Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 49 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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eene 4. Tie Wahrheit Nr. 49. aus der Behauptung schöpfen, das alle Testament kenne nicht den erhabenen, alle Menschen umfassenden Begriff der Nächstenliebe, sondern beschränke denselben blos auf die jüdischen Glaubensgenossen, und dem neuen Testamenle sei es Vorbehalten geblieben, diese höchste, erlösende Idee zur Basis der christlichen Weltanschauung zu machen. Vergebens baden die jüdischen Gelehrten sich die Finger wund geschrieben, um diese nichtswürdige Behauptung durch den Hinweis aus die vielen Stellen im alten Testamente zu widerlegen, die in den Angen des Unbefangenen keinen Moment den Zweifel anskommeit lassen, daß das alte Testament die erbabenste, inibeschränkteste Nächstenliebe lehrt und daß es hierin sich nur in einem vom Evangelium unterscheidet: Es verlangt nicht, daß man den Feind liebe, es begnügt sich, die Forderungen ansznstellen, daß man sich nicht räche, sich nicht über den Fall 'eines Feindes freue, ihm beistehe re. rc. Nun kommt der Führer der Christlich-Sozialen und verrät, sein Christentum kenne nur die Nächstenliebe, die sich auf den Christel, bezieht, aber es vredige den Boykott gegen den Juden! Wahrhaftig wäre das Vorgehen des Dr. Lueger nicht so empörend, man müßte ihm dankbar dafür sein, daß er vielleicht durch seine Unvorsichtigkeit die wahren C h r i st e n über das Wesen des Antisemitismus aufgeklärt hat. Adolf Ritter von Sonnenthal. Zu seinem sieb zi gsten Geburtstage. Am 21. Dezember d. I. begeht Adolf Ritter von Sonnenthal, der gottbegnadete Künstler, „die Stütze des Burgtheaters", wie unser erlauchter Kaiser den Meister anläßlich seines vierzigsten Burgtheater-Jubiläums zu nennen geruhte, seinen siebzigsten Geburtstag. Nach Tausenden und aber Tausenden zählt die Schaar jener, denen Sonnenthal mit der unwiderstehlichen Kraft seiner genialen Darstellungskunst Stunden reinsten Genusses und wahrer Andacht und Erhebung bereitet hat, lind es lväre nur ein Akt pflichtgemäßer Dankbarkeit, wenn wir an dem Tage, da der Künstler an einem bedeutsamen Marksteine seines Lebens anlangt, in tiefempfundenen Worten unsere Bewunderung für sein unvergleichliches Wirken und Schaffen Ausdruck liehen. Allein nicht den Künstler Sonnenthal zu zeichnen und seinem zum höchsten Ruhme aufsteigenden Lebenspfade zu folgen, ist der Zweck dieser Zeilen, sondern mit freudigem Stolze darauf hinzuweisen, daß dieser ausgezeichnete Künstler, der an den Stufen des Thrones wie in der Hütte des Arbeiters mit gleicher Verehrung genannt wird, auch ein ausgezeichneter Jude ist und in allen Lebenslagen treu und unerschütterlich bei seinem Glauben und seinem Volke ausgeharrt hat. lieber eine bemerkenswerte, Sonnenthal als jüdischen Familienvater kennzeichnende Episode. berichtet der bekannte Sonnenthal-Biograph Dr. Eisenberg. Letzterer war vor Jahren einmal zur Audienz bei dem seither verstorbenen Bruder des Kaisers, dem kunstsinnigen Erzherzog Karl Ludwig, der sich Intimes von Meister Sonnenthal erzählen ließ. Im Laufe des anregenden Gespräches fragte nun der Erzherzog: „Sagen Sie mir doch, ist es wahr, daß Sonnenthal ein so guter Jude ist, oder posiert er dies nur?" Auf diese etwas delikate Frage antwortete ich, so berichtet Eisenberg, reserviert, daß im allgemeinen angenommen wird, Sonnenthal sei in der Tat fromm und gläubig. ..Und das ist recht schön von ihm," bemerkte der hohe Herr, „denn man soll, in welcher Religion auch immer auserzogen, dieselbe heilig halten, ich habe dies auch stets getan, und glauben Sie mir, auf solchen Menschen ruht Gottes Segen." „Sonnenthal ist dessen," gab ich zurück, „auch zu jeder Stunde eingedenk und kann gerade in dieser Beziehung seinen Glaubensgenossen als Beispiel vorgeführt werden. Ja, einmal gaben seine religiösen Ansichten sogar Gelegenheit zu einer vorübergehenden Verstimmung zwischen ihm und einem seiner engsten Familienmitglieder." Den kaiserlichen Prinzen schien diese Bemerkung zu interessieren, denn er wünschte darüber näheres zu hören. Im Bewußtsein, keine Indiskretion zu begehen, zumal der Fall s. Z. allgemein bekannt wurde, erzählte ich. daß sein jüngster Sohn Paul, der bei der Kavallerie sein Einjährig-Freiwilligen-Jahr abdiente, derartige Lust und Liebe zum Soldatenstand empfand, daß ihm von berufener Seite nahegelegt wurde, sich doch gänzlich demselben zu widmen. Und in der Tat, der junge Mann trug sich nach vortrefflich abgelegter Offiziers-Prüfung. da ihn auch der Oberst in seinem Vorhaben, Berufsoffizier zu werden, bestärkte, mit dem Gedanken, den Waffenrock nicht mehr abznlegen. Seine militärischen Aspirationen wurden jedoch gar bald zerstört, . denn der Vater wollte es nicht zngeben, daß sein Sohn gelegentlich des Standeswechsels auch einen Religionswechsel, der in diesem Falle allgemein angeraten wurde, vornehme. Da' nutzten keine Vorstellnngen, kein Bitten, keine Erklärungen, der sonst so liebende Vater blieb stmdhaft im Bewußtsein, das liechte zu tun. Da gab es nun keine weitere Opposition mehr, der diesmal allerdings ivider Willen gehorsame Sohn zog den ihm io lieb gewordenen Waffenrock aus utid trat als Beamter in ein großes Bankgeschäft. Der Erzherzog zögerte einen Moment mit der Erwiderung, fuhr sich leicht über die Stirne, um dann zu bemerken: ..Ja, es ist doch vielleicht besser so, denn wer kann ivissen. was für Komplikationen etwa in späterer Zeit die Verschiedenheit der Religionen bei Vater und Sohn hervorgerufen Hütte." Meister Sonnenthal hat auch bei verschiedenen Anlässen offen und rückhaltslos sein Jndentnm bekannt und als vor Jahren eine Schar kllnstsinniger Männer an die Gründung des „Jüdischen Museums" schritt, stellte Sonnenthal mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit seine hervorragende Kunst und seinen glanzvollen Namen in den Dienst der Gesellschaft. Gerade in der gegenwärtigen traurigen Zeit, da so manche ..berühmte" Glaubensgenossen sich scheu von der Gesamtheit znrückziehen und andere ihr gar den Rücken kehren, ist der Ausblick zu diesem seltenen Menschen und Künstler ein besonders trostreicher, und aus tiefstem Herzensgründe ringt sich uns zu seinem 70. Geburtstage der Wunsch los, daß es ihm gegönnt sein möge, noch viele Jahre zu wirken und zu schaffen, zu seinem eigenen Ruhme und zur Ehre des Judentums, als dessen treuer Sohn er sich jederzeit erwiesen hat. „Der Kaufmann non Denedig." In der jüngsten Nummer d. Blattes wird über das Drama des unsterblichen englischen Dichters, das obigen Titel trägt, an zwei Stellen gesprochen. An der ersten wird auf die Quelle hingewiesen, aus der der Dichter seinen Stoff geschöpft; an der zweiten wird eine Beurteilung des Shylock aus einem in Amerika erscheinenden christlich-kirchlichen Blatte mitgeteilt. Beides ist gewiß von vielen mit großem Interesse gelesen worden. Ich möchte mir nur gestatten, hier ein Schreiben desjenigen zu reproduzieren, der zuerst aus jene Quelle aufmerksam gemacht und meines Erachtens auch das richtigste Urteil über die unvergängliche Shakespearsche Schöpfung abgegeben hat. Im Jahre 1838 schrieb Herr A. Muhr aus Pleß in Oberschlesien an den gelehrten und höchst verdienstvollen Herausgeber der „A. Z. d. I." Philippson nach einigen einleitenden Worten folgendes: „Aber auch für die Judenfeinde hat der unsterbliche Dichter gesorgt und der ..Kaufmann von Venedig" verschafft ihnen, außer dem herrlichen Genuß Shakespearscher Schöpfung noch das besondere Privat-Plaisier, ihre tiefsten Empfindungen, ihre geheimsten Gesinnungen so lebendig dargestellt, so richtig motiviert in die Erscheinung treten zu sehen, wie ihrer dürftigen Natur nie hat gelingen wollen, es hervorzubringen. Welch ein Jude! Welch unermeßlicher Abgrund von Bosheit, welcher Reich» tum der Dialektik des Teufels! Wahrlich die weggeworfenen m ■HOHfe