Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 47 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ockerr.-lmgar. Kantoren -Zeitung. Hebräische Gesäuge. Im Berliner „Generalanzeiger f. d. Indent." lesen wir folgendes interessantes „Eingesendet": Sehr geehrter Herr Redakteur! Wie ich aus Blättermeldungen entnehme, veranstaltet der „Verein zur Pflege hebräischer Musik" in nächster Zeit ein Konzert. — Gibt es denn überhaupt hebräische Musik? Ich bin zwar auf dem Gebiete der Musik ziemlich bewandert, aber niemals habe ich etwas von hebräischer Musik gehört. Ich wäre dem zu Danke verpflichtet, der mich über die Entstehung u. s. ivdieser Musik belehren wollte. — Wie mir scheint, handelt es sich bei diesem Verein um „synagogale Gesänge". Aber selbst bei diesen herrscht keine Einheitlichkeit, die in allen Synagogen gleichmäßig eingeführt wäre. Vielmehr werden fast in jeder Gemeinde die Gesänge ausgesührt, die von dem jeweilig amtierenden Kantor beziehungsweise Vorbeter selbst komponiert oder von seinem Vorgänger aus Pietät übernommen sind. Allerdings gibt es einige synagogale, traditionelle Melodien, die in den meisten Gegenden gesungen werden, die aber mit Ausnahme von Kol Nidre, Tall und Geschem größtenteils aus Responsen bestehen und für den Chasan als Soli berechnet sind. Sie sind aber fo geringfügig, daß sie für eine Konzertausführung nicht ganz ausreichend sind. Durch die Bezeichnung „hebräische Musik" könnte das Publikum daher leicht irregeführt werden und zu der Auffassung gelangen, daß es in Wirklichkeit eine solche gibt. In dem Konzerte, das stattfinden wird, dürsten aller Wahrscheinlichkeit nach nur synagogale Gesänge zur Aufführung kommen. Das wäre meiner Meinung nach aber eine Verletzung der Heiligkeit, die in diesen Gesängen liegt. Synagogale Gesänge gehören nicht in einen öffentlichen Konzertsaal, sondern in ein Gotteshaus zur Erbauung der Gemeinde. Schließlich möchte ich bemerken, daß vierstimmige Gesänge, wie sie der Verein bereits zu Gehör gebracht hat, in früheren Zeiten nicht in den Synagogen gesungen wurden, sondern nur in neuerer Zeit. Es sind dies die von dem früheren Oberkantor Prof. Sulzer-Wien, dem Chordirigenten Prof. Lewandowski- Berlin, Oberkantor Naumburg-Paris, Deutsch-Breslau komponierten Chorgesänge, meist moderner Art. Wenn man überhaupt von früheren synagogalen Melodien spricht, so kann es sich nur um die Rezitation und Gesangsweisen des Kantors handeln, aber nicht um Synagogenchöre, die vierstimmig gesungen werden. Jwri. Indischer Kolomsalionsverein in Wien. Der Jüdische Kolonisationsverein, über dessen Begründung wir bereits kurz berichteten, hielt seine konstituierende Versammlung im großen Sitzungssaale der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien ab. In seiner Eröffnungsansprache führte Präsident Dr. Alfred Stern aus, daß die unmittelbare Anregung zur Gründung des Kolonisationsvereines die Ausstellung der Produkte der jüdischen Kolonien Palästinas in Wien gegeben hätte, welche den Beweis erbrachte, daß dieses Hilfswerk befriedigende Resultate erzielt und daher, besonders in Anbetracht der stets wachsenden Judennot im Osten, tatkräftigste Förderung verdient. Das von Dr. F. E. Weisl und Dr. W. Pappenheim redigierte Statut des Kolonisationsvereines wurde von den zuständigen Behörden ohne Einspruch zur Kenntnis genommen; die formellen Bedingungen zur Konstituierung des Vereines feien also gegeben. Dr. Artur Kaminka forderte hierauf die Anwesenden zu einem Akt der Pietät auf. Willy Bambus, einer der ersten und eifrigsten Förderer des jüdischen Kolonisationswerkes, sei vor kurzem gestorben. Die Versammlung ehrt den Verblichenen durch Aufstehen. Dr. Alfred N o s s i g erstattete als Vertreter des Pariser Zentralkomitees der Kolonisationsvereine das Referat über die Bestimmung und den Plan der Kolonisationsaktion, deren Organe die Kolonisationsvereine sind. Die jüdische Hilfsaktion hat in den letzten Jahren aus Grund der gesammelten Erfahrungen einen wesentlichen Fortschritt gemacht. In ihren Anfängen begnügte sie sich mit Interventionen von Fall zu Fall, nach dem Eintritt von Katastrophen. Sie befolgte das Prinzip, mittels einmaliger Hilfeleistungen die Emigranten in Kulturländern zu zerstreuen und hatte einen rein philanthropischen Charakter. Es stellte sich jedoch heraus, daß man aus diesem Wege weder neuen Katastrophen Vorbeugen, noch die Emigranten entsprechend versorgen könne. Neben den improvisierten Aktionen müsse eine präventive m Angriff genommen, die Philanthropie müsse durch rationelle Sozialpolitik ersetzt werden. Da eine einmalige kleine Hilfe in vielen Fällen zur Gründung einer Existenz nicht genüge, und selbst die liberalsten Kulturländer sich allmählich den Einwanderern zu verschließen beginnen, so müsse man Veranstaltungen treffen, um die Existenz der Emigrantenfamilien dauernd zu sichern. Dies geschehe am besten durch ihre Ansiedelung auf zusammenhängenden Terrains in einem noch dünn bevölkerten Lande. Als das geeignetste Gebiet für die Kolonisation von Juden habe sich erfahrungsgemäß Palästina mit seinen Grenzländern erwiesen. Hier gedeihen die Kolonien aus wirtschaftlichen und moralischen Gründen am besten. Noch günstigere Resultate werden erzielt werden, wenn die Kolonisationsvereine sich die gesammelten Erfahrungen zunutze machen und nicht mehr vereinzelt und planlos Vorgehen werden. Das zu kolonisierende Gebiet muß erforscht, die Kolonisation muß durch rationelle Maßnahmen vorbereitet werden und dann in planmäßiger Weise auf wachsender Stufenleiter erfolgen, wobei die Kolonisten zu wirtschaftlicher Selbständigkeit zu erziehen sind. Eine derartige, wahrhaft moderne Kolonisation ist aber nur dann möglich, wenn alle Kolonisationsvereine, ja, sämtliche im Orient tätigen Organisationen sich dauernd untereinander verständigen. Der neugeschaffene Jüdische Kolonisationsverein inauguriert diese vom Referenten angedeutete neue Phase des Ansiedelungswerkes, da er alle Hauptprinzipien einer gesunden Kolonialpolitik in fein Statut ausgenommen hat. Nachdem Präsident Dr. Afred Stern die formelle Konstituierung des Vereines festgestellt hatte, schritt man an die Wahl des leitenden Ausschusses, über welche bereits in diesem Blatte berichtet wurde. Der jüdische Kolonisationsverein vereinigt in seinem Ausschuß die Vertreter sämtlicher Gruppen der Wiener Kultusgemeinde, deren gemeinsames Werk er ist. Beachtenswert ist es, daß die erste Anregung zu seiner Begründung von den Leitern der Gemeinde ausgegangen ist. Die neue Organisation dürfte also wesentlich zur Verbreitung der Erkenntnis beitragen, daß das jüdische Kolonisationswerk eine Ausgabe bildet, an deren Lösung sämtliche jüdische Großgemeinden durch ihre offiziellen Vertretungen sich zu beteiligen verpflichtet sind, und die nur auf diesem Wege tatsächlich durchgeführt werden kann. Duvli^alionen lieg ölerr.-ung. Jluntoreu-lereineg. Die geehrten Kollegen werden dringendst ersucht, die ihnen zugesandten 5ammelbögen in ihren Gemeinden zirkulieren zu lassen und das Ergebnis ihrer Sammlungen an den Vereinskassier, Herrn Oberkantor DI. Sdjorr. Wien, II., Obere Donaustraße H7, zu senden. Der Vereinsvorstand.