Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 48 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. Die Wahrheit. Seite 7. aber sind während dieser phänomenalen Erscheinung vom Schauplatze ihrer unheiligen und unheilvollen Tätigkeit, ja von der Bildfläche längst verschwunden. Unwillkürlich drängt sich bei Betrachtung dieser ungewöhnlichen Vorgänge jedem Unbesangenen die Frage aus: woher kommt es, daß die Bekenner und Verehrer dieses höchst erhabenen Gottesbegriffes nach solch geschichtlichen Erfahrungen und glorreichen Traditionen nicht auch ferner vertrauensvoll der Zukunft entgegensetzen, vielmehr nun feigster, schmählichster Fahnenflucht und schändlichsten, verräterischen Uebertritts oft sogar ins judenfeindliche Lager sich befleißigen, ja oft es demonstrativ ins Werk setzen und dieser Erbärmlichkeit sich noch brüsten?! Sind doch die Angriffe unserer derzeitigen Gegner von solcher Unlauterkeit, Niedrigkeit und Geisteslosigkeit, daß ihre ganze Kampagne sicher nur als eine traurige Episode angesehen werden muß. Welchem einigermaßen Denkenden wirs nicht bereits die Erkenntnis aufdümmern, daß der Antisemitismus einer der schädlichsten und gefährlichsten Bazillen sei, „der fortzeugend Böses nur gebärt?!" Sind doch dessen Motive und Basis Ausfluß brutalster Instinkte, niedrigster Denkungsart, gepaart mit gewissenlosester Hab- und Herrschsucht. Es ist daher nur selbstverständlich, daß seine Adepten die gegenseitige Verhetzung und die völlige Zersetzung aller Gesellschaftsklassen mit rastloser Tätigkeit propagieren und anstreben, damit sie dann unbehindert und unbeschränkt im Trüben fischen können. Die Folge davon ist, daß allenthalben Verrohung und verheerende Korruption in erschreckender Weise um sich greisen und Moral, gute Sitte, Recht und Gerechtigkeit immer mehr in den Hintergrund gedrängt werden. Macht vor Recht, ist die Devise. Auffallend und für unser aufgeklärt sein wollendes Jahrhundert tief beschämend ist es, daß alle, alle Gesellschaftsklassen wie hypnotisiert der widerwärtigen Strömung verfallen sind. — — — Eine solcherart präparierte Bevölkerung ist eben das antisemitische Ideal, der richtige Nährboden fürs üppige Gedeihen antisemitischer Blüte. (Fortsetzung folgt.) Shylock. Dem Juden Shylock, diesem sonst sprichwörtlich gewordenen Typus „jüdischer'' Schlechtigkeit ist seitens eines in Amerika erscheinenden christlich-kirchlichen Blattes, des „Christian Register" in einem vor kurzem erschienenen, höchst bemerkenswerten Artikel eine völlige Ehrenrettung zuteil geworden. Einen Auszug aus diesem Artikel geben wir nach einer Uebersetzung in den „Mitteilungen des Vereines znr Abwehr des Antisemitismus" in Berlin in Nachfolgendem wieder: Daß man aus Shylock einen Helden gemacht hat, das deutet auf einen großen Fortschritt in der Entwicklung sowohl der moralischen Auffassung als auch der dramatischen Kunst hin. Die Aenderung ist wahrscheinlich nicht gemacht worden aus vorwiegend moralischen Gründen oder mit der bestimmten Absicht, einem Volksstamme Gerechtigkeit widerfahren zu lassen durch eine gerechte Behandlung eines literarischen Typus. . . . „Der Kaufmann von Venedig" hat als Leitmotiv die Verherrlichung des Christentums durch Kontrastieruug mit dem Judentum. Bei der Ausarbeitung dieses Themas ist Shakespeare zu der Erkenntnis gekommen, daß er sich eine schwere Ausgabe gestellt habe, nicht wegen etwaiger Fehler der christlichen Ideale, sondern weil die Lebensführung derjenigen Christen, die er schilderte, ganz und gar nicht im Einklang stand mit jenen Idealen. Selbst das Genie kann nicht alle literarischen Schwierigkeiten überwinden. Indem Shakespeare sich Mühe gibt, die Fehler des Juden zu zeigen, stellt er die Schwächen der Christen in ein solches Licht, daß er geradezu verlegen macht. Wenn man Shylock kennen lernt, nicht in der überlieferten Bühnendarstellung, sondern wie sein Charakter aus den Blättern des Textes vor unserer Phantasie emporsteigt, dann sieht man einen Mann, der die übrigen turmhoch an Begabung und natiirlichem Verstand überragt. Stets sich seiner Rechtschaffenheit und der Berechtigung seines Tuns bewußt, bleibt Shylock mutig und geduldig, während seine unaufdringliche Würde vorteilhaft sich abhebt von den frivolen Sitten der leichtherzigen und nicht übermäßig skrupulösen Venetianer. Shylocks Verachtung derjenigen, die, indem sie ihn um Geld bitten, ihm seine Sparsamkeit vorwerfen, die ihm doch die Macht zu leihen gibt, ist die berechtigte Verachtung, die ein vornehm denkender Mann hegen muß. Und noch niemals ist die Unverschämtheit des Borgenden besser zusammengesaßt und zurückgewiesen als in den Worten, die Shylock an Antonio richtet : „Ihr scheltet mich abtrünnig, einen Bluthund Und speit ans meinen jüdischen Bockelor, Blos weil ich nutze, was mein eigen ist. . . . . Sollt ich nicht sprechen: „Hat ein Hund Geld? Isis möglich, daß ein Spitz Dreitausend Dukaten leihen kannoder soll ich Mich bücken, und in eines Schuldners Ton, Demütig wispernd mit verhaltenem Odem Sv sprechen: „Schöner Herr, am letzten Mittwoch Spiet ihr mich an; ihr tratet mich den Tag; Ein andermal hießt ihr mich einen Hund; Für diese Höflichkeiten will ich euch Die und die Gelder leihen." Hier wäre nun die erste Gelegenheit in dem Stücke, das Christentum aus eine höhere moralische Stufe zu stellen, aber Shakespeare benutzt die Gelegenheit nicht, indem er die Beschuldigungen in Abrede stellen läßt. Antonios Antwort ist eine deutliche Anerkennung, daß Shylock wirklich ..Hund" genannt worden ist, daß er angespien wurde und nichtswürdig behandelt, ohne daß eine Entschuldigung auch nur angedeutet wird : vielmehr wird gedroht, daß die schmähliche Behandlung wiederholt werden würde. Wenn man nun bedenkt, daß der Stifter des Christentums Sanftmut und Duldung zur Pflicht gemacht hat, daß er Liebe und Güte anbefahl und durch sein Beispiel lehrte, von welcher Sorte Christentum war da wohl das jener Venetianer? (Und von welcher Sorte Christentum ist das Christentum nicht vor Jahrhunderten dahingegangener Venetianer, sondern das unter uns im zwanzigsten Jahrhundert lebender, mehr oder weniger gebildeter Deutschen, erlaubt sich der Uebersetzer zu fragen. Nicht „Sind wir noch Christen?" dürste die berühmte Frage in ethischer Beziehung lauten, sondern „Sind wir schon Christen? Sind wir in dem antisemitisch infizierten Deutschland schon auch nur annähernd Christen?") Haben wir in Bassino nicht einen Verschwender und Prahlhans vor uns, der über seine Mittel hinaus lebt und Geld borgt, um damit zu prunken und die Frau, die er heiraten will, zu blenden? (Auch diese Sorte edler Herren gibt es noch heute in Deutschland, wie ein vor kurzem verhandelter Prozeß aller Welt offenbart hätte, wenn die Welt es nicht ohnehin schon gewußt hätte.) Dann wieder ist es Antonio, der „gute Antonio," der Shylock verspottet, über seine Verluste lacht, seine Glaubensgenossen verachtet, seine Geschäfte durchkreuzt, seine Feinde aufhetzt und seine Freunde abwendig macht. Wahrlich, Jesus und Paulus würden solches Christentum znrückgewiesen haben. Shylock nach einem Sittenkodex zu beurteilen, der nicht sein eigener war, und ihn zu verurteilen, weil er nicht nach christlichen Grundsätzen handelte — wie z. B., als er von Portia gebeten wird, barmherzig zu sein — war ein Irrtum jener Zeit, in welcher die historischen Ereignisse sich zugetragen haben sollen. . . . Die Sympathie ist geteilt, und die Moral (von der Ueberlegenheit des Christentums) ist nicht überzeugend. Warum, fragt man unwillkürlich, sollte Shylock Erbarmen haben mit dem hochmütigen, ihn verachtenden, unbarmherzigen Feind? Warum soll man einen Juden verurteilen, der nicht die sogenannten christlichen Tugenden übt, die Christen selbst auch nicht die geringste Mühe zu üben sich gaben?