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Die Wahrheit · 1904-12-16 · Heft 49 (16.12.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 49 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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aHrHeit Redaktion u. Admiiiistralioii:!| Wien, II/, Novaragasse 27. j Telephon Nr. der Druckerei! 15302. j Inserale 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsn. Jusertions» betrüge sind in Wien zahlbar und klagbar. '»abhängige Heitschrifl für jüöische Interessent Erschein 1 jeden Kr eilag. Uotto: „Dirü 8i6K6l (^Otidkri iüid WatirUvie!" | Kerngsp^eis:!| •j Ganzjährig ... ft. 12.— . | Halbjährig ... ft. 6.— '■) || Für Cilinlsbeaiilte: H Ganzjährig . . . ft. io —! Für Ausland: ij Ganzjährig . . . n Mark. | Ü Rubel oder 16 AcS. Ur. 49. Wien, 16. Dezember 1964. Inhalt: Aus der Woche. — Adolf Ritter von Sonnenthal. — „Der Kaufmann von Venedig". — 'Organisation der osteuropäischen Auswanderung. — Der Geist der Bibel. — Konzert des Vereines zur Pflege hebräischer Musik. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. Aus der Woche. Seit einer Reihe von Jahren halten die christlich-sozialen Machthaber in Wien es für angezeigt, vor Weihnachten in der Nathaushalle eine Versammlung abzuhalten, in welcher die heftigsten Angriffe gegen die Juden losgelassen und der Boykott gegen sie gefordert wird. In dem Rathaus, das auch von den Steuergeldern der Juden erbaut wurde, wird Weihnachten, das christliche Fest der Liebe, mit einer solch unchristlichen Judenverfolgung eingeleitet und die regelmäßige Wiederkehr dieser hat die Gemüter bereits so sehr abgestumpft, daß man diese ebenso inhumane als unreligiöse und gesetzwidrige Veranstaltung beinahe schon als etwas Selbstverständliches ansah. Heuer hat sich eine Aendernng vollzogen. Die übliche Boykott- und Brandrede in der Rathaushalle wurde abgehalten, aber da sie nicht, wie dies in den letzten Jahren der Fall war, von dem durchlauchtigsten Hetzprinzen Alois Liechtenstein, sondern von dem Bürgermeister der Stadt Wien vom Stapel gelassen wurde, folgte ihr eine lebhaftere Erregung, welche auch in einem geharnischten offenen Brief der „Israelitischen Union" an den Bürgermeister zum Ausdruck gelangte. * * * Wir sind der Meinun g, daß das a l l e m R e ch t und allemGesetz insAntlitz schlagende Attentat des B ü r g e r m e i st e r s nicht nur ein Gefühl der momentanen Empörung a u s l ö s e n dürfte, daß vielmehr immer wieder auf dasselbe h i n gewiesen werden müßte, um die G ef ährlichkeit und Verwerflichkeit d e s A n 1 i s e m i t i s m u s ins rechte Licht zu rücken. * Der Bürgermeister von Wien hat durch seine Weihnachtsrede eigentlich der guten Sache einen wesentlichen, nicht genug hoch anzuschlagendeu Dienst erwiesen. Indem er diesmal als echter und rechter antisemitischer Parteimann sprach, hat er nicht nur den eklatanten Beweis erbracht, daß der Antisemitismus die Negation der Grundbegriffe des Christentums bildet, sondern daß er ein destruktives, die Staatsgrundgesetze untergrabendes Element ist. Wenn Dr. Lueger sagt: „Es ist gut, daß wir es schon so weit gebracht haben,' daß sich jede Christin schämt, zu einem Inden hineinzugehen. Noch besser aber wird es sein, wenn sie überhaupt zu keinem Juden hineingehl", dann tritt er die Staatsgrundgesetze mit Füßen, welche keinen Unterschied der Konfession kennen und er macht sich überdies durch die Boykottaufforderung einer strafbaren Handlung schuldig. Daß der Bürgermeister, der die Staatsgrundgesetze beschworen, am allerwenigsten dazu berufen ist, öffentlich das Beispiel zti ihrer Mißachtung zu geben; daß er, der vermöge seines Amtes, das Neuster der Objektivität und Unparteilichkeit sein müßte, nicht zum Herold der Parteilichkeit und Voreingenommenheit werden dürfte, wird jeder einsehen, der nicht durch die verwirrenden antisemitischen Heilslehren das Verständnis für die primitivsten Rechtsbegriffe verloren hat. * Dr. Lueger hat auch die antichristliche Tendenz des Antisemitismus unzweifelhaft bloßgelegt. Er erklärte: „Jeder muß seinen Nächsten unterstützen und uns C h r i st e n sind die C h r i st e n am n ä ch st e n." Dieses Bekenntnis einer schönen antisemitischen Seele muß für alle Zeiten angenagelt werden. Der Führer der christlich-sozialen Partei hat damit verraten, daß die Fluten des antisemitischen Hasses das letzte Fünkchen nicht nur der christlichen Nächstenliebe, sondern selbst der Kenntnis derselben wegschwemmen müssen. Dem Führer der Partei, die das Christentum gepachtet zu haben vorgibt, ist das Mißgeschick widerfahren, daß man ihm die Grundlehren des Katechismus, die Gebote des Evangeliums ins Gedächtnis ruft, die klar und unzweideutig besagen, daß dem Christen ausnahmslos jeder Mensch, ja sogar der Feind als der Nächste gelten muß. Und der Bürgermeister muß die Lektion aus dem Katechismus mit schweigendem Grimm quittieren. Er darf nicht die Dreistigkeit haben zu behaupten: „Das steht nicht im Katechismus, das lehrt nicht das Evangelium" : denn jeder christliche Schulknabe wäre in der Lage, ihm ans die Finger zu klopfen und zu erklären: ..Das lernen wir im Katechismus." Mechaniker Schneider darf getrost die lügenhaftesten Dinge über den Talmud erfinden; da können ihn nur Gelehrte kon- I trollieren, aus deren Aeußernngen die Aulisemilen nicht achten. | Katechismus und Evangelium kann jedermann leien, da geht es! mit dem frechen Fälschen und verwegenen Lügen nicht so leicht.! * * * i Die Luegersche Deutung der christlichen Nächstenliebe entbehrt | aber auch nicht einer gewissen köstlichen Pikanterie. Man erinnert i sich nur. wie die christlichen Theologen und ihre unwissenden! Nachschreiber stets ein Hauptargumenr gegen das Judentum

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