Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 48 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Nr. 48. «Leite 8. Beurteilt man Shylock nach dem Maßstabe seiner Religion \ — und das ist der einzig vernünftige Weg, ihn zu beurteilen — dann findet man wenig, das berechtigt, ihn abfällig zu beurteilen. Das jüdische Moralgefetz gestattete es Rache zu nehmen — „Aug um Aug, Zahn um Zahn". Seine Rache schien Shylock ein einfacher Akt der Gerechtigkeit zu sein, eine Entschädigung für die grausamen Ungerechtigkeiten und Nichtswürdigkeiten, die er bisher „mit geduldigem Achselzucken" getragen. Daß Portias Versuch, ihn zu rühren, mißlingen würde, konnte wohl erwartet werden. Was für Erbarmen ist denn ihm, Shylock, erwiesen worden? Außerdem ist einen, dem man niemals auch nur Gerechtigkeit hat widerfahren lassen, um Gnade zu bitten, ein solcher offenbarer Hohn, daß man sich fragen muß, ob nicht Shakespeare der darin liegenden Ironie sich sehr wohl bewußt gewesen ist. Man kann die Shylock in den Mund gelegten Worte nicht lesen — alles scharf gespitzte Pfeile gegen falsche Logik und Mißbrauch der Gewalt —, ohne die Empfindung zu haben, daß der Verfasser dieser Tragikomödie von religiöser Freiheit und gleichen Rechten wenigstens geträumt hat, ferner die Empfindung zu haben, daß Shakespeare in Shylock seine Verachtung der Praktiken seiner Zeit verkörperte, die juristische Spitzfindigkeit, sowie das nnchristliche Christentum. Was die schließliche Absicht, Antonio körperlich zu schädigen, betrifft, so kann von Shylock nur gesagt werden, daß kein Beweis für seinen Haß vorliegt, als bis Jessika durch ihre Vermählung mit Loreuzo ihm zu einer Toten wird. „Ich wollt euch Liebes tun, Freund mit euch sein, Tie Schmach vergessen, die ihr mir getan" ic. (Akt 1, Szene 3.) Sind nicht Worte, die mörderische Absichten verraten, mährend der Ausruf (in demselben Akt und in derselben Szene) „O Vater Abraham? über diese Christen, Die eigene Härten Anderer Gedanken Argwöhnen lehrt!" Entsetzen zeigt über die Vermutung, daß die in dem Schein festgesetzte Strafe wörtlich vollzogen werden könnte, und Grund zu der Annahme bietet, daß Shylock die Absicht hatte, nachdem er Antonio in seine Gewalt bekommen hatte, im kritischen Augenblicke zu zeigen, daß er (Shylock) menschlich sein könnte. Vom sittlichen Standpunkte der schwächste Teil des Stückes ist die erzwungene Bekehrung Shylocks zum Christentum. Wenn beabsichtigt war, dadurch zu zeigen, daß Shylock das Geld mehr als seine Religion liebte, was soll man von der Religion sagen, die sich dazu hergibt einen Mann in Versuchung zu führen, daß er unaufrichtig sei? Seines Besitzes beraubt man ihn durch juristische Spitzfindigkeiten und erniedrigt ihn, und dann — welche Erniedrigung der Kirche, nimmt diese ihn, als Mitglied in ihre Mitte auf. Einen Mann damit bestrafen, daß man ihn zwingt ein Christ zu sein! Wie historisch wahr dies auch sein mag, die Taufe Shylocks beleidigt heutzutage ebenso den Christen wie den Juden. Wir möchten nun noch einige Anmerkungen zu dem Aufsätze machen. Nicht nur gestattete die jüdische Moral den Wucher mit Andersgläubigen, die christliche Moral zwang sogar, da das Geldverleihen gegen Zins damals so unentbehrlich war, wie es heute ist, die Juden Wucher zu treiben. Ein Irrtum des Verfassers des Aufsatzes „Christian Register" ist es, daß die jüdische Moral die Rache gestattet. Das Gegenteil ist der Fall. „Mein ist die Rache, spricht der Herr", ist ein alttestamentlicher Satz. Schon im Pentateuch wird durch die Errichtung von Zufluchtshäusern der Blutrache entgegengewirkt. Die Juden haben sogar einen eigenen Versöhnungstag, an welchen die Beleidigten und Geschädigten sich mit ihren Feinden versöhnen sollen. Das viel zitierte „Aug' um Aug', Zahn um Zahn" ist bereits sehr früh von den Auslegern der mosaischen Gesetzgebung als bildlich aufgefaßt und dem eines Auges oder Zahnes Beraubten nur eine entsprechende Entschädigung zugesprochen worden — wie heute in christlichen Ländern. Wenn der Verfasser sich über den Trick einer Theatertaufe schon so aufregt, den ein Dichter sich vor Jahrhunderten erlauben zu dürfen glaubte, was würde er erst zu Regierungen des zwanzigsten Jahrhunderts sagen, welche hochgebildete Männer in die Zwangslage versetzen, entweder auf Ehre, Stellung, passenden Wirkungskreis und Lebensunterhalt zu verzichten oder bewußt feierlich zu beteuern, was sie nicht glauben, und was zu glauben von ihnen dieselben Regierungen garnicht erwarten. Wir sind seit den Zeiten des Kaufmanns von Venedig, seitdem man glaubte, einen Shylock zur Taufe zwingen zu können, ohne das Publikum in Parket und Gallerte zu beleidigen, in dieser Beziehung nicht fortgeschritten, eher — nehmt alles nur in allem — sogar zurückgeschritten. R. Ans der Vergangenheit und Gegenwart Ungarisch-Krods. (Fortsetzung.) Nur die Zöglinge der Preßburger Schule, welche die Chorsynagoge der Kirche gleichstellten, zogen sich zurück und hielten den Gottesdienst am Sabbat im Hanse Becks ab. Dadurch gereizt, ordnete Brammer an, daß auch am Montag und Donnerstag wie auch am Nenmondstage mit Chor vorgebetet werde. Dieser Trotz erweckte bei beit. Orthodoxen den Gedanken an die Trennung von der Gemeinde (18.0). Vielleicht hätten sie ans gütlichem Wege gegen diese Maßregel Protest erheben sollen, - ebenso wie im Jahre 1867 neununddreißig Mitglieder gegen einen eigenmächtigen Eingriff des Vorstandes und eine unnötige Belastung der Gemeinde mit Erfolg Verwahrung einlegten. Doch sie zogen die Sezession vor. Die Erfolge ihrer Gesinnungsgenossen in Ungarn, die dort nach dem unglückseligen Kongreß die Gemeinden in zwei Parteien spalteten, schwebten ihnen vor Augen. Sie vergaßen aber, daß Ungarisch-Brod auf mährischem Boden liegt und nicht mehr, wie zu alten Zeiten durch ihre Privilegien von ungarischen Königen eine Sonderstellung einnahm. Hat doch Placzek diesen Unterschied anerkannt und, um eben nicht den Kampf der Parteien nach Mähren zu verpflanzen, die Bitte Schreibers, ein Gutachten gegen die Kongreßstatuten abzugeben, rundwegs abgelehnt. Nur die Gemeinde Brod, welche durch die Nachbarschaft und den starken Einschlag von ungarischen Elementen zersetzt mar, sollte eine Ausnahme bilden und die im Gesetze vorhergesehene Tendenz zur Sektenbildung bewahrheiten. Die Orthodoxen mieteten ein Betlokal, welches der Bezirkshauptmann nach vergeblichen schriftlichen Verboten durch Gendarmen während des Thoravorlesens am Sabbathe sperren ließ. Doch durch einen Rekurs an die Statthalterei und ans Ministerium wurde am 25. November 1872 die Betversammlung bewilligt. Die Reibungen, welche auf das Geschäfts- und Familienleben sich erstreckten, haben sich dadurch noch vermehrt. Erst als der Vorsteher wegen der von einem Lehrer angenommenen Bestechung in Untersuchung gezogen wurde, verband sich das Gros der Gemeinde mit den früher von der Wahl ausgeschlossenen Orthodoxen, um ihn zu stürzen (1876). Der Konflikt war aber schon so weit gediehen, daß selbst unter dem Regime des friedliebenden Bürgermeisters Philipp Singer, der den status quo aufrecht erhielt, keine Einigung erzielt wurde. Hermann Löwy, der letzte, welcher Vorsteher und zugleich Bürgermeister war (1880), bemühte sich redlich, jeden Anlaß zum Streite im Keime zu ersticken und eine Wiedervereinigung anzubahnen. Allein infolge eines mißglückten, kostspieligen Umbaues des Tauchbades trat er zurück, ohne das Friedenswerk zu vollenden. Doch unter seinem Nachfolger, dem Vorsteher S. M. Schindler, dessen Wahl zum Bürgermeister nicht bestätigt wurde, weil er nicht in der Judenstadt wohnte, ging der Kampf gegen die Orthodoxen von neuem los. Er ließ ihr Betlokal ans sanitären Gründen sperren. Daraufhin kauften sie von der Gemeinde ein Haus, welches dieser von vier ledigen hochbetagten Geschwistern als Erbe zugefallen war, um 575 fl., und bauten dieses zu einem Gotteshanse um. Zur Herbei-