Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 49 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 49. Die Wahrheit iette o. Brosamen dieses Reichtums genügen für hundert Eisenmengers in der Toga oder bei der Journalistik, um ihrer Armut abzuhelfen, ihre Blöße 311 bedecken. Dieser Shylock steht einzig da als Heros der kältesten, berechnetesten, grausamsten Rache! Wer mir schadet, dem schade ich wieder, wer mich verderben will, den vernichte ich, wenn ich die Gewalt habe; „was ihr mich gelehrt, das will ich tun," lautet seine infernale Ethik, und es ist nicht zu leugnen — furchtbares ist ihm gelehrt worden, furchtbares will er tun." Die Quelle, aus welcher der Dichter diesen Teil des Stückes geschöpft hat, wird meines Wissens uirgeilds angegeben, obgleich ich sie einem Uebersetzer des Shakespeare ins Oberschlesische und einem geistreichen Theaterkritiker schon vor Jahren mitgeteilt habe, so werde sie denn in dieser Zeitung noch einmal aufgedeckt: Gregorio Leti, Biograph Sixti V.. erzählt im XI. Buche seiner mir vieler Anmut und feinen Bemerkungen ausgestatteten Geschichte dieses Papstes manches Beispiel von dessen strenger Gerechtigkeitsliebe. Unter anderem wird folgende Geschichte genau und ausführlich berichtet: Im Jahre 1587, also ungefähr H) Iahre vor dem als wahrscheinlich angenommenen Schöpfuugsjahre unseres Stückes, erfährt ein angesehener und reicher römischer Kaufmann, Namens Paul Maria Secchi, ein gut katholischer Christ, daß Franz Drake St. Domingo erobert und dort große Beute gemacht habe; er teilte diese Neuigkeit einem jüdischen Handelsmanne Simsou Ceneda mit, dem sie aber entweder wirklich als unglaublich erschien, oder den: daran gelegen war, sie als unglaublich erscheinen zu lassen, kurz er bestritt hartnäckig die Wahrheit des Gerüchtes und äußerte endlich bei wiederholter Beteuerung des Gegenteils: ..ich verwette ein Pfund meines' Fleisches, daß die Nachricht unwahr sei." ..Und ich will dagegen 1000 Scudi setzen," erwiderte der Christ, der in wunderlichem und stolzem Humor einen Vertrag aussetzen und von zwei Zeugen, einem Christen und einem Juden, unterschreiben läßt, welcher festsctzt, daß-wenn die Nachricht falsch, Herr Paul Maria Secchi. der christliche Kaufmann, verbunden sei, dem Juden Simsou Cereda 1000 Scudi zu zahlen, wenn aber gegenteils die Nachricht sich bestätigen tvird, soll der christliche Kaufmann Herr Paul Maria Secchi berechtigt sein, mit eigener Hand und w o h lgeschärftem M esse r dem I u d e n ein Pf und Fleisch von w e l ch e m Teile des Leibes i h m, dem christlichen Kaufmann, beliebe n w j'i r d e, her a u sz u s ch n e i d e n. Gar bald war kein Zweifel über Brakes Sieg, und der Christ forderte die Erfüllung des Scheines. Vergebens bot der Jude 1000 Scudi, als die Summe, die der Kaufmann Hütte verlieren können, zum Ersatz. Der Christ schwur, der Schein m ü s s e erfüllt w erden und hatte bereits einen Teil des Leibes gewählt, den, wie unser Biograph meint, die Bescheidenheit zu nennen verbietet, der Leser aber unschwer erraten wird. In der Angst seines Herzens läuft der Jude zum Gouverneur, um durch diesen den Kaufmann zu bewegen, 1000 Scudi zu nehmen, ver Gouverneur aber meldet die Sache dem Papste, der nun, wie sich denken läßt, die Rolle der Portia übernimmt, was freilich den Zuschauer nicht so ansprechen möchte und auch nicht so erfreulich für die Bekehrungsgesellschaft ausfällt, da der strenge Richter nicht die Bekehrung des Juden, sondern beide T>ile zu den Galeeren bestimmt, wovon sie sich nur durch 2000 Scudi jeder an das Spital bei der Sixtinischen Brücke loskaufen können. Daß Shakespeare diesen Vorfall vor Augen gehabt, der kurz vorher geschehen, der sich an em englisches Nationalereignis anschließt, bei dem der größte Manu seines Jahrhunderts in Handlung tritt, daran wird wohl niemand zweifeln, wohl aber erlaube ich mir sehr stark zu zweifeln, das Shakespeare d i e V e r w e ch s l u n g aus Bosheit und Judenhaß vorgenommen habe. Das wäre in der Tat eine schwere Sünde, den gottbegnadeten Dichter in eine Kategorie mit der bellenden Meute jener Schweißhunde zu setzen. Nein, ihn hat ein viel höherer künstlerischer Zweck geleitet. Es bedarf keiner Ausführung, daß es alle dramatische Wirkung verfehlt hätte, wenn der Vorfall, wie er geschehen, zur Vorstellung gekommen wäre. Ein Christ hat freilich die Grausamkeit g ehabt, m ö g l i ch aber wird s i e u u r v o n e i u e m Juden gehalten. Und wie mag es der bekannten Ironie des Dichters willkommen gewesen sein, seinem Auditorium durch diese Vorstellung zuzurufcu: „Sehet, worüber ihr hier znsammenschaudert, was ihr nur von einem Juden für möglich haltet, das hat ein Christ tun wollen." Und wie verschieden mögen die Betrachtungen der Zuschauer am Hose Elisabeths von denen gewesen sein, die in unserer Zeit an einem der größten deutschen Höfe bei der meisterhaften Vorstellung dieses Stückes sich geäußert haben, wo von einer Loge zur anderen gezischelt wurde: „Wo ist denn der Baron? Warum ist denn der Baron heuie nicht im Theater?" Man meinte damit einen jüdischen Baron, l er sich, wie man wissen wollte, bemüht hatte, das Stück vom Repertoir zu streichen. Dank sei dem Schicksal, daß ihm diese Bemühung nicht gelungen ist!" Ich füge dem obigen Schreiben des Herrn A. Muhr aus dem Jahre 1838 nur noch die Bemerkung bei, daß der weltberühmte Professor Jhering in seiner allbekannten und bewunderten Schrift- „Der Kampf ums Recht" den Charakter und die Handlungsweise Shylocks einer haarscharfen ethischen und juristischen Untersuchung und Zergliederung nnierzicbl und zu dem Resultate gelaugt, daß Shylock löblich gehandelt, indem es die ethische Pflicht eines Jeden ist, für sein Recht einzuftehen und zu kämpfen. Ich habe das Buch des großen Rechtsgelehrten in diesem Augenblicke nicht zur Hand, um seine diesbezüglichen Ausführungen hier genauer wiedergeben zu können. Etwas anderes ist es übrigens, für sein Recht einzustehen und zu kämpfen, wenn es vorenthalten oder verkürzt wird, und etwas anderes, von dem erkämpften Rechte unter allen Umstünden Gebrauch zu machen. Ter ..Jude Shylock" hätte gewiß von seinem Rechte, falls ihm dasselbe ohne jede Einschränkung zuerkannt worden wäre, keinen Gebrauch gemacht. Denn gerade die Juden sind es am allerwenigsten, die unter allen Umständen „auf ihrem Scheine beharren" und ihr gesetzliches Recht zur Geltung und Verwirklichung bringen. Befiehlt doch schon der Talmud dem Juden, sich im Handel und Wandel, im Leben und Verkehr mit dem Nebenmeuschen nicht immer auf die scharfe Linie des strengen Rechtes zu stellen, sondern (lifnim misclmras haddin) über dieses hinauszugehen und mehr zu tun und zu leisten als es gebietet, hingegen bei Forderungen an andere nicht bis zur äußersten Grenze des Rechtes zu gehen iB. Kama 100 a,). Und an einer anderen Stelle sagt er, daß Jerusalem nur darum zerstört worden ist, weil man bei Rechtsstreitigkeiteu sich strikte an das strenge Gesetz der Thora hielt und niemand auf das Geringste von dem, was nach dem Rechte der Thora ihm gebührt, freiwillig verzichten wollte (B. Mezia 30 b). Man darf eher behaupten, gerade weil die Juden bei ihren rechtlichen Forderungen nur bis zur äußersten Grenzlinie des Gesetzes gegangen, sondern stets (lifnim mischuras haddin) weit weg innerhalb dieser geblieben sind, sind sie gar oft (lechnz mischnras haddin) außerhalb des Gesetzes gestellt worden. Prag-Weinberge. Stark. Organisation der osteuropäischen Answandernng. Sonntag, den 4. nnd Montag, den 5. d. M., fand in Frankfurt a. M. die vom „Hilfsverein der deutschen Inden" nnd der Großloge U. £. B. B. einbernfene Konferenz behufs Schaffung einer einheitlichen Organisation für die osteuropäische Auswanderung statt, an welcher die hervorragendsten jüdischen Organisationen und zahlreiche Privatpersonen teilnahmen. Samstag abends wurde zunächst die Wahl des Präsidiums vorges nommeu nnd nachfolgende Herren ins Präsidium berufen: Jame S i ni o n-Berlin für den „Hilfsverein der deutschen Juden, Justizrat T i m e n d o r f e r - Berlin für die Großloge für Deutschland, Direktor Dr. B ü r w a t d-Frankfurt a. M. für die .Alliance israelite universelle, I Charles L. H a l l g a r t e n-Franksurt a. M. für das hiesige Lokalkomitee