Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 51 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 51. Die Wahrheit Leite 5. .Dorothea Veit, Mendelssohns geistreiche, durch Liebe auf Abwege geratene Tochter, ist vielleicht die einzige Jüdin, welche er während seines Aufenthaltes in Jena als Freunlin seiner Charlotte und der mit ihm innig vertrauten Caroline Paulus häufig sprach, ohne sie jedoch ihrer Romantik und Schwärmerei wegen recht goutieren zu können. Als ihr „Florentin" erschien, schickte er ihn Goethe mit den Worten: ..Von Madame Veit ist ein Roman herausgekommen, den ich Ihnen mitteilen will; der Kuriosität wegen sehen Sie ihn an. Indessen hat mir dieser Roman, der eine seltsame Fratze ist, doch eine bessere Vorstellung von der Verfasserin gegeben..." Der Umstand, daß Schiller mit gebildeten Inden nicht verkehrte, und ihm in reiferen Jahren die Bilder derjenigen vorschwebten, deren er sich aus seiner Jugendzeit erinnerte, wie sie ans Frendentha! und andern Orten des Schwabenlandes als Viehhändler, schmutzig und zerlumpt, nach Marbach, seinem Geburtsorte, und Stuttgart kamen, wie sie vom Staat gedrückt, vom Bürger verachtet, vom Bauer gehaßt wurden — alles dieses stützte seiner poetischen, das Ideale erstrebenden Natur eine gewisse Kälte und Gleichgiltigkeit gegen sie ein. Dennoch tut man dem Manne, der von der Idee der reinen, freien Menschheit ganz und gar durchdrungen war, der mit der neuen Freiheit alle Vorurteile jeglicher Art stürzen wollte, entschieden Unrecht, ihn wegen einiger lueutgen Aenßernngen über Juden zu ihrem Feinde und Gegner zu stempeln. Unseres Erachtens sind selbst diese, einem Schiller wahrlich nicht würdigen Ausdrücke erst durch den Umgang mit Goethe, der von einem „Judengotte" und einem ..Judenvolke", von „jüdischen Kniffen" und „jüdischen Pfiffen" so gern spricht, und die leibhafte Ausgeburt des alten Frankfurter Judenhasses ist, in ihm zur Reife gekommen. Bedeutungsvoll und seine Meinung über das jüdische Volk klar darlegend, sind die Worte, mit welchen er seinen Aufsatz „Die Sendung Moses" einleitet: „Uns muß die Nation der Hebräer als ein wichtiges, universalhistorisches Volk erscheinen, und alles Böse, welches man diesem Volke nachzusagen gewohnt ist, alle Bemühungen witziger Köpfe es zu verkleinern, werden uns nicht hindern, gerecht gegen dasselbe zu sein. Was war es denn eigentlich, was die jüdische Jugend so mächtig nach Schiller hinzog? Trat er ja der positiven Religion schnurstraks entgegen! Daß er dem positiven Glauben nicht das Wort redet, Moses zu einem klugen Staatsmann degradiert, mit einem Worte, die Bibel nicht als göttliches Buch gelten läßt, wird niemanden Wunder nehmen, wenn man bedenkt, daß er im klassischen Altertum aufgegangen war, wenn man weiß, wie er sich überhaupt über die Bibel äußerte. „Ich muß gestehen", heißt es in einem Briefe an Goethe, daß ich in allem, was historisch ist, den Unglauben zu jenen Urkunden gleich so entschieden mitbringe, daß mir Ihre Zweifel an einem einzelnen Faktum noch sehr raisonabel Vorkommen. Mir ist die Bibel nur wahr, wo sie naiv ist; in allem andern, was mit einem eigentlichen Bewußtsein geschrieben ist, fürchte ich einen Zweck und einen späteren Ursprung." Nichtsdestoweniger ist Schiller der Lieblingsschriftsteller, der Bildner und Erzieher der Juden geworden, die jüdische Jugend richtete sich an Schiller auf, in ihm lernte sie lesen, an ihm lernte sie denken und fühlen, Schiller ruhte sowohl unter dem Kopfkissen der jüdischen Jungfrau, wie die jüdischen Jünglinge diesen Lieblingsdichter den spähenden Blicken ihrer deutschen Bildung verhöhnenden Lehrer zu verbergen wußten. Wo Lessing anfhörte, fing Schiller an; was Lessing für die gebildeten Kreise der Juden im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts war, das wurde Schiller für den großen Haufen; er wurde Volksschriftsteller und Volksdichter. Schiller in seinen schmerzlichen Erregungen, in seinen Leiden und Kämpfen, in seinem Sterben und Erlöschen wurde Fleisch von unserm Fleische, Blut von unserm Blute! Es ist ein sprechendes Zeugnis für den unverdorbenen, reinen Geist der jüdischen Jugend, daß sie sich von Schiller erfüllen ließ. Sein ganzes Wesen ruht in keuscher Sittlichkeit und himmelreiner Unschuld; Idealität war das Grundprinzip seines Lebens, Strebens und Dichtens; in idealem Gedankenstnge erhoben sich Israels Söhne und Töchter weit über das Gewöhnliche: Menschenrechte, Menschenwürde und Menschenfreiheit waren die leitenden Ideen in seinen dramatischen und historischen Darstellungen; nach Menschenrechten und Freiheit lechzten mit ihm die aller Rechte beraubten Inden und Jüdinnen. Schiller nahm sie auf seinen Schwingen mit in die heiligen Sphären: er kämpfte für ihre Freiheit durch die Kunst und das Erhabene. DergestaU hat Schiller, welcher im gleichen Alter mir dem ihm in vielen Beziehungen ähnlichen Spinoza der Menschheit zugleich entrissen wurde, auf die Veredlung und Bildung der Juden gewirkt. Seine den Psalmen an Reinheil und Lauterkeit gleichenden lyrischen Poesien sind von unseren Dichtern in die neuhebräische Poesie übertragen, andere in deutscher Sprache travestiert worden nnd selbst in Gegenden, welche sogar noch heute im Dunkel liegen, wo deutsche Bildung den Juden noch immer ein leerer Schall ist, hat dennoch Schiller bei ihnen das Bürgerrecht erlangt, selbst da liest man „Schillers Werke" und ihr Lieblingsdichter ist nnd bleibt — Schiller. Der Geist der Dibet. Von A. D. Sulzbach-Rosenfeld. (Fortsetzung.) Diese Belebung und Auffrischung ihrer ^Erinnerung er-! achtetete aber Moses als eminent wichtig und notwendig. Einerseits war er der Ueberzeugung, daß wahre, unbedingte, allgemeine Sittlichkeit, Gerechtigkeit und werktätige All-Liebe nur dann zu erzielen seien, wenn sie ein geklärtes positives Gottesbewußtsein zur Voraussetzung und Grundlage haben, wo hingegen eine aus Vernnnftgründen resultierende oder auf blindem Glauben, Gehorsam, Furcht rc. basierende Sittlichkeit re. mir eine solche der Opportunität sei — von Zeit, Oertlichkeit unfr Umstände bedingte; anderseits lag es in der Absicht Moses, den erhabensteti Gottesbegriff nicht nur bei seinen Brüdern wieder zu beleben, als vielmehr denselben in ihr Bewußtsein möglichst zu vertiefen und zu erweitern, auf daß sie Vertreter desselben werden nnd ihn den anderen Nationen nnd Völkern vermitteln. In der höchst peinlichen Lage, in der sich nun Moses gegenüber seinen unterjochten Brüdern in Anbetracht des verblassenden Gottesbegriffes in ihrem Bewußtsein befand, ruft er im Eifer seiner ihn so ganz erfüllenden Sendung beklommen, II. M. 3, 13, aus: „Und wenn meine Brüder zu mir sprächen: Wie ist sein Name? was soll ich ihnen sagen??" Allein genial und ideal veranlagt, universalen Geistes, göttlich erleuchtet, fand er bald einen Ausweg, in dem so treffend und erschöpfend zusammengesetzten Worte „Jhwh“ liojoh, lioweh, w’jihjela, das da bedeutet: „Er war, Er fft und Er wird sein von Ewigkeit bis in Ewigkeit Schöpfer und Erhalter der Entstehungs- und Entwicklungskraft des All." Einem Zauberstabe, mateh ebhim. gleich, wirkte dieses erhabene Wort auf seine bedrängten, geistig niedergehaltmen und verschüchterten Brüder. Mit diesem Zauberworte führte sie Moses nicht nur ans physischer Sklaverei, sondern snccessive zu jener steilen Höhe, Nebo, auf dem der Tempel der ewigen Wahrheit, Liebe nnd Gerechtigkeit ..in den Himmel ragt". Wahrheit ist das „Wort', Liebe und Gerechtigkeit die „Tat". Selbstlose und rastlose. Alle und Alles, die ganze Schöpfung umfassende, werktätige Liebe nnd Gerechtigkeit. Und dies war und ist auch tatsächlich das Wesen, der Inhalt, Zweck, Titel und Endergebnis des Vermächtnisses Moses an seine Brüder. Diese drangen denn auch ein in den Geist der Bibel und vor ihrem erstaunt geistigen Auge offenbarte sie sich als ein Universum, und sie erkannten, welch tiefe und erhabene, die ganze Schöpfung umfassende und beherrschende Weisheit und Wahrheit zur Aufklärung nnd Wohlfahrt der ganzen Menschheit in ihren Schristzeicben niedergelegt wurden, nnd daß die