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Die Wahrheit · 1904-12-30 · Heft 51 (30.12.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 51 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Die Wahrheil Nr. 51. .Seite 6. eigentliche und ausschließliche Tendenz der Lehre Moses ihr eminent geistiges und ethisches Moment sei. Auf dieses Moment soll und muß sich das Augenmerk und die Tätigkeit aller, denen unsere Bibelrichtnng wert und teuer, hauptsächlich konzentrieren. Wie verdienstlich wäre es demnach, weite Kreise zu beeinflussen, ihre Ausmerksamkeil, ihr Interesse und ihre Tatkraft dem Geiste der Lehre Moses zuzuwenden, anstatt am Gewände derselben, dem toten Buchstaben zu hangen, denselben zu deuten und zu deuteln und den noch ungereiften Sinn der Jugend mit unverdaulichen, oft unverständlichen, ja irrigen Anschauungen und Begriffen zu belasten und zu beirren. Solch ungeeignete Unterweisung in Haus und Schule rächt sich dann gar sehr und die schädlichen Folgen treten in späteren Jahren nur zu drastisch zutage. Aberglaube oder Unglaube, Bigotterie oder Indifferentismus, Fanatismus oder Atheismus sind die Konsequenzen, denen die „gereifte' Jugend zum Opfer fällt, indem sie, mangels richtiger Erfassung der abstrakten Gottesidee zum wahren Gottesbewußffein gar nicht gelangen kann. Und doch ist eben die abstrakte Gottesidee, der richtige Gottesbegriff, das wahrhafte intensive Gollesbewußtsein und die hieraus sich ergebende Lebensanschauung und Lebensführung die eigentliche bezweckte Quintessenz der Lehre Moses. Sie ist es, die ihr ihre monumentale, überwältigende und unversiegbare Hoheit und ihren kulturellen Einfluß verleiht und für alle Zeilen sichert!! Und gerade das Gegenteil davon wird der Jugend gelehrt: das menschliche Gebühren Gottes bei der Schöpfung und noch drastischer bei der Entstehung des Menschenpaares und dessen Sündenfall. Wie soll das jugendliche Gehirn diese Schilderungen vereinbaren mit der abstrakten Gottesidee, die alles Wesentliche total ausschließt?! Wie wenig jedoch wird die Quintessenz, das Wesen der Lehre Moses, berücksichtigt!! Es dürfte die Literatur auf dem ganzen Erdenrund kaum ein zweites Werk aufzuweisen haben, das eine solche Fülle von Uebersetzungen, Erklärungen, Erläuterungen und Auslegungen von hervorragenden Geistern, Fachmännern, Gelehrten und Gelehrtenversammlungen aller Völker und Zeiten erfahren hätte, wie der Pentateuch, dieses Buch der Bücher, unsere älteste Schöpfungsgeschichts- und Kultururkunde. Allein so geist- und lehrreich all diese Werke auch sind, wie wenig beeinflussen sie die große Mehrheit, auf das geistige und ethische Moment der Lehre Moses einzugehen! Die meisten dieser Werke befassen sich vornehmlich mit dem Gewände der Bibel, dem Worte, dem Buchstaben, denen sie mit Aufwand vielen Scharfsinns den ganzen Sinn und alle Bedeutung hineinzuzwängen sich abmühen. Einzelne regen sie wohl zu weiterem Denken und zum Eindringen in den Geist der Bibel an; die große Mehrheit jedoch blieb und bleibt das geistige und ethische Moment der Lehre Moses eine terra incognita, ein Mysterium. Denn gerade die große Masse begnügt sich mit der dürftigen Formel, dem dürren Worte, mit dem gedeuteten Buchstaben und dem in denselben hineininterpretierten Dogma — einem der Lehre Moses gänzlich fremden Elemente, sowie Mysterien überhaupt derselben ganz fremd liegen. „Das Verborgene, die Zukunft, ist des Herrn; das Offenbare, die Gegenwart, ist für uns." (Y. M. 29, 28.) Worte sind für Gedanken, was Gold für Diamanten; diese bedürfen des Goldes zu ihrer Einfassung, aber es bildet keinen integrierenden Teil derselben, es kann sie nicht ersetzen. Den Meisten stellt sich auch daher die Bibel als etwas ehrwürdig Unbekanntes dar und sie erachten sie als antiquiert. Tatsächlich sehen wir als Folge der ungeeigneten Interpretierung und Unterweisung der Bibel, wie sie immer weniger Gemeingut Aller wird, wie sie vielmehr allmählich an Terrain verliert, wie der Jndifferentismus und mit ihm der Abfall vom mosaischen Glauben in progressiver Zunahme begriffen ist; denn die Jetztzeit kennt wenig Pietät fürs Ehrwürdige, und fürs Antiquierte hat sie höchstens ein mitleidiges, wenn nicht gar verächtliches Lächeln. (Fortsetzung folgt.) Leket Joscher des |». Josef d. Moses?) Von Rabbiner Dr. M. L. Stern-Triesch. Einem wertvollen und hochinteressanten Buche hat Heyr Rabbiner Dr. F r e i m a n n in Holleschau seinen hingebungsvollen Fleiß und seinen reichen Wissensschatz gewidmet, indem er das handschriftliche Werk „Leket joscher' des Josef b. Moses aus dem Jahre 1470 mit überaus schätzbaren und reichen Quellenangaben zur Herausgabe durch den segensreichen Verein „Mekize Nirdomim? fertig stellte. Wenn ein talentierter Gelehrter auf dem Gebiete der jüdischen Wrsfenschaft eine Leistung zur Oeffentlichkeit bringt, da hat die Kritik nur das eine zu erörtern, ob die Geistesarbeit einem mit Glück ergriffenen Gegenstände zu Diensten stand. Jeder literarische, künstlertsche und auch der Erfinderruhm beruht ja auf solch glücklichem Treffer. So lange es nun dankenswert sein wird, das Buch Leket joscher feimeit zu lernen, so lange wird auch die jüdisch-literarische Welt dem Autor für die verständnisvolle Sorgfalt, die er dem Buche gewidmet hat, dankbar bleiben. Mit mehr als tausend Noten zur Angabe der Quellen aus dem babylonischen und jerusalemischen Talmud, aus Orach Chaim, Responsenbüchern und den vornehmsten Werken der neuesten Literatur hat Dr. Frei mann diese alte, von den heutigen Führern schon früher gewürdigte Handschrift ausgestaltet. Welche Belesenheit, welche unermüdliche Geduld im Nachschlageu der Folianten, welche Erfahrung in der Bearbeitung des Materials! Wahrlich, wenn irgendwo, gilt hier die talmudische Poesie, daß sich die Lippen seines großen Vorgängers im Holleschauer Rabbinate noch im Grabe regen, da sein später Nachfolger einem ähnlichen Werke wie er, Sabbathi Kohen, dem Werke des Josef Karo sein hingebungsvolles Studium widmet. Oh, Unwandelbarkeit der Zeiten im ewigen Wechsel der treibenden Gedanken! Zeigt sich ja doch die Holleschauer Rabbinerstube nach 250 geschichts- und wechselreichen Jahren genau in demselben Studiumbilde. Da hätte ich es nun , auch schon gesagt, daß Leket joscher so eine Art Schulchan Aruch Orach Chaim ist, welcher unserem heutigen des Josef Karo um 60 Jahre vorangegangen ist. Indessen so sehr es alle Elemente hiefür enthält, so ist es doch mehr die Seelen- und Geistesphotographie eines gefeierten Lehrers, des R. Israel Jsserlein, dem wir das wohlbekannte hochgehaltene Buch Therumat hadeschen zu verdanken haben. Im gewissen Sinne könnte auch Leket joscher als Apologetik des rabbinischen Judentums aufgefaßt werden, indem da das glückselige Leben und Schaffen eines Gelehrten und Lehrers, eines fürsorgenden Hausvaters, eines überaus zärtlichen Gatten, eines geselligen Menschenfreundes, eines heiteren Gemütes, eines unwandelbar gerechten Menschen, eines durch immense talmudische Kenntnisse erleuchteten Geistesaristokraten darstellt, der in strengster, fast unfehlbarer Observanz der rabbinisch-biblischen Vorschriften auch das Kleinste und Kleinlichste ernst wie das Höchste und Wichtigste nimmt. Im einzelnen gibt es da freilich auch gar wunderliche Striche und Schnörkeln, aber es fügt sich alles in einander und wird im ganzen zum Gemälde der Weisheit, der jüdischen Volksseele, aus dem alles Abstoßende und Absonderliche entschwindet. Alles erhält Charakter, Farbe, Bedeutung des Ganzen. Geradezu rührend und bis in die tiefste Seele hinein ergreifend wird das Gemälde durch den schauerlichen Hintergrund der Zeitgeschichte, aus welcher diese Idylle wie eine unerklärbare übermenschliche Seelenkraft hinausleuchtet. In jener Zeit schwebte das gesamte westeuropäische Judentum von wilden Stürmen her- und hingepeitfcht bis tief in den polnischen Osten hinein förmlich in der Luft und kein noch so glaubenszuversichtlicher Optimist hätte damals vorausahnen können, daß heute, 460 Jahre später, dasselbe so ansehnlich, so den Weltengang mitbestimmend, so geistes- und tatkräftig, so tonangebend, eingenistet und ausgebreitet auf demselben blut- *) Ein neues Buch des Vereines „Nskizs Nirdomim“ von Rabbiner Dr. Jakob F r e i m a n n in Holleschau.

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