Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 51 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrten Nr. 51. Das ganze von manchen allerdings über das Ziel schießende Feuilleton hier abzudruckeu, müssen wir uns versagen, aber der nachstehende Passus sei hier wiedergegeden: „Ich sag' Ihnen, einen solchen Weihnachtsbaum, wie meine Frau gekauft hat, hat die Welt noch nicht gesehen. Gut 'n dritten Teil hab'n m'r abschneiden müssen, damit er in unseren Salon hineingeht." So erzählte schon acht Tage früher Herr Samuel Deutsch, Börsenkommissivnsgeschäftsinhaber, allen feinen Freunden und Bekannten. Selbstverständlich waren es die allerersten .Hoflieferanten gewesen, die von Deutsch mit dem Auspntzen des Weihnachtsbaumes betraut worden waren, und zwei Gehilfen halten zwölf Stunden daran ununterbrochen gearbeitet. — Es bedürfte eines Aesthetikers von Profession, um den prachtvollen Anblick zu beschreiben, den der Baum bot, als er endlich am Weihnachtsabend im allereugsten Familienkreis angezündet wurde. Angezündet? Welch plebejischer Ansdruck! ..Schalten Sie den Strom ein!" hatte Samuel Deutsch pathetisch der Gouvernante seiner Kinder zugerufeu, und siehe da? Ueber und über erglühte die stolze Tanne von roten, blauen, grünen, gelben, violetten, milchfarbenen Glühlämpchen, die sich an vergoldeten Kupferdrähten durch die schwer beladenen Zweige schlangen. Hellauf jauchzten die Kleinen. „Gott, wie schön!" rief Frau Deutsch, eine üppige, stolze Dame mit dreifachem Kinn und terassenartigem Busen, und Nu, was iagste, Elsa, is es das Geld wert oder nicht?' fragte der begeisterte Samuel Deutsch. Natürlich gab es ganze Wagenladungen von Geschenken, von denen' wir nur einige hervorhebeu wollen. Da war vor allem eine allerechteste, allermodernste Hermelinpelzgarnitur für Frau Elsa, geschenkt von ihrem Gatten, der ihr vorsichtshalber auch die Faktura darüber im Betrage von sechshundert Kronen eingehändigt hatte. „Dreihundert Gulden," hatte Frau Elsa mit Tränen der Rührung in den Augen gemurmelt und ihrem Gemahl eine in Gold gefaßte, kunstvoll gedrechselte Meerschaumzigarrenspitze in den Mund geschoben. Die Kinder, und zwar der siebenjährige Erwin und der fünfjährige Kuno, bekamen ungefähr drei Dutzend Bücher in Prachteinbänden, ein vollkommen bis in das kleinste Detail ausgeführtes Miniaturautomobil, eine ebensolche Lokomotive mit einem Schlafwagen und einem Waggon erster Klasse, ungeheure Baukasten, aus deren Steinen sich bloß Schlösser und Villen konstruieren ließen, komplette Offiziersuniformen n. s. w. Auch der sechswöchentliche Säugling, ein Mäderl mit dem Namen Hildegunde, ging nicht leer aus: sie erhielt ein paar echte Miniaturbrillantohrgehänge und ein goldenes Uehrchen samt Kette. Zu erwähnen wäre noch, daß Fräulein Amalie Knorr, die norddeutsche Gouvernante der Familie Deutsch, ein prachtvolles Ausgehkostüm bekam. * V Aus der an berechtigten und unberechtigten Ausfällen gegen gewisse jüdische Kreise reichen Satire sei nur noch ein Moment hervorgehoben, welches jene getauften Juden trifft, die der Religion des Judentums den Rücken kehrten, aber doch nur in Gesellschaft von Juden zu finden sind. Als Repräsentant dieser Kategorie wird unter den Gästen des Herrn Samuel Deutsch Herr Ignaz recte Franziskus Schnapper und Familie eingeführt. Wir hören zur Charakteristik des würdigen Oberhauptes des Familie Schnapper Folgendes: Als nächste erschienen Herr Ignaz recte Franziskus Schnapper sammt Frau und Kindern. Herr Schnapper war vor nicht langer Zeit mit seiner ganzen Familie zum Christentum übergetreten. „Ich versichere Ihnen," pflegte er jedermann ohne Ausnahme zu sagen, „ich Hab' mich bloß taufen lassen, weil ich diese ekelhaften Juden nicht mehr ausstehen kann: verhaßt sind sie mir." Nichtsdestoweniger frequentierte das Ehepaar Schnapper ausschließlich israelitische Salons, wo sie sich, im Gegensatz zu christlichen Gesellschaften, zu Hause fühlten. * Die Satire der „Arbeiterzeitung" ist eine blutige. Sie wäre aber auch eine heilsame, wenn alle Juden, welchen an der Würde ihrer Glaubensgenossen gelegen ist, dazu beitrugen, daß den Nachüffern des Christentums zu Gemüte wird, welche Beurteilung ihrVorgehen auch in nichtjüdischen K r e i s e n f i n d e 1. * -i- Herr v. Koerber, welcher durch die bekannte Abstimmung im Budget-Ausschuß bis zur Demissions-Neigung verstimmt wurde, hätte diese Niederlage zum guten Teile den Christlich- Sozialen zu danken. Die Herrschaften, die dem Kabinet Koerber so unendlich viel, ja vielleicht alles zu danken haben, bewiesen dem Ministerpräsidenten, der sich in der Schulsrage ihnen nicht sofort unbedingt unterwarf, durch ihre Opposition, durch ihre Abstimmung ihre allerhöchste Ungnade. Dr. Lueger ist verhätschelt und verzärtelt durch das Entgegenkommen, das ihm bisher bei den Negierungen geworden, er ist übermütig geworden und duldet keine Regung des Widerstandes. Undankbarkeit ist das innerste Lebensprinzip der Christlich-Sozialen und sie vergessen Jedem meist das Gute, das er ihnen getan, sie verlassen ihn sobald sie glauben, daß er ihnen nicht mehr nützen kann. Herr v. Koerber erfährt es wie Ba deni vor ihm, daß dieselben Leute, die ohne ihn in Nichts znrtickgefal len wären, ihm einen Stoß versetzen, sobald er ihrer b e d a rf. Zur SchiUer-Zentemmrseier. Im Frühltng des nunmehr beginnenden Jahres 1905 fährt sich zum hundertsten Male der Tag, an welchem der unsterbliche dichterische Genius Friedrich S ch i l l e r seine glänzende irdische Laufbahn vollendet hat, und allenthalben rüstet man sich, um diesen Tag würdig des großen Todten zu begehen. Trotzdem heute in weiten Kreisen die Begeisterung für die hohen Ideale der Menschheit gar merklich geschwunden ist, kann noch immer Schiller der Lieblingsdich'ter der deutschen Jugend genannt werden, und besonders bei der jüdischen Jugend hat die schwärmerische Verehrung für die herrlichen Gestalten, die der Dichter der Freiheit, der die Fesseln der Bedrängten und Geknechteten sprengen half, geschaffen hat, nicht abgenommen. Darum werden wir uns der „Schillerfeier" in dankbarer Erinnerung anschließen und wollen schon heute in kurzen Umrissen den Einfluß zn schildern versuchen, welchen dieser große Geist und seine unsterblichen Erzeugnisse auf die jüdische Natur geübt haben. Nur hiervon, so schreibt mit vollstem Rechte Kayserling, kann überhaupt die Rede sein, denn Keiner unter all den Männern, welche an der Regeneration des deutschen National- und Geisteslebens wesentlichen Anteil nahmen, stand weniger in direkter Beziehung zu den Juden, hat weniger Nonz. von ihnen genommen als gerade Schiller, ja, man kann wohl sagen, daß er während seines ganzen Lebens mit keinem Inden in nähere Berührung kam, daß das Wort „Jude" in allen seinen Schriften kaum ein- oder zweimal vorkommt. Nur zwei seiner Zeitgenossen jüdischen Glaubens zogen seine Aufmerksamkeit ans sich; es waren dies Moses Mendelssohn und Salomon Maimou. Ersterer interessierte ihn als Aesthetiker, aber auch nur als solcher. Seine ästhetischen Schriften befanden sich in seiner Bibliothek, seine Erklärung des Schönen in der national-objektiven Auffassung hatte Wert für ihn, der „Phädon", „Jerusalem", selbst die „Morgenstunden" mögen jedoch nie von ihm gelesen worden fein, wiewohl letztere tiefe philosophische Probleme behandelten, deren Bedeutsamkeit auch von ihm, dem eifrigen Anhänger Kants, sicherlich gewürdigt worden wären. Salomon Maimon schätzte er als seinen philosophischen Genossen, als „gründlichen Kantianer", als einen Mann, von vorzüglichen, philosophischen Talenten," und forderte neben Goethe, Kant, Herder, Garve, Engel, Jacobi, u. a. auch diesen Litthauer Juden als Mitarbeiter zu den „Horen" auf. mBsasMBaBa