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Die Wahrheit · 1904-12-16 · Heft 49 (16.12.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 49 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 49. Die Wahrheit. Leite 7. Strafgerichtes Schwere; doch der Vernichtung anheimfallen läßt - Er mich nicht, nie und nimmer!!" Pf. 118: „£>0 omus, ki echjeii wa asapper maaseh joh!a Ist es nun nicht eine verblüffende Ungeheuerlichkeit, daß trotz all dem Gesagten und Angeführten wir die traurige Wahrnehmung machen müssen, wie die Abtrünnigkeit unserer Glaubensgenossen gegenwärtig üppig fortwuchert?! Nicht aber kann dies etwa Furcht und Besorgnis vor künftiger sozialer und politischer Gestaltung infolge des um sich greifenden Antisemitismus fein; denn wäre es dies, dann hätte es ja in den früheren mannigfachen Verfolgungsepochen ganz andere, weit drängendere Veranlassungen hiezu gegeben. Allein nicht Drangsale, nein! Vielmehr das Gegenteil: Wohlergehen, Uebermut, schnöder Egoismus, Strebertum, Eitelkeit, Leichtsinn und niedere Gesinnung erzeugen Apostate, wie schon Moses V, 82, 15 entrüstet ausruft: „Jeschurum ward feist, ja fett, dick, beleibt und — schlug aus! Verließ den Gott, der es gemacht, entwürdigte den Fels seines Heils!" „Verkehrtes, treuloses Volk!" Aber noch ein anderer Faktor ist es, welcher das Tempo des Uebertrittes gegenwärtig so beschleunigt und es zuwege bringt, den derzeitigen Renegaten ihre scheu-, würde-, charakter- und gewissenlose Handlungsweise gar so plausibel erscheinen zu lassen. Während nämlich in Israel seit Unzeiten die Eltern es als ihre heiligste Pflicht betrachteten und auch betätigten, ihren Kindern bereits im zartesten Alter den Gottesglauben einzuimpsen und sie mit den erhabenen Lehren und humanen Satzungen unserer Bibel und mit dieser selbst aufs innigste vertraut zu machen, hat im verflossenen Jahrhundert, kaum der Freiheit Wehen die schweren düsteren Wolken ein wenig gelichtet, bei den Aufgeklärtseinwollenden die irrige Ansicht Eingang gefunden, die Anschauungen nub Satzungen der Bibel seien veraltet, antiquiert, unvereinbar mit den Anschauungen und Anforderungen der Neuzeit, daher der Bibel Kenntnis ein überwundener Standpunkt sei, wiewohl diese Neuzeit von der Humanität und den höchst löblichen sozialen Tendenzen der Bibel noch weit, weit entfernt ist. Die natürliche Folge hievon ist: der mangelnde Gottesglaube und das gänzliche Fehlen des Gottesbewußtseins in Konsequenz der Unkenntnis der Bibel und des völligen Unbewußtseins des höchst geistigen und ethischen Inhalts von Moses Lehren und Satzungen — ihr eigentlicher, ihnen ihre Exklusivität und Ewigkeit verleihender K^rn. Daher der Abfall, der Uebertritt ein Akt der Konvenienz. Diese Verirrung, dieses Armutszeugnis Jung-Jsraels, „seines kostbarsten Schatzes sich entäußern zu wollen, ist aber teilweise auch die Folge einer Unterlassungssünde Israels. In den letzten Dezennien des glorreichen Jahrhunderts der großen Denker und der Aufklärung begann der menschliche Geist der lähmenden Fesseln sich zu entledigen, in welche die gar zu lange Periode mittelalterlicher Finsternis ihn so fest gebannt, und eine das menschliche Tun und Lassen umfassende Umwälzung bereitete sich vor, die kontinuierlich an Intensität gewann und ungeahnte Dimensionen annahm. Demzufolge haben auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit und geistigen Schaffens die Physiognomie, die Auffassung, das Streben, der Ausblick, die Taktik rc. eine totale Veränderung erfahren, und es hat naturgemäß auch eine denselben entsprechende Anschauung und Gestaltung aller in Betracht kommenden Faktoren allenthalben platzgegriffen. Geschah nun aber auch seitens Israels betreffs seiner internen Intentionen, was diesen allgemein sich vollzogenen und alles beherrschenden Vorgängen Rechnung getragen hätte?! War es denkbar, daß eine solche, in alles und jedes tief einschneidende Umwälzung Israels Jahrhunderte alte Anschauungen und Gepflogenheiten und die mit diesen korrespondierende Denkweise und Richtung unberührt lassen würde?! Und dennoch unterblieb jede diesbezügliche Initiative seitens Israels, so nötig sie auch gewesen wäre; einerseits zur energischen Ab- und Gegenwehr gegen die vielen und mannigfachen der Lehre Moses zugedachten fälschlichen und absichtlichen Mißdeutungen, andererseits um jenen schädlichen Elementen energisch entgegenzutreten, die während und infolge der so langen, bangen, des Druckes und der Verfolgung reichen Diaspora in die Anschauungen und Gepflogenheiten Israels sich eingeschlichen und eingenistet haben, sie, die der Lehre Moses gänzlich fremd sind und die eigentlichen Angriffspunkte der feindseligen Mißdeutungen bilden. Und endlich wie dringend erst wäre sie gewesen betreffs des Gottesbegriffes und des Gottesbewußtseins — des Inbegriffes aller Religion? Daß nämlich deren Erfassen sowohl, als deren Beibringung respektive Unterweisung in Haus und Schule, nicht wie bisher, blos aus naivem Glauben, aus willkürlich konstruierten Dogmen, Mysterien rc. basierend — die zumeist später starken Zweifeln rc. begegnen — geschehe; sondern daß an ihre Stelle eine mit den Zeitläusen respektive der geistigen Empfänglichkeit und dem Verständnisse der Jetztzeit sich konformierende kongruente Belehrung gesetzt werde, die denn auch insbesondere — was die Hauptsache ist — ausschließlich dem geistigen und ethischen, dem wahren, eigentlichen Inhalte der Lehre Moses entsprechen würde. Die Anregung, den Anstoß dazu gab bereits Mo'es Mendelsohn, dieser erleuchtete Geist, mit seiner klassischen sinnentsprechenden Uebersetznng des Pentateuch, der Psalmen re. in die reindeutsche Sprache. Allein so epochaler Natur diese trefflichen Leistungen auch waren, nicht ward ihnen jenes Verständnis, das ihnen bei richtiger Erfassung der bahnbrechenden Tendenz unbedingt hätte zuteil werden müssen. So kam es denn auch, daß ihre befruchtende Einwirkung, die bis heute gewiß zur vollen segensreichen Blüte gereift wäre, unterblieb. Es fanden sich bedauerlicherweise dazumal allzuwenig berufene Geister, die Energie genug besessen hätten, die Initiative zu ergreifen, den von Meudelsohn so glücklich erspähten und mit tiefstem Verständnisse und vollster Begeisterung, Energie und Ausdauer und edelstem zielbewußten Streben betretenen Steg in homogener Weise zu verfolgen und mit weiser Vorsicht allmählich, aber stetig verständnisvoll zu erweitern. Anstatt dessen wurden Mendelsohns gediegenen Intentionen von seiner engeren Umgebung mißverständlich schändlich mißbraucht und leichtfertig verwertet. Andere wieder überstürzten sich in ihrem Resormeiser so sehr, daß ihnen niemand Gefolgschaft leistete. Von der großen Menge aber, samt ihren Führern, wurden Mendelsohns Intentionen so gänzlich mißverstunden, verkannt und — verketzert, daß ihnen für immer jene Jngerenz versagt blieb, die sie so sehr verdient und die so wohltätig und regenerierend das Judentum beeinflußt hätte. Diese — wie soll ichs denn nennen — Verblendung, sie rächt sich gar bitter; denn ihr haben wir es großenteils zu verdanken, daß Elemente sich breit machen konnten, die Anschauungen propagierten, die zur herltigen Missre führten. (Forts, folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (Aus der P l e n a r s i tz un g desKultusvorstandes vom 11. Dezember 1904, unter dem Borsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags.) Im Präsidialberichte gibt der Vorsitzende das Ergebnis der am 27. November und 9. Dezember 1904 stattgehabten Wahlen in den Kultusvorstand und der Vertrauensmänner bekannt. Die Agnoszierung derselben und die offizielle Verlautbarung wird nach Ablauf der statutarisch vorgeschriebenen Frist erfolgen. Wie alljährlich fand am 4. Dezember d. I. in der Versorgungsanstalt eine Chanukafeier statt, welche unter Beteiligung von Borstands- und Gemeindemitgliedern einen würdigen Verlauf nahm. In Angelegenheit der Schaffung von Notausgängen im Leopoldstädter Tempel bringt der Präsident ein Schreiben des mit diesen Arbeiten betrauten Architekten, Herrn Oskar M a r m o r e k, vom 18. November 1904 zur Verlesung, des Inhalts, daß er (Marmorek) aus den Arbeiten für den Kultusvorftand Verdienst zu ziehen nicht gewillt sei, sondern sich nur darauf beschränken werde, am Schluffe der Arbeiten seine Barauslagen und Selbstkosten zu verrechnen. (Wird mit Dank zur Kenntnis genommen., Aus der im Jahre 1901 gegründeten „Historischen Borkommission" sind im Laufe der Zeit die Herren Abraham E p st e i n, Prof. Dr. Adolf B ü ch l e r und Rektor Dr. Adolf Schwarz ausgetreten; wiederholte Bemühungen, die Herren von ihrem Entschlüsse abzubringen, blieben erfolglos. Die „Historische Vorkommission" schlägt zur Ergänzung die Be-

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