Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 49 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 49. Die Prüfung im Schullokal war glänzend ausgefallen, und Teinitz hatte durch seine Leistung reichliches Lob geerntet' Der Raw empfing aus der Hand des Schammes die große Düte voller Zuckerwerk, womit er alle Kinder zu gleichen Teilen bedachte, damit sie die ausgestandene Angst in etwas versüßten. Für fünf der besten Schüler aber hatte er je eine gute Jugendschrift jüdischen Inhaltes als Prämie mitgebracht. Nach einer firrzen, aber eindringlichen Anrede an die Schuljugend sowohl als an den Lehrkörper und die anwesenden Gemeindemitglieder verließ der Kreisrabbiner an der Seite seines Gastsreundes das Schullokal. Zu Hause angekommen rief Reb Schlome schon in der Türe seiner ihn empfangenden Gattin zu: „Geschwind, liebe Esther, gib zu Tisch, der Raw hat seit heute früh nichts genossen, er wird großen Hunger haben." Daß er selbst noch größeren hatte, verschwieg er wohlweislich. Esther reichte ihm den angekommenen Brief. „Laß das jetzt, Sophie, erst gib zu Essen, dann werde ich lesen. Schlome hamelech hat gesagt: Alles hat seine Zeit, Essen hat seine Zeit, Fasten hat seine Zeit, und jetzt ist Zeit zum Essen." Die Herren wuschen sich die Hände und gingen zu Tische. Dem Gaste fiel sogleich die merkwürdige Veränderung in dem Wesen Sophies auf. Ihre Munterkeit, die ihm gestern noch so wohl gefiel, war einer ungewöhnlichen Traurigkeit gewichen, auch bemerkte er, daß sie rotgeweinte Augen hatte, dock^war er so taktvoll, nicht direkt nach dem Grunde ihrer Verstimmung zu fragen. Nach gesprochenem Tischgebete wollte sich der Hausherr zurückziehen, um den Brief zu lesen, doch Frau Esther sagte: „Wenn Se. Ehrwürden es gestatten, könntest Du den Brief in seiner Gegenwart laut vorlesen, ich denke, er wird uns seinen Rat nicht versagen, da es sich um eine wichtige Angelegenheit handelt. Es betrifft nämlich Ihren Liebling, Ehrwürden, unseren fernen Pflegesohn." „Ach, den Pinchas," sagte der Rabbi, „bitte, lieber Freund, lesen Sie laut, mich interessiert ja alles, was den betrifft." Und Teinitz las: „Wertester Herr Teinitz und Frau ad mei schonim!" Eine alte Frau schreibt Ihnen aus der Ferne diesen Brief. In meinem Hause ist ein Zugsführer einquartiert gewesen nnd wurde während der Manöver krank. Ich hätte ihn ganz gerne bei mir auskurieren lassen, aber das wissen. Sie ja auch, dem Militär hat unsereins nichts anzubefehlen. Es sind Sanitätssoldaten gekommen und haben ihn in einem Wagen in die Stadt ins Spital geführt. Der Soldat war ein braver Junge, und ich habe ihn in den paar Tagen, die er bei mir gewohnt hat, so lieb bekommen, wie ein eigen Kind. — Denn leider Gottes ist mein eigenes Kind meiner sündhaften Hartnäckigkeit wegen jung gestorben. — Ich bin täglich in die Stadt ins Garnisonsspital gefahren, und so lang der.junge Mann im Fieber war, hat er mich nicht gekannt, er hat nur immer:. „Sophie!" gerufen. Wie das Fieber gewichen war, haben wir uns ausgesprochen und da erfuhr ich, daß er das einzige Kind meiner ftühverstorbenen Tochter ist. Sowie er aus dem Spital entlassen wird, nehme ich ihn zu mir, denn der Herr Hauptmann hat mir gesagt, daß er zur Reserve entlassen werden soll und nicht mehr weiterdienen muß nach so einer schweren Krankheit. — So weit aber sind wir noch nicht. Er ist noch immer schwerkrank und kann sich nicht rühren, und alles, was mau ihm gibt, freut ihm nicht, er will immer seine Sophie sehen. Darum tue ich Sie schön bitten, wenn Sie mir die Freundschaft und dem armen Kranken die Liebe erweisen würden und das liebe Fräulein herschicken möchten. Ich werde Sie hier behüten, wie mein eigen Kind, ich bin ja schon so alt und kann nicht gut aus dem Haus und der Wirtschaft fort. Ich möchte so gerne au Ihrer Tochter vergelten, was Sie an meinem teueren verlassenen Enkelkind Gutes getan haben. Sagen Sie auch Ihrer 'Gemeinde, ich lasse Allen für das Gute danken, was sie an dem Jungen getan haben. Ich will trachten, alles nach Möglichkeit zu vergüten, aber ganz bezahlen kann es nur allein Gott schem borchu, der noch keine Mizwah unbelohnt. gelassen. Also schreiben Sie mir gleich, ob Sie das Kind herschicken wollen. Das aber müßte ganz bald geschehen, weil der Kranke sich gar so viel nach ihr sehnet. Sobald ich Antwort von Ihnen bekomme, werde ich gleich die Reiseroute und alles Nötige zur Neise senden." Der Brief schloß mit dem Satze: „Sie können Vertrauen zu mir haben, denn ich bin die Witwe eines braven Mannes, eines großen Lamden, Reb Mechuel Goldberg, der aus einer großen angesehenen Familie aus Szegedin stammt." Hier unterbrach der bisher schweigend zuhörende Kreisrabbiner den Vorleser mit einem Rufe freudigen Staunens: „Ein. Enkel von meinem besten Freunde Reb Mechuel; Darum also habe ich mich zu diesem armen Kinde so seltsam hingezogen gefühlt! Es lag etwas in dem Blicke seiner Augen, in dem Tone seiner Stimme, was langschlummernde Gefühle in mir wachgerufen, was mich auf unerklärliche Weise anmutete. Reb Mechuel Goldberg, ich darf aus ihn sagen: Secher Zadik liwrocho, war auf der Jeschiwa zu Preßburg, wo wir beide lernten, mein bester Freund gewesen. Wir bewohnten gemeinschaftlich eine kleine Dachkammer, und teilten redlich Freud und Leid und oft den letzten Bissen Brod mit einander. Denn wir halten Beide ein kärgliches Einkommen, halfen uns aber gegenseitig nach Möglichkeit aus. Wenn wir mitsammen bei dem Scheine einer kleinen Oellampe bis tief in die Nacht studiert hatten, teilten wir unser ärmliches Lager aus einem harten Strohsack und einer dünnen Decke bestehend. Diese unsere treue Freundschaft trug uns auf der Jeschiwa den Spitznamen: David und Jonathan ein. Als wir die Jeschiwa verließen, und sich unsere Wege trennen mußten, befleißigten wir uns eines regen Briefwechsels, der nicht so die eigenen Angelegenheiten behandelte, denn was hätten sich zwei einsam hinlebeude Bachnrim eigentlich zu erzählen gehabt?, als vielmehr Tivre Thauro zum Gegenstand hatte, da dies unser ganzes Denken und Fühlen be- Volkswirtschaft. Wiener Bank-Verein. In Gemässheit des § 49 der Statuten werden die Aktionäre des Wiener Bank-Verein zu einer ausserordentlichen Generalversammlung eingeladen, welche am 10. Jänner 1905, vormittags 11 Uhr, in Wien, I., Herrengasse 8. stattfindet. V erhandlungsgegenstän de: 1. Antrag des Administrationsrates auf Erhöhung des Aktienkapitals um 20 Millionen Kronen. 2. Antrag des Administrationsrates auf Abänderung der bezüglichen Statutenbestimmungen. Nach § 46 der Statuten sind zur Stimmführung in der General-Versammlung nur jene Aktionäre berechtigt, welche seit wenigstens 14 Tagen vor dem Zusammen treten derselben mindestens 25 Aktien nebst Coupons bei der Gesellschaftskasse oder den sonst hiezu vom Administrationsrate bestimmten Stellen erlegt haben. Je fünfundzwanzig Aktien geben das Recht auf eine Stimme (§ 47 der Statuten). Die stimmberechtigten Herren Aktionäre werden daher eingeladen, ihre Ak'ien samt Coupons bis 27. Dezember 1904 in Wien bei der Liquidatur (I., Herrengasse 8), in Aussig a/E., Brünn, Budapest, Czernowitz, Graz, Lemberg und Prag bei den Filialen, in St. Pölten. Proßnitz und Wr. Neustadt bei den Exposituren des Wiener Bank - Verein, in Berlin bei der Deutschen Bank, in Frankfurt a/M. bei der Deutschen Vereinsbank und der Frankfurter Filiale der Deutschen Bank, in Stuttgart bei der Württembergischen Vereinsbank, in München bei der Bayrischen Filiale der Deutschen Bank zu deponieren. Die Aktien sind von arithmetisch geordneten und vom Einreicher eingenhändig Unterzeichneten Konsignationen (und zwar bei der Liquidatur in Wien in zwei, bei den sonstigen Deponierungsstellen in drei Exemplaren) begleitet, einzureichen. Ein Exemplar der Konsignationen erhält der Deponent mit der Empfangsbestätigung versehen zurück und gleichzeitig wird gemäss § 54 der Statuten die Legitimationskarte für die Teilnahme an der General-Versammlung erfolgt, welche auf den Namen des Deponenten lautet und nur für die bezeichnete Person oder deren gehörig legitimierten Bevollmächtigten Geltung hat. Wien, den 10. Dezember 1904. Wiener Bank-Verein.