Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 47 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 47. tage sind." Der Minister antwortete darauf wörtlich: „Die Judenfrage ist eine der wichtigsten in unserem Lande; wir können folglich nicht leicht über dieselbe hinweggehen. Die Inden sind in Rumänien in großer Anzahl und manche von ihnen haben sich seit langer Zeit hier niedergelassen. Wir sind nicht gegen die Inden, welche das Vaterland lieben. Als Beweis dafür können die Naturalisierungen gelten, welche die Regierung in der vorigen Session bewilligt hat. Sagen Sie aber, Herr Doktor, Ihren Glaubensgenosien, daß, wenn sie die Verbesserung ihrer Lage wollen, sie ihre Blicke nicht über die Grenze richten sollen, denn dies kann ihnen nur noch mehr schaden, aber nicht nützen. Zeigen Sie uns Ihre Leiden, richten Sie an uns Ihre Klagen, denn wir sind die Herren in diesem Lande." — Die Rede erregt hier großes Aufsehen. Feuilleton. Der Iindling. Erzählung von Babette Fried, Prag. (10. Fortsetzung.) Sophie wurde die Entgegnung, welche ihr ohnehin sehrschwer angekommen wäre, erspart, denn das Rollen einer Kutsche wurde gehört, der Wagen stand plötzlich vor dem Hause still. Der inzwischen aus der Synagoge heimgekehrte Reb Schlome war dem Insassen des Wagens beim Aussteigen behilflich. Es war dies der erwartete Kreisrabbiner. Ehrerbietig führte Teinitz seinen ehrwürdigen Gast in das für ihn vorbereitete Zimmer, auf dessen mit einem bunten Teppiche bedeckten Tische eine Vase mit einem Strauße duftender Blumen stand. So einfach die Einrichtung dieses Zimmerchens war, so schimmerte alles darin durch größte Reinlichkeit und Ordnung. Voller Behagen ließ sich der alte Herr in dem bequemen, mit großgeblumtem Kattun überzogenen Lehnsessel nieder, um von der Fahrt in der Sonnenhitze auf der holperigen Landstraße auszuruhen. Nicht lange darnach erschien die Hausfrau, welche geschwind eine andere Haube aufgesetzt und eine frischgeplättete Schürze umgebunden hatte, um sich dem verehrten Gaste vorzustellen und ihm eine schon vorbereitete Erfrischung anzubieten. Der alte Gelehrte sprach sehr freundlich mit der einfachen Frau, so daß diese bald ihre Befangenheit ablegte und auf alle Fragen, die er an sie richtetete, frischweg Antwort erteilte. So erzählte sie ihm auch, daß ihr einstiger Pflegesohn beim Militär avanziert sei und sich überdies so herausgebildet habe, daß es ein Vergnügen sei seine Briefe zu lesen. Er habe bis jetzt jede Woche geschrieben, doch nun drei Wochen nichts mehr von sich hören lassen. Er sei bei Gelegenheit der Manöver bei einer reichen — jungen, ergänzte ihre eigene Phantasie — Witwe einquartiert gewesen, und diese scheine seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit derart in Anspruch zu nehmen, daß er seine alten Freunde gänzlich vergessen hat. „Dies Letztere muß grade nicht der Fall sein," meinte entschuldigend der Gast, „er kann auch durch strenge Dienstpflichten vom Schreiben abgehalten worden sein. Wenn er aber dort in dem entlegenen Lande wirklich ein Familienglück und eine sichere Existenz findet, so ist es dem verwaisten jungen Manne wohl zu gönnen, der gänzlich ohne Familie ausgewachsen wäre, wenn Ihr, meine lieben Freunde, Euch nicht seiner angenommen hättet, was Euch der gerechte und gütige Gott gewiß an Eurem eigenen Kinde lohnen wird." Der Raw machte und empfing am ersten Abend seines Verweilens in Hlinov keinerlei Besuche, sondern verbrachte ihn im trauten Gespräche mit seinen Gastfreunden, deren einfache, jedoch liebenswürdige Gastfreundschaft ihm sehr wohl tat und er fühlte sich sehr behaglich bei ihnen. Besonders war es Sophie, deren Anmut und witzige Schlagfertigkeit den alten Gelehrten fesselten. VH. Während anderen Tages der Kreisrabbiner in der Religionsstunde die obligate Prüfung abhielt und der Gemeiudediener die große Düte voller in buntes Seidenpapier gefüllter Zetteln zum Verteilen an die Schüler bereit hielt, fand in der Teinitzschen Wohnung ein Ereignis statt, welches Mutter und Tochter derart in Aufregung brachte, daß der für das Mittagsmahl zu Ehren des Gastes vorbereitete Apfelstrudel in Gefahr geriet^ in seiner Entwicklungsperiode gestört, ja gänzlich verdorben zu werden. Es war ein Brief an Se. Ehrwürden, den Herrn Rabbiner Salomon Teinitz in Hlinov gekommen, geschrieben von einer ungelenken Hand mit großen altmodischen Buchstaben. Der Inhalt dieses Briefes hatte die beiden Teinitzschen Damen ganz aus dem Häuschen gebracht. (Fortsetzung folgt.) Ausruf! In keinem Bezirke Wiens ist die jüdische Bevölkerung so rapid angewachsen wie in der Brigittenau, denn während vor 15 Jahren kaum einige hundert Juden hier wohnten, ist die Zahl derselben während dieser Zeit auf beinahe 15.000 gestiegen. Die billigeren und bequemeren Wohnungs- und Mietverhältnisse haben diesen Zuzug bewirkt, und kein Wunder, daß die größte Zahl der Eingewanderten, der armen und ärmsten Menschenklasse angehört. Die schlechten Erwerbsverhältnisse der zumeist aus armen Hausierern bestehenden Juden und die unter ihnen vorkommendeu Notfälle haben es bewirkt, daß eine Anzahl den besseren Ständen angehöriger Glaubensgenossen vor ungefähr 10 Jahren einen Wohltätigkeitsverein gründeten, der den Namen „Brigittenauer isr. Unterstützungs-Verein" bis zum heutigen Tage führt und dessen Tendenz es ist, in Not geratene Glaubensgenossen wirksam zu unterstützen. Nur zu oft leider wird an die Leistungsfähigkeit dieses Vereines appelliert, und viele tausend Kronen beträgt die Summe der für Unterstützungen verausgabten Beträge. Es ist kaum möglich, die Not und das Elend der hier zusammengefercht lebenden Glaubensgenossen nur annähernd zu beschreiben, und fast täglich hat der Verein bei Delogierungen zu intervenieren und zu helfen. Die kolossalen Ansprüche, die an den Verein gestellt werden, überbieten die bescheidenen Einnahmequellen desselben, und der Vorstand des Vereines weiß kein anderes Mittel, als an die große Oeffentlichkeit, an die hochherzigen Gönner und Wohltäter unserer großen Gemeinde heranzutreten und zu bitten, daß ein Jeder, dem es nur irgendwie möglich, für die Aermsten der Armen, für die Enterbten des Glücks, welcher es in unserem Bezirke gar so viele gibt, sein Scherflein beitrage! Für den Vorstand des Brigittenauer isr. Unterstützungs-Vereines: S. Dub, PH. W e i ß, Adolf Schreiber, David Pollatschek Kontrollore. Obmann. Schriftführer. Herman E l t b o g e n, Kultusvorsteher. Auf Wunsch stehe ich nicht an, obigen Aufruf aufs wärmste zu befürworten. Dr. E. David, Rabbiner der israel. Kultusgemeinde Wien II. GütigeSpenden zu senden an den Obmann, Herrn Adolf Schreiber, H. Kluckygasse 1, welche in den jüdischen Wochenblättern ausgewiesen werden. Aufruf! „An unsere Glaubens- und Standesgenossen! Der Mädchen- und Frauenverein „Bikur Chaulim" (Krankenbesuch in den Wiener Spitälern), welcher durch die Ausübung seiner Tendenz einem längst gefühlten Bedürfnisse Rechnung zu tragen versucht, wird durch die allwöchentlichen Spitalsbesuche sehr oft in die Lage versetzt, den kaum Genesenen auch nach ihrer Entlassung aus dem Spitale seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Um wie vieles größer ist aber unsere Arbeit jetzt, zu Beginn der rauhen Jahreszeit, wo die meisten Rekonvaleszenten, kaum mit dem notwendigsten bekleidet, den Unbilden der Witterung preisgegeben sind. Diesen traurigen Umständen abzuhelfen, ist seit Gründung unseres Vereines eine unserer Haupttätigkeiten. Leider sind wir nicht in der Lage, allen in dieser Beziehung an uns gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Es i st Ehrenpflicht eines jeden Juden, der seinen Körper vor Kälte zu schützen weiß, seiner armen, kranken Glaubensgenossen zu gedenken! Wir appellieren in diesem Sinne an alle jüdische Herzen und erbitten uns für unsere Schützlinge außer Verwendung stehende Wäsche, Kleidungsstücke, Schuhe rc. jeder Art. Jede, auch die kleinste Gabe, wird mit wärmstem Dank entgegengenommen. Sendungen beliebe man an Frau Julie Schwarz, II., Schiffamtsgasse 10, Tür 10 zu richten, auch sind wir gerne bereit, diese nach vorhergegangener Verständigung abholen zu lassen. Fest überzeugt, daß dieser Appell nicht ungehört verhallen wird, zeichnet allen Spendern im voraus herzlich Dank sagendfür den Mädchen- und Frauenverein „Bikur Chaulim" M i m i Berliner, dz. Vize-Präsidentin.