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Die Wahrheit · 1904-12-02 · Heft 47 (2.12.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 47 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 47. imng herrschte? Der Ministerpräsident braucht nur noch ein Wort zu sagen, um seine Drohung, daß Wolsf sich nicht mehr an ihn heranwagen werde, zur Tat zu machen. Alle Welt hatte die Empfindung, daß der Ministerpräsident in der Lage sei, einen Pfeil aus seinem Köcher aus Wolfs abzuschießen, der diesen für alle Zeiten moralisch unmöglich machen müsse. Nun sollte man meinen, daß ein echter deutscher Mann, der umgürtet mit dein Bewußtsein arischen und antisemitischen Stolzes auftritt, dem Ministerpräsidenten sich kühn entgegenstellen und seine Drohungen verachten werde. Herr Wolff ist ein Arier, ist ein Antisemit, ist einer der Matadore und Führer der Deutschnationalen, also ein Pächter der arischen Moral, aber den Mut brachte er nicht auf, von dem Ministerpräsidenten eine deutliche, klare, unzweideutige Erklärung zu fordern. Demütig winselnd bat er ihn um eine Erklärung, die den zirkulierenden Gerüchten den Boden entziehen sollten. Und der Ministerpräsident? Mit einer Miene, wie man einem Bettler ein Almosen verabreicht, schenkte er Herrn K. H. Wolff einige kühle, karge Worte . . . die wie ein Gnadengeschenk klangen. So sehen die Männer aus, denen die Moral, das Ehrgefühl der Juden zu gering erscheint. . .. * * Eine ebenso glänzende als zu bitteren Betrachtungen über den Abfall im Judentum Anlaß gebende Satire veröffentlicht in einer kurzen 91otiz der Berliner „Vorwärts". Sie lautet: „Herr, siehe dein Volk an! So möchte der wahre Christ oft ausrufen, wenn er vernimmt, daß der Teil der Bevölkerung, der nicht imstande ist, für die Mosaik der Kirche mit der weggemeißelten Kamelinschrift die einzig erwünschten größeren Spenden zu geben, sich immer mehr von der Religion der Väter abwendet und dem glaubenslosen Umsturz huldigt. Aber so dreist die Feinde des Mirbach-Christentums auch ihr Haupt erheben mögen, so irren sie sich doch, wenn sie annehmen, daß sie aus unserem deutschen Vaterlande die christliche Religion verdrängt haben. Nein, noch blüht die zarte Blume inniger Glaubens- und Bekenntnisfreudigkeit, und wer je am praktischen Christentum gezweifelt hat, der soll sich jetzt die Liste deutscher Männer betrachten, die sich beim Bau der Kirche zu Grunewald durch reiche Spenden hervorgetan haben. Orgel, Kirchenfenster, Kronleuchter, Tausgerät, Altar, Glocken, alles ist freiwillig dieser Kirche von christlicher Hand gegeben worden. Unter den frommen Spendern werden jetzt offiziell genannt die Bankiers Franz und Robert Mendelssohn, der Bankier Neuburger, der Konsul Nachod und der Bankdirektor Dernburg. Ist es zuviel gesagt, wenn wir behaupten, daß aller Religionsfeindschaft zum Trotz das deutsche Gemüt in den hier genannten Männern sich bewährt und der christlich-germanische Geist bei ihnen in strenger Rassenreinheit eine Pffegestatt findet! Und für nicht minder echt als das Christentum dieser am Börsenstand wie am Kirchensessel gleich angesehenen Herren wird das Christentum des Herrn August Scherl zu halten sein, der die Turmuhr der Kirche in Grunewald gespendet hat, selbstlos, ohne daß er die Anbringung einer Reklame für den ,Lokal-Anzeiger^ verlangte. Herr, siehe dein Volk an!" David Kitter von Gntmann. Am 2. Dezember begeht Herr David Ritter von Gutmann seinen 70. Geburtstag. In seiner außerordentlichen Einsachheit und Bescheidenheit würde der Jubilar, welcher niemals den Stolz des Reichtumes kannte und auch nicht selbstgefällig auf die Rechte des Mannes von hervorragender sozialer Stellung pochte, wohl gerne den mannigfachen Ovationen aus dem Wege gehen, die ihm aus diesem Anlasse dargebracht werden. Aber trotzdem wird er es nicht verwehren können, daß sich ihm zu seinem 70. Geburtstag die aufrichtigsten Sympathien der weitesten Kreise zuwenden und daß allen voran die Glaubensgenossen es dankbar anerkennen, welch großen Anteil er an der Förderung zahlreicher Wohlfahrtseinrichtnngen genommen hat, die mit seinem Namen und dem Namen seines Hauses innig verknüpft sind. Seine Fürsorge für die Armen und Unterdrückten, die auch zu jener Zeit nicht erlahmte, als schwere Schicksalsschläge ihn heimsuchten, spiegelt sich besonders in seiner Tätigkeit als Präsident der „Israelitischen Allianz zu Wien" und der „Baron Hirsch-Stiftung für Galizien" wieder. Mögen auch die Verwaltungen beider Institutionen so manche Anfechtungen erfahren haben, an der edlen Absicht David Ritter von Gutmanns, Gutes zu schaffen und dem Wohle des Judentums zu dienen, ist niemals gezweifelt morden. Wie der Lebenslauf dieses Mannes sich bis heute gestaltet hat, ersehen wir aus einer uns zur Verfügung gestellten Lebensskizze, die vom Kuratorium der „Baron Hirsch-Stiftung für Galizien" zur Geburtstagsfeier an den Stiftungsschulen hinausgegeben wurde: David Ritter von Gutmann ist am 2. Dezember 1834 zu Leipnik in Mähren geboren. Sein Vater Markus Leopold Gutmann war weniger durch sein Vermögen, als vielmehr durch seinen hochherzigen Charakter weit über die Grenzen seines Heimatsortes hinaus beliebt und geschätzt. Nach längerem Krankenlager verschied er im Jahre 1838, eine Witwe mit sieben unversorgten Kindern zurücklassend. Im Alter von vier Jahren sonach der väterlichen Fürsorge beraubt, war David Gutmann mit seinen sechs Geschwistern blos der liebevollen Hingebung der Mutter überlassen, die mit beispielloser Energie und einer Opferwilligkeit, der nur ein Mutterherz fähig ist, einen kleinen Teil des Geschäftes zu erhalten sich bemühte. Hiebei wurde sie schon frühzeitig von ihrem Sohne David unterstützt, bis es ihr bei ihrer Selbstlosigkeit und grenzenlosen Liebe für die Kinder gelang, mit Hilfe ihrer Söhne ihre Familie zu erhalten. Aus diesen kleinen Verhältnissen hat sich Herr David Ritter von Gutmann, der 1850 und 1851 das Wiener Politechnikum besuchte, dann in ein Geschäftshaus in Mähr. Weißkirchen trat, 1853 aber gleich bei der Gründung des Wiener Hauses Kompagnon wurde, durch rastlosen Fleiß, zähe Ausdauer und strengste Rechtlichkeit zu den Höhen des Erfolges emporgerungen, so daß die von ihm und seinem Bruder Wilhelm begründete Firma „Gebrüder Gutmann" durch ihre großartigen imponierenden Schöpfungen auf industriellem Gebiete in Oesterreich in erster Reihe zu nennen ist. Diese seine Verdienste um die öffentlichen Interessen wurden auch von Seiner Majestät dem Kaiser durch Verleihung des erblichen Ritterstandes ausgezeichnet. Ungeachtet der großen Inanspruchnahme auf geschäftlichem Gebiete hat Herr David Ritter von Gutmann, der stets persönlich anspruchslos blieb und seine persönlichen Bedürfnisse auf das bescheidenste befriedigte, sich nicht nur jederzeit bereit gefunden, alle philantropischen Bestrebungen nach Kräften zu fördern, mehr noch als dies, seine eigene Person, sein Fühlen und Denken, seine Zeit, Mühe und Fürsorge in den Dienst der sozialen, kulturellen, vor allem aber der jüdischen Institutionen zur Verfügung zu stellen. So errichtete er beispielsweise mit seltener Freigebigkeit im Vereine mit seinem Bruder Wilhelm nnt dem Kostenaufwande von V2 Million Kronen das israelitische Mädchenwaisenhaus in Döbling bei Wien, spendeten sie 200.000 X zur Errichtung der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien, 300.000 K zur Erbauung eines Kinderhospitales, 20.000 X dem Beth-ha-Midrasch, viele Tausende dem Wiener Philantropischen Vereine rc. rc. Vom Beginne bis zum heutigen Tage widmet das Haus nach altem jüdischem Brauch 10% des Geschäftsverdienstes den Armen. Seine unverdrossene, durch keinerlei Schwierigkeiten und häufige Unannehmlichkeiten beeinträchtigte, unermüdliche Hingebung widmete er der „Israelitischen Allianz" zu Wien, in deren Vorstand er seit mehreren Dezennien und seit 1887 als Präsident wirkt, vor allem aber der „Baron Hirsch-Stiftung," in deren Kuratorium er über Ersuchen des Baron Hirsch gleich bei der Gründung trat, und deren Leitung er nach dem Tode des ersten Präsidenten am 21. Jänner 1893 übernahm.

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