5665 (1t. Dezember 1904) von Rabbiner Doktor I. I. U n g e r. sinnige Randbemerkung: hinne tob moth, „Sieh e, das Sterben ist guft (Ber.'Rabbah o. 9.). Der Gleichklang der Worte: m’od „s e h r" und moth „S t erb e n", erweckte den kühnen Gedanken, daß das Sterben keinUebel, vielmehr ein Gut ist, ja, gegen giftige Geschicke zuweilen sogar ein wirksames Gegengift, welches in der Hausapotheke der Menschheit nicht fehlen dürfte. Und wer von uns möchte Bedenken tragen, dies zu unterschreiben? Gewiß, meine Verehrten, das Sterben ist, so der Ausdruck nicht unzulässig erscheint, das Ausgleichende im Leben. Die Erdentinder, die durch Stand und Rang, durch Sprache und Nationalität, durch Rasse und Klasse, geschieden, getrennt, zersplittert und zerfasert sind, vereinigen sich tatsächlich erst im Sterben zur vollen Gleichheit, wie es schon jener biblische Dulder mrr einer gewissen Genugtuung ausspricht: „Gering und Vornehm sind dort (im Grabe) und los ist der Knecht seines Herrn und Gebieters" Hiob 3, 19). Und ist es nicht oft der Todesgedanke, der die Anwandlungen des Stolzes und Hochmutes dämpft und den Eitlen und Uebermütigen zur Besonnenheit gemahnt? Bewährt sich nicht die Sterbestunde sehr häufig als Weckeriu edler Entschlüsse und hochherziger Liebeswerke? Treffend ist darum das Wort des weisen Koheleth: ' „Heilsamer ist es, ms Trauerhaus als ms Gasthaus zu gehen, da jenes das Ende aller Menschen ist. Und das sollte doch der Lebende wohl beherzigen." (Kohel. 7, 2.) In diesem Spiegel betrachtet, verliert der Tod alles Grauenhafte und erscheint blos als ernster Mahner, daß das Erdenwallen uur ein Durchgangspunkt zum ewigen Leben ist, wie es ja auch in der Mischnah heißt: „Diese Welt ist gleichsam die Vorhalle der zukü n ft i g e ii W e l r." ^Aboty 4, 21.) Im jüdischen Volksmunde heißt der Friedhof demgemäß : „Der g u t e O r t". Seine Steine reden eine allgemein verständliche Sprache, eme Weltsprache; denn sie verkünden mit tausend Zungen die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen. Eingedenk des Talmudwortes: „Das Sterben entsühnt" (Josua 85 b); „Das Sterben entlastet" (Schebuoth 3 b), halten wir die Verstorbenen für vorwurfsfrei, ausgesöhnt mit dem Himmel und mit der Erde, so daß sie auf rücksichtsvolle Behandlung ihrer irdischen Ueberreste gerechten Anspruch haben. Im jüdischen BolkSmunde heißt dies: „Dem Toten sein Recht tun". Das Recht aber duldet weder Unterschiede noch Ausnahmen. Daraus entwickelte sich im jüdischen Kreise schon sehr frühzeitig die gleichmäßige und würdige Form der Leichenbestattung, sowie aller Maßnahmen, die zu diesem traurigen Akte in Beziehung stehen, und zwar, wie es schon unsere Alten betonen : „als eine Ehrung der Entschlummerte n". (Sanhedrin 47 a. i Umso schmerzlicher aber empfand man im Schoße unserer Gemeinde seit Jahr und Tag den Mangel einer würdigen Zeremonienhalle, ein Mangel, der sich während der rauhen Jahreszeit und nicht minder auch bei sonstiger Ungunst der Witterungsverhältnisse für das gesamte Trauergefolge zu einer peinlichen Verlegenheit gestaltete. Dank dem Wohltätigkeitssinne der Mitglieder unserer Gemeinde, und zwar auch jener, die ihren Wohnsitz seit geraumer Zeit nicht mehr in Jglau haben, ist es dem rührigen Ausschüsse der „Cyewra Kadischa" gelungen, einen Baufonds zu sammeln und rüstig an die Ausführung dieses staatlichen Bauwerkes zu schreiten, welches ein Wahrzeichen rühmlicher Opferwilligkeit ist, eine Ehrung der Toten und mittelbar auch der Lebenden, die ihr ganzes Können und Wollen dafür einsetzteu. Der stilvolle Bau ist nach dem kunstmäßigen Plane des k. k. Baurates Herrn Wilhelm S t i a ß n h von dem gewandten hiesigen Stadtbauineister Herrn Ignaz Lang ausgeführt worden. Die königliche Stadt Jglau dürfte nun durch dieses bescheidene Denkmal, dessen innere und äußere Form mustergiltig ist, um eine Sehenswürdigkeit reicher geworden sein. Ja, die Stätte, die berufen ist, den teuren Entschlafenen, bevor sie für immer dem Erdenschoße übergeben werden, noch einen letzten würdigen Empfang zu bereiten, gestaltet sich zu einem Denkmale der Pietät. In gehobener Stimmung haben wir uns heute deswegen hier zusammengefnnden, um das fertiggestellte Bauwerk zu weihen und für dasselbe den himmlischen Schutz und Beistand demutsvoll anzurufen. Wir weihen dasselbe mit dem uralten Segensspruche: „Gelobt seist Du, Ewiger, .Mlser Gott, König der Welt, der uns am Leben erhalten und diesen Zeitpunkt hat erreichen lassen." Mit diesem Dankesworte erheben wir unseren andächtigen Blick zu Dir, allgütiger Vater, und erflehen inbrünstig Deine schirmende Huld und Gnade für Seine Majestät, unseren erhabenen Monarchen und Landesvater, F r a nz I o s e f I.. den erlauchten Schutzherrn aller gemeinnützigen Bestrebungen, für unsere geliebte Stadt Jglau und ihre Behörden, für unsere Kultusgemeinde und ihre Vereine, für die „Chewra Kadischa", für das Baukomitee, für den Baurat und Baumeister, für deren Arbeiter und Werkgenossen, sowie für sämtliche Spender und Spenderinnen milder Liebesgaben. „Möge Deine Huld, Ewiger, unser Gott, über uns walten und mögest Du das Werk unserer Hände mit Festigkeit und Dauerhaftigkeit segnen und beglücken." (Psalm. 90,17.) Amen! Ans der Uergangenheit und Gegenwart Ungarisch-Srods. (Fortsetzung.) Doch als das Betlokal vollendet war, erließ der Vorsteher am 2. Juli 1894 folgendes Verbot: ..Nachdem einerseits die Abhaltung von gottesdienstlichen Funktionen in dem be-