Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 48 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063261--03397-3070152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lette 4. Die Wahrheit Nr. 48. unter allen Novellen und Erzählungen, denen der britische > Dichter seine Geschichte vom blutdürstigen Shylock entnommen haben könnte, gerade jene unbeachtet gelassen, in welcher der berühmte Biograph Sixtus V. Gregorio Leti, die Fabel des ..Kaufmannes von Venedig" folgendermaßen erzählt: „Im Jahre 1587, wenige Jahre vor dem Erscheinen Shylocks auf der Bühne, erfuhr der katholische Kaufmann Paul Maria Secchi daß Franz Drake San Domingo erobert habe. Er erzählte die Neuigkeit unter anderem auch dem Juden Simon Ceneda, der seine Zweifel hieran nicht unterdrücken konnte. Die Beiden wetteten nun, wonach Secchi 1000 Scudi und der Jude ein Pfund Fleisch einsetzte. Secchi war der Gewinner und bestand auf seinem Schein. Der arme, in seinem Leben bedrohte Jude lief verzweifelt zum Gouverneur, der ein Wort beim Papst einlegte. Der Papst entschied wie ein zweiter Salomon: er verurteilte Beide zu den Galeeren und sprach dann Beide von der Strafe los, nachdem sie jeder 2000 Scudi für einen Spitalsbau gespendet hatten." Dies die Erzählung des katholischen Historikers und Biographen. Wenn Shakespeare die Geschichte kannte, dann hat er an dieser Fabel nur eine Kleinigkeit geändert: Er machte aus dem Juden einen Christen und aus dem Christen einen Juden. Dem großen Dichter lagen hiebei sicherlich judenfeindliche Tendenzen ferne, aber das änderte wohl nichts daran, daß die Juden in ihrer Gesammtheit blutig viel wegen des Juden Shylock zu leiden hatten, der — eigentlich ein Christ gewesen und dessen Opfer vielmehr der Jude war. Ueberraschend ist dies nicht. Den Juden ist dies vorher und nachher öfters passiert. * -l- Dr. Lueger kennt wohl die Geschichte Shylocks nicht, aber wenn es gilt, gegen die Juden zu Hetzen, kommt es ihm auch garnicht darauf an, allgemein menschliche Fehler als spezifisch jüdische Laster zu kennzeichnen. Das ist immer empörend, aber manchmal auch komisch. So erklärte Dr. Lueger neulich: „Pfui-Rufen das tut kein Christenmensch, das tun nur Sozialdemokraten und Juden". Seltsam! Glaubt Dr. Lueger wirklich, daß ein echter, braver Christ angesichts dreister Lügen nicht „Pfui" rufen wird? Ueujuden. Das schöne Chanukafest, das in diesen Tagen in allen noch wirklich jüdischen Häusern begangen wird und uns an die heldenmütigen Taten der glaubensstarken Hasmonäer erinnert, ist besonders geeignet, unsere Aufmerksamkeit auf eine traurige Erscheinung der gegenwärtigen, religionslosen Zeit, auf die sogenannten „Neujuden" zu lenken. Was sind denn eigentlich diese ..Neujuden"? Einige Halbgebildete, oder nennen wir das Kind beim rechten Namen, nur dem Scheine nach Gebildete, die sich voll Stolz als die Aufgeklärten" gerieren und gar so gerne mit ihrem haltlosen Fortschritte paradieren, erdreisten sich, das Unverrückbare der Moseslehre zu kritisieren und sich über alle religiösen Einrichtungen hinmegzusetzen, als ob diese vollkommen zwecklos, ja geradezu unnötig, oder, sprechen wir „neujüdisch", nicht mehr zeitgemäß wären. Da hört man oft in den „anständigsten" jüdischen Gesellschaften die folgenden Theorien entwickeln: Ein Gesetz, das schon an die 4000 Jahre alt ist, hat sich bereits überlebt und bedarf dringend einer Abänderung; es hat für uns Neujuden jeden Wert und jede Bedeutung verloren." ..Wir Neujuden geben für all den religiösen Firlefanz keinen Pfifferling. Als Neujude lobe ich mir die jüdische Reformgemeinde zu Berlin. Daselbst wird der Gottesdienst in der deutschen Sprache, die doch jeder deutsche Jude versteht, abgehalten. Warum also wird das Hebräische nicht aus allen Synagogen eliminiert, und statt dieses heutzutage beinahe gänzlich unverständlichen Idioms nicht lieber eine allgemein verständliche Gebetssprache eingeführt? Es wäre wahrlich die höchste Zeit, endlich einmal in den jüdischen Gotteshäusern die Gebete in der betreffenden Landessprache, demnach in der ungarischen, deutschen, italienischen, französischen, englischen, oder am Ende sogar in der russischen Sprache zu verrichten." Und das geht so fort ohne Sinn und ohne Verständnis. Nun wissen wir, was so ein „Neujude" will, oder vielmehr was er nicht will. Solche Nenjuden sind bloße Namensjuden, die Gott und sein heiliges Wort nicht kennen, aber auch gar nicht kennen wollen. Nachdem sie keine Juden sind und als solche auch nicht gelten wollen, ja sich oft genug. ihrer jüdischen Abstammung schämen, ergreifen sie bei der ersten sich ihnen darbietenden Gelegenheit die Fahnenflucht. Es ist dies in allen Fällen nichts anderes, als ein ganz gewöhnlicher Glaubensschacher. Das echte Gold der reinsten Gotteslehre wird in kindischer Weise hingegeben für das Rauschgold der vermeintlichen gesellschaftlichen ' Vorteile. Diese höchst beklagenswerte Abfallerscheinung wollen wir mit einigen aus dem Leben gegriffenen Beispielen, wie sie uns die jüngste Vergangenheit brachte, illustrieren: Vor Jahren kam ein Judenjunge, der kaum trockenes Brod zum Sattessen hatte, aus der Provinz in die ungarische Hauptstadt. Gott ließ ihn reich und angesehen werden. Was lat dann der über alles Erwarten ..Groß"gewordene? Er selbst blieb noch immer Jude, aber seine beiden im zarten Alter von fünf und fechs Jahren stehenden Knaben — mehr Kinder hatte er nicht — ließ er taufen, damit diese — Karriere machen?!. . . Einer der beiden Knaben hat seine Karriere bereits glänzend beendet, er ist — gestorben. — Ein Jude, welcher Direktor einer großen Bank ist, wird nobilitiert. Er ist ein ungewöhnlicher Streber und gibt sich damit nicht zufrieden. Er möchte mindestens Hofrat werden und glaubt dies einzig und allein durch den Uebertritt zum Christentum erreichen zu können. Doch das ging nicht so leicht, er mußte erst den Tod seiner frommen Mutter, welche eine wahrhaft jüdische Frau gewesen ist, abwarten, um seinen altehrwürdigen Glauben verleugnen zu können. Jetzt hat er endlich einen „neuen" Glauben angenommen; nun glaubt er, daß sein Lebensschiff auf dem Taufwasser ruhig und sicher dahingleiten werde. — Ein anderer Jude wird ordentlicher Universitätsprofessor und überdies noch Hofrat; er wendet dem jüdischen Rechte treulos den Rücken und wirft sich dem „römischen' Rechte, das er an der Budapester Hochschule vorträgt, an den Hals. Flugs entledigt er sich seines Judentnmes und wird — Christ. Warum? Darauf dürfte er felbst keine Antwort geben können. — Der Besitzer von Millionen, desfen Vater erst vor kurzem Baron geworden, nahm die Taufe, um seine Kinder in die christliche Gesellschaft einführen zu dürfen. Und so ging die ganze Familie des „nenjüdischen" Barons standesgemäß zum Taufbecken. Selbst Alter schützt vor — der Taufe nicht. Es haben sich schon Juden im hohen Greisenalter taufen lassen. Die Konvertiten bewahren sich von ihrer treulos verlassenen Konfession blos das Gräberfeld, in welchem die Gebeine ihrer jüdischen Erzeuger modern. Das Grab der jüdischen Eltern wird von den Renegaten zu gewissen Zeiten aufgesucht. Wir waren Augenzeuge, wie ein getauftes Brüderpaar, der eine ist Hofrat und der andere Universitätsprofessor, am Grabe des jüdischen Vaters die rituellen Jahrzeitsgebete verrichtete. Viele getaufte Juden verrichen nach dem Ableben ihres jüdischen Vaters oder ihrer jüdischen Mutter während 11 Monate das vorschriftsmäßige Kaddischgebet. Es kommt sogar vor — und das war erst vor einigen Tagen der Fall — daß die getauften Söhne an der Bahre ihrer jüdischen Eltern sich ins Kleid schneiden lassen. Wir haben am Sühnfeste getaufte Inden im inbrünstigsten Gebete stehend im Tempel gesehen. Wir wissen ferner, daß einige unter ihnen 'an diesem Tage fasten und sich kasteien. Auch sind uns Fälle bekannt, wo einige Konvertiten sich an den beiden jüdischen Nenjahrstagen, sowie am Jom kippur gänzlich von ihren christlichen Familien zurückziehen, um in ihrer selbstgewählten Einsamkeit ihren alten Gott anzurufen und ihm nach jüdischer Vorschrift zu dienen. Daß abtrünnige Juden das Paffafest nach Vorschrift und alter Vätersitte begehen, gehört nicht zu den Ausnahmen. Solches geschieht natürlich mit Ausschluß der christlichen Oeffentlichkeit, denn das wäre doch in den