Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1904-12-09 · Heft 48 (9.12.1904) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 48 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063212-3063261--03399-3070154
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. Die Wahrheit Nr. 48. Meeres. Ob Dichtung oder Wahrheit, die hohe sittliche Kraft, von welcher die Heilige Schrift getragen ist, ist es, die uns gefangen nimmt, das hohe sittliche Bewußsein, welches die Bibel durchatmet, ist es, welche der Bibel Wert und Bedeutung verleiht und sie mit einem undurchbrechbaren, allen Anstürmen trotzenden Wall umgibt. Hatte denn Moses seiner großen Geistestat, die er nicht nur für seine Gegenwart, sondern auch für alle Zukunft der Menschheit dienstbar gentacht wissen wollte und, um sie für alle Zeiten lebendig zu erhalten, dttrch Wort und Schrift der Menschheit verkündete, nicht selbst den Zweck gesetzt, die Menschheit über die Niederungen der gemeinen Wirklichkeit zu erheben, die kahlen Mauern derselben zu durchbrechen, um den Menschen dazu zu machen, wozu ihn Gott bestimmt hatte, zu seinem Ebenbilde? Kein persönliches, sondern ein geistiges, sittliches Ebenbild Gottes soll der Mensch werden! Die Heilige Schrift kennt keine persönliche Gottheit, sondern nur den Geist Gottes, der sich in der sittlichen Führung der Menschheit verkündet. Nicht die irdische Wirklichkeit, die von heute ans morgen sich ändert, die einem ewigen Wechsel ansgesetzt ist, an welcher der Zahn der Zeit nagt, um sie in Nichts, aus welchem sie hervorgegangen, aufgehen zu lassen. Das sittliche Bewußtsein ist es, welches absterbende Generationen überdauert und in neuen mit unversiegbarer Kraft weiterlebt. Nur die durch das sittliche Bewußtsein vollbrachten Taten der Menschheit bleiben der Nachwelt erhalten, diese allein werden ihr in Gestalt mächtiger historischer Traditionen übermittelt. Und wird vielleicht Generationen, die nach Tausenden von Jahren nach uns kommen werden, unsere Wirklichkeit, in der wir denken und fühlen, nicht auch als bloße Dichtung erscheinen, in welcher mir gewirkt haben, wie denen die Wirklichkeit, in welcher Moses gelebt und gewirkt, zu einer großen Dichtung sich verflüchtigt? Für uns, die wir in dieser Dichtung leben, ist die Dichtung eben mehr als Wirklichkeit, die entsteht und vergeht, sie ist eben die ewige Wahrheit. Und diese ewige Wahrheit ist die Heilige Schrift. Personen und Sachen, um welche dieses mächtige geistige Band sich schlingt, mögen Dichtung sein, in den Handlungen dieser Personen, in den Taten eines Moses ist ewige Wahrheit. Was der Lehre Moses Glanz und Würde verleiht, ist der Umstand, daß Moses in seinem sittlichen Bewußtsein, welches ihn hoch über das geistige Niveau seiner Zeitgenossen emportrug, die Offenbarung eines höheren, göttlichen Wesens erblickte, in der sittlichen Vervollkommnung eine Annäherung zu Gott erblickte, und somit schon dem Glauben an ein göttliches Wesen den Geist einer höher aufstrebenden Sittlichkeit einimpfte. Moses hat es verstanden, den Glauben an ein göttliches Wesen mit einer Fülle sittlicher Ideen auszustatten, welche als staatserhaltende und staatsgründende Gewalten sich erwiesen, denn aus dem Geiste der Bibel, aus ihren ethischen Satzungen und Grundlehren ist die jüdische Nation erst hervorgewachsen. Und der prophetische Weitblick Moses erscheint da in dem hellsten Lichte. Mochten irdische Gewalten mächtige Staatsgebilde zertrümmern, große Nationen vom Erdboden wegsegen, das jüdische Volkstum vermochte selbst den härtesten Schicksalschlägen gegenüber stand zu halten, sich zu behaupten; es konnte vertrieben auseinandergeriffen und auseinandergejagt werden, das geistige Band des Judentums konnte nicht gelockert werden. Je größer und unerträglicher der auf das Judentum ausgeübte Druck wurde, desto fester schlang sich das geistige Band der Zusammengehörigkeit um die auseinandergerissenen Teile des jüdischen Volkskörpers. Die tief religiöse aus dem Geiste der Bibel geschöpfte Ueberzeugung war es, welche das Judentum vor seinem Untergange bewahrte und dem Schicksale, welches übermächtige Völker erreichte, entrinnen ließ. Und dem Einzelnen soll der Geist der heiligen Schrift das versagen, was er einem ganzen Volksstamme im Glück und Unglück in so reichem Maße zu spenden vermochte, Mut und Ausdauer, auch in den schicksalsschwersten Lebenslagen auszuharren und hoffnungsvoll der Zukunft entgegensehn? Aus der Idee Gottes, in welcher Moses die Verkörperung der höchsten und vollkommensten Sittlichkeit erblickte, schöpfte Moses die ganze Fülle seiner sittlichen Kraft, deren es bedurfte, um ein der Sklaverei und dem Sklavengeiste verfallenes Volk zu neuem Leben zu rufen und einer freieren Selbstbestimmung zuzuführen. I. Wir leben in einer Zeit, in der uns die hochgehenden Wogen sozialer und religiöser Strömung so gewaltig und in solch heteragenen Richtungen umbranden, daß jede plausible Analogie total ausgeschlossen erscheint. Während die eine Strömung mächtig anstürmt gegen die Dämme, welche die begüterten Klassen übermütig und herrschsüchtig gegen die Minderbegüterten aufgerichtet hatten, wühlt die andere Strömung ruch- und ruhelos in schlammiger Tiefe, um anrüchiges, verwerfliches Material anzuschwemmen und aufzutürmen zur Scheidemauer zwischen Religion und Religion, Rasse und Rasse, Klaffe und Klasse. In einer solchen Zeit ist es wohl vom allgemeinen und hohem Interesse, einen Rückblick in jene Geschichtsepoche zu werfen, deren Kenntnis wir der „Bibel" verdanken, und die uns einen Einblick gewährt in die Anfänge sozialer und religiöser Entwicklung und uns in den Stand setzt, unbefangen und unbeirrt die Bedeutung und die Tragweite der gegenwärtigen Strömungen, welche uach Außen bedrohliche, nach Innen zersetzende Dimensionen annehmen, richtig zu beurteilen. Zu diesem Behnfe müssen wir aber auch in die Bibel selbst emen tieferen Einblick zu gewinnen suchen, um über die eigentlichen Motive und die Hanpttendenz ihrer Lehren und Satzungen uns ein kleines, dem geistigen Inhalte derselben entsprechendes Bild zu verschaffen. Wir können dies heute mit desto größerem Verständnisse erreichen, als wir dank archäologischer Forschungen und Entdeckungen neuerer Zeit für Vieles eine einfachere, natürlichere Erklärung gefunden haben, wofür sonst eine irrige, übernatürliche Deutung angegeben und angenommen wurde. Welch' unendliche Fundgrube von Anregungen sozialer Natur, welche Fülle hygienischer Anordnungen und bis heute unereichter Umsicht und Voraussicht enthalten diese Lehren und Satzungen des Pentateuchs! HI. M. 13, 2—59; 14, 2—9 und 84—49; 15, 2—33. IV. M. 19, 2—22; 31, 19—24 liefern in erschöpfender Weise Maßnahmen in hygienischer Beziehung. Und in sozialer Hinsicht sehen wir, wie im Gegensätze zu den früheren Gesetzgebungen, die zumeist aus die begüterten, herrschenden Klassen Bedacht nehmen, nur zu oft auf Kosten der Minder- und Unbegüterten — die Lehre Moses unausgesetzt darauf abzielte, das Los und das Wohlbesinden der Arbeitenden und Unbebügerten möglichst günstig und menschenwürdig zu gestalten, dem Begriffe..Nächstenliebe" tatsächlich vollständig entsprechend, und das Prinzip der Gleichberechtigung und der Gleichheit Aller in Allem und allüberall voll und ganz zur Geltung bringen, wie es heute — nach mehr denn dreitausend Jahren — den wahren Volksfreunden als Ideal vorschwebt: IH. M. 24,22: „Einerlei, gleiches Recht sei bei euch, der Fremdling sei, wie der Eingeborene; denn Ich, der Ewige, bin euer Gott!" Und welch phönomenale Erscheinung erst offenbart sich dem geistigen Auge auf religiösem Gebiete! Ein Gottesbegriff, der zwar mit der Schöpfungs-, besonders aber mit der Menschengeschichte in die Erscheinung tritt, jedoch beinahe 2000 Jahre nur einzelnen begabten Eingeweihten zu eigen war, bis nämlich Abraham öffentlich als dessen Bekenner und Verehrer auftrat und denselben seiner Umgebung vertraut getnacht, vermochte inmitten zahlloser Völkerschaften, die alle noch dem krassesten Götzenenkult sröhnten, nicht nur in der erhabensten Auffassung seiner Bekenner unversehrt sich zu erhalten und ihre unverbrüchliche Treue sich zu bewahren, er vermochte auch in immer weitere Kreise zu dringen, um schließlich „Weltreligion" zu werden!! Und dies trotz der vehementen Angriffe und vernichtenden Verfolgungen, denen dieser erhabene Gottesbegriff in seinen Bekennern und Verehrern seit mehr denn 3000 Jahren ausgesetzt war und ist. Alle jene götzendienerischen Völkerschaften

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.