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Die Wahrheit · 1904-12-09 · Heft 48 (9.12.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 48 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Neben dem allgemeinen literarischen Interesse, welches die Inden an Hebbel nehmen, kommt für sie noch ein besonderes Moment in Betracht: das ist die Stellungnahme Hebbels zum Judentum und zur Judenfrage. Die Streifung dieses Momentes ist vielleicht umsomehr am Platze, als die Antisemiten bemüht sind, auf Grund einiger aus dem Zusammenhang gerissener Aenßerungen Hebbels, den großen Dichter zu einem Judenfeinde und Antisemitenfreunde zu stempeln. Diesem Treiben soll umso eher entgegengetreten werden, als es doch von hohem Werte und außerordentlicher Bedeutung ist, feststellen zu können, daß Hebbel in Wahrheit nicht nur ein vorurteilsloser Kritiker der Juden, sondern einer ihrer warmsühlenden, oft fast enthusiastischen Bewunderer war. Aus den Erinnerungen Eduard Kultes ist es bekannt, daß Hebbel, der für seine dramatischen Arbeiten manches jüdisches Stoffgebiet sich eigen machte, nicht nur die Werke jüdischer Historiker mit Eifer studierte, sondern auch die Absicht hegte, den Vater Kultes — den Rabbiner in Kostet — auszusuchen, um von ihm detaillierte Aufklärungen über geschichtliche Mitteilungen im Talmud, insbesondere jener, die sich auf die Zeit der Entstehung des Christentums beziehen, zu erhalten. Hebbel hatte auch sehr viele intime Freunde, die Juden waren. Interessant ist da eine Bemerkung, die der Dichter seinem Freunde und Biographen Emil Kuh gegenüber über den Abfall vom Judentum machte: „Meine nächsten und vertrautesten Freunde sind Juden, von denen sich einige taufen ließen. I ch ha sse jedes Renegatentum. Nur einem seidies zu verzeihen, weil er aus Liebe zu einem schönen Mädchen, um es heiraten zu können, sich Wasser aufs Haupt gießen ließ." Nebenbei bemerkt, war dieser nicht gehaßte Ausnahms-Renegat Kuh selber, den übrigens Hebbel von der Taufe abzubringen sich viele Mühe gegeben hatte. * -r- * Als Politiker kennzeichnete Hebbel seine Auffassung über die Judenfrage in einem Artikel, den er im Jahre 1848 in der „Augsburger Allgem. Zeitung" veröffentlichte. Da heißt es unter anderem: „Juden wie Christen sündigen an Vernunft und Geschichte nicht deshalb, weil sie Juden oder Christen sind. sondern weil und soweit sie Menschen ohne Bildung und ohne Kenntnisse sind. Man hüte sich daher, eine ganze Nation für die Exzesse einzelner Individuen, die zu ihr gehören, verantwortlich zu machen und Blatternarben mit Gesichtszügen zu verwechseln, wenn man nicht in der dumpfen, voru r t e i l s v o l l e n Masse, welche wenigstens in den Provinzen die politischen Pamphlete jetzt ebenso andächtig auswendig lernt, wie ehemals die religiösen Traktätchen, Brutalitäten der m a ß l o s e st e n Art Hervorrufen w i l l." * Die Antisemiten haben, wie man sieht, keinen Grund, Hebbel zu den ihren zu rechnen und den Purpnrmantel seiner großen Dichtungen zur Bedeckung ihrer Blößen zu verwenden. Eher sollten sie, wie es ihre Gesinnungsgenossen vor einem halben Jahrhundert taten, Habbel mit der niedlichen Lüge zu kompromittieren suchen, daß er nicht nur ein „Judensreund" und „Judenknecht", sondern sogar ein „Jude" oder zumindest ein „Judenstämmling" war. Im Jahre 1851 schrieb ein baierisches klerikales Blatt, daß die „Genoveva", „das Schandstück des getauften Juden Hebbel sei". Freilich, Hebbel machte sich aus dieser Lüge nichts, wie dies aus einer Notiz in seinen ..Tagebüchern" (1852) hervorgeht. Dort notiert er: „Es ist in Baiern, wie Kuh mir sagt, eine Broschüre wider die Juden erschienen, worin auch ich zu den Beschnittenen gerechnet werde. Nun, das würde ich nur nehmen, wenn ich ein Dukaten wäre." Man ersieht übrigens aus dieser Reminiszenz, daß die Judenfeinde vor 50 Jahren das gleiche Manöver ansznsühren beliebten, wie ihre gegenwärtigen Gesinnungsgenossen: Der gerechte vorurteilslose Christ wird als Jude gebrandmarkt. * Das „Deutsche Volksblatt" mußte sich dieser Tage die höhnische Erinnerung gefallen lassen, daß es kürzlich einen Artikel veröffentlichte, in welcher der Nachweis gebracht wurde, daß Shakespeare aus einem Christen, der das Urbild seines shylock gewesen, einen Inden gemacht habe. Das „Deutsche Volksblatt" hat sich mit der Reproduktion dieses Artikels, der wohl nur durch einen Ausschnitt ins Blatt geriet, nickt etwa einen Spaß gemacht, sondern wenn auch unbewußt der Wahrheit einen Dienst geleistet. Die Shakespeare-Forscher haben mit einem Bienenfleiß den verborgensten Quellen nachgeiorsckt, aus denen Shakespeare die Anregung oder den gesammren Stoff zu seinen Arbeiten nahm. Sie haben aber merkwürdigerweise

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