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Die Wahrheit · 1904-12-23 · Heft 50 (23.12.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 50 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 50. Seite 7. Die Wahrheit. Vizepräsident Dr. Kohn erklärt, daß der Religionsunterricht am Sonntag möglichst eingeschränkt werde, sich aber namentlich dort als notwendig erweise, wo Sammelschulen sind' Präsident Dr. Stern verweist darauf, daß der größte Teil der Ehescheidungen arme Leute betrifft. Diese Ehescheidungen sind unentgeltlich und verursachen der Gemeinde noch Kosten. Herr Sigm. Kanders verwahrt sich dagegen, als ob er eine Herabsetzung des Kultusvorstandes beabsichtigt hätte, aber man muß derartige Dinge in der öffentlichen Sitzung besprechen, da das Reden in den Kommissionen nichts nützt. Kais.RatPollak stellt entschieden in Abrede, daß seine Worte irgend welche Agitationszwecke aus die Wählerkreise verfolgen. Er stand und steht nicht vor einer Wiederwahl, und auch Herr Kauders hat kein Interesse, jetzt eine Wahlrede zu halten. Es wäre nur gerecht und billig, wenn wenigstens die Antragsteller obligatorffch zu den Sitzungen des Vertreter- Kollegiums zugezogen würden, damit die Herren daselbst ihre Anträge vertreten können, resp. über das Schicksal derselben Bescheid wissen. Seinen vorgebrachten Tadel betreffs des Bauamtes müsse Redner aufrechthalten, da die Wirtschaft, die in diesem Amte herrschte, wie aus den Offertverhandlnngen hervorgeht, nicht gebilligt werden kann. Ich habe mich nicht gescheut, wie die .Herren wissen, dem Leiter dieses Amtes meine Meinung von Angesicht zu Angesicht zu erklären, da ich ebenso die vorzüglichen Leistlingen unserer Beamten anerkenne, als ich mir Vorbehalte, bei minder guten Tadelsworte auszusprechen. Redner verweist auch aus die Grabausschmückungen am Ceutralfriedhose, über deren konstatierte Unzulänglichkeit seitens der Parteien Klage geführt wird, und bedauert, daß der von ihm seinerzeit mitunterstützte Antrag betreffs Uebernahme der Grabausschmttckung in eigene Regie nicht durchgedrungen ist, obwohl dies zu einer Einnahmsquelle für die Gemeinde geworden und zur Befriedigung der Parteien ausgefallen wäre. Was die Einwendung bezüglich meiner Anregnng wegen der Taxen für Ehescheidungen betrifft, so könne sich Redner von qeinem'Standpunkt nicht abbringen lassen. Wer sich den Luxus einer Ehescheidung leistet, der soll auch gewisse Taxen dafür bezahlen, die wenigstens zum Teil der Gemeinde zufließen sollen. Endlich erinnert Redner an ein ihm im Vorjahre vom 'Präsidium gegebenes Wort, daß zu den Ehescheidungen bei Gericht ein der deutschen Sprache vollkommen mächtiger Rabbiner delegiert werden möge, was einem von Parteien und Advokaten seit Jahren gehegten Wunsche entspreche. Präsident Dr. S te r n kann Pauschalanklagen nicht zulassen. Wenn Unkorrektheiteil Vorkommen, möge man sie zur Anzeige bringen und es werde die allerstrengste Untersuchung geführt werden. Allgemeine Verdächtigungen eines Amtes müsse er entschieden zurückweisen. Nach Beendigung der Generaldebatte wird eine kurze Spezialdebatte geführt, an welcher die Herren Kauders, Dr. Gustav Kohn, Salo Kohn, Professor Ehrmann, Moriz Kuffner und Dr. Spitzer teilnehmen ltub hierauf wird das vorgelegte Budget so. bloc angenommen. Nützliche Gedanken. Lemberg, im Dezember 1904. Wie alljährlich seit zwei Dezennien, bildete auch in diesem Jahre das Makkabäerfest das Losungswort der Nationaljuden. Das bescheidene Lichtfest wird ja seit mehr denn zweitausend Jahren nicht nur in den Synagogen, sondern auch in den Wohnungen des gesetzestreuen Israels in allen Lagen und Verhältnissen mit tiefer Empfindung und mit richtigem Verständnis veranstaltet. Nur diejenigen, denen die Bedeutung und die Wertschätzung unserer nationalen Gesetze, Sitten und Gebräuche im Streben nach materiellem Genuß und nach gesellschaftlicher Auszeichnung ganz oder teilweise abhanden gekommen sind, verhalten sich auch diesem Feste gegenüber ablehnend, wobei manche sogar bas nichtjüdische Fest mit dem strahlenden Lichtbaum begehen. Zu deren Leidwesen und zum Nutzen des jüdischen Volkes rafften sich die Freunde der ernsten und strengen Lebens ordnung, welche in der Beobachtung und Pflege des jüdischen Gesetzes ihre richtige Aufgabe erblickten, auf, weckten die großen Massen aus ihrem lethargischen Schlafe und stellten sich den Verehrern der lockeren Sittlichkeit und ihrem behaglichen Lebensgenüsse entgegen. Freilich konnte dies — wie viele meinen und was auch wahrscheinlich ist — meistens dadurch geschehen, daß die Schatten des Mittelalters den Horizont der Kulturvölker verfinsterten und daß das Gift des Hasses und der Feindschaft von selbstsüchtigen Strebern dem großen, gedankenlosen Haufen der Menschenfamilie beigebracht wurde. Allein auch dies führte zum Guten; denn das jüdische Volk und — was hervorzuheben verdient — die Jugend wendet sich nun gern den jüdischen Sitten und Gebräuchen zu. Die heilige Sprache der Väter wird fleißig gelernt, die jüdischen Feste werden würdig gefeiert und es ist auch die begründete Hoffnung vorhanden, daß der Geist der Gesetzestreue und Sittenreinheit durch die Erlernung und Kenntnis der schriftlichen und mündlichen Gotteslehre in die Kreise der jüdischen Jugend eiukehren wird. Und so rüsteten sich auch jetzt die Nationaljuden aller Schattierungen mit großem Eifer das Andenken der jüdischen Helden zu feiern, welche einst unter dem schweren Drucke des leichtsinnigen Syrerkönigs Epiphanes mit opferwilliger Hingebung als ein schwaches Häuflein rastlos im heiligen Lande umherzogen, um die Leidenden zu trösten, die Abtrünnigen zu strafen und die Verzagten zu ermuntern. Mit Begeisterung und Todesmut kämpfte die geringe und ungeübte Stteitmacht gegen die zahlreichen, kriegsgerüsteten und mit erfahrenen Führern versehenen Truppen der Syrer und brachte ihnen schwere Niederlagen bei, und mit erprobter Tapferkeit und mit besonderer Zuversicht erföchte die Minderzahl einen glänzenden Sieg über die 60.000 kernigen Soldaten der syrischen Großmacht. Diese Feier soll zur Nachahmung dienen, tim gleich unseren Vätern das Vaterland zu retten und das jüdische Heiligtum von der Entweihung der Feinde des Judentums zu reinigen. Ueberall, wo Juden zerstreut unter den Völkern leben, sollen sie sich erhoben und ermutigt fühlen sowohl in den Gotteshäusern, als auch im echt jüdischen Hause acht Tage hindurch das Lichtfest mit froher Zuversicht auf eine glückliche, nationale Zukunft feiern. Und hier, in der Hauptstadt Galiziens, wo sowohl die abtrünnigen Namensjuden, als auch die sogenannten Frommen sich abwehrend dem nationalen Gedanken verhalten, feierte eine ausgewählte Minderheit das Makkabäerfest, wobei der Geist des Zionismus mit besonderem Nachdrucke zutage gefördert wurde. Den Reigen eröffnete der ..Verein zur Unterstützung russischer Juden" am 29. November, mit einem Feste, welches allgemeine Befriedigung hervorgerufen hat. Der bekannte Philanthrop, Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Holzer, eröffnete das Fest als Präsident und sprach — ganz unvorbereitet — über die Geschichte des Festes und ermahnte die Zuhörer zur Nachahmung heldenmütiger Verteidigung des Judentums. Dann verrichtete der allgemein verehrte und beliebte Oberkantor I s a k Halpern die Funktion der Chanukabenediktionen in seiner rühmlichst bekannten Weise samt seinem Chor, wobei der 30. Psalm trefflichst exekutiert wurde. Derselbe sang auch später das bekannte Lied von Schubert „Der Wanderer" und das hebräische Gedicht „Naehnu Edim" mit herzinniger Empfindung und mit meisterhaftem Erfolge. Verschiedene Produktionen jüdischen Inhalts erquickten die Zuhörer. Herr Med. Dr. Rubin Vierer, zweiter Präsident des Vereines, der in selbstloser Weise die nationalpolitischen Interessen unseres Volkes mit unermüdlichem Eifer zum guten anstrebt, benützte die Vision unseres Erzvaters Abraham in s. B. M. Kap. 15, um mit kernigen Worten die Geschichte Israels in der Völkerfamilie zu beleuchten und die Zukunft desselben laut göttlicher Verheißung als eine glückliche zu erwarten. Die eigentliche Festrede hielt der greise, 77jährige Rabbiner Dr. Kobak, deren Inhalt wir in einer späteren Nummer dieser geschätzten Zeitschrift skizzieren wollen-

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