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Die Wahrheit · 1904-12-02 · Heft 47 (2.12.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 47 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ahrheit Nedaktioil u. Ndministratioil: Wien, HZ, Novaragasse 27. Tclephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Llboiineinenlsn. Jusertiousbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Aeitschrift für Mische Snterelken. Erscheint jeden Areitag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!” jj Bezugspveis: jj Kauzjährig . . . st. ,2.— jj Halbjährig . . . St. 6.—; i j Für Cultllsbeamte: «Ganzjährig ... ft. 10.—S |; Für AilSiclild:!! >l!! j| «Sanzjährig . . . s Mark. |j 6 öiubel oder «6 Fe-;. jj ^___ ||r. 47. Wien. 2. Dezember 1904. Inhalt: Aus der Woche. — Vorstandswahlen in der Wiener Kultusgemeinde. — David Ritter von Gutmann. — Die Missionsidec in Israel. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. Ans der Woche. Zu den seltsamsten Widersprüchen, in denen sich die Antisemiten bewegen, gehört auch der, daß sie einerseits die Juden vertilgen möchten, andererseits aber mutwillig für ihre Vermehrung sorgen, indem sie zahlreiche hervorragende Männer des Geistes zu Juden stempeln, weil diese im philosemitischen Sinne geschrieben haben. Allerdings spielt die große literarische Ignoranz den Antisemiten auch manchen bösen Streich. Man erinnert sich zum Beispiel noch der enthusiastischen Artikel, die in den antisemitischen Blattern anläßlich des 70. Geburtstages Sanders zu lesen waren, von dem die biederen Herren nur das Eine wußten, daß er der Verfasser eines berühmten Wörterbuches sei. Daß dieser Lexikograph seine schriftstellerische Laufbahn mit verifizierten Uebersetzungen ails dem Talmud und den Midraschim begann und daß er überhaupt ein Jude war, war ihnen unbekannt. Als diese Tatsache den Antisemiten später ails anderen Jubiläumsartikeln bekannt wurde, konnten sie die Lobeshymnen ans Sanders wohl nicht mehr widerrufen, aber sie hüllten sich seither in eisiges Schweigen. Einen ähnlichen schlechten Streich spielte den Antisemiten ihre Unkenntnis mit den Schriften Hopfens, des vor kurzem verstorbenen, ausgezeichneten deutschen Dichters. Diesmal war die arische christliche Abstammung des Mannes außer jeder Frage, aber seine antisemitischen Lobredner haben — wieder durch Essays anderer Blätter — zu spät erfahren, daß Hopsen in der schärfsten und rückhaltslosesten Weise sich gegen den Antisemitismus ausgesprochen hatte, und zwar in einem Romane, »er das Geschick hatte, zu einer Zeit zu erscheinen, in welcher große kriegerische Ereignisse das Interesse für literarische Werke in den Hintergrund gedrängt hatten. * Da wir schon — lucus a non lucendo — von den Beziehungen der Antisemiten zur. Literatur sprechen, so mag auf ein interessantes Moment hingewiesen werden, welches die geistig hervorragende Schwester Nietzsches in dem kürzlich erschienenen zweiten Bande der Nietzsche-Biographie hervorhebt. Daß der geniale Denker, welcher von seiner begeisterten Sympathie für das Judentum nie ein Hehl' gemacht, von den Antisemiten gehaßt wird, ist wohl nicht überraschend und aus den hämischen Bemerkungen, die da und dort in der antisemitischen Presse über ihn zu lesen sind, genugsam bekannt. Die Schwester- Nietzsches erklärt aber nun in der dezidiertesten Weise, daß unter den Gründen, die möglicherweise die unheilvolle Verschlimmerung in dem geistigen Befinden des Denkers und Dichters herbeiführten, auch die perfiden tückischen Verleumdungen der Antisemiten eine große Rolle spielen. Das Zeugnis dieser Biographie ist aber umso wertvoller und bedeutsamer, als sie selbst mit einem namhaften — Antisemitenführer verheiratet war. *■ * j * Prinz Joachim Albrecht von Preußen soll, so wird in eingeweihten Kreisen erzählt, der Komponist der neuen Pantomime „Simone" sein. Sein Inkognito, er nennt sich als Autor „ Marquis Dorval", wird damit erklärt, daß man in den Kreisen, denen der Prinz durch seine Geburt angehört, nicht gerne sieht, wenn ein Prinz sich der Gefahr aussetzt, von simplen bürgerlichen Menschen, die just das Szepter der Kritik in der Hand haben, abgekanzelt zu werden. Man erinnert bei dieser Gelegenheit an die Affaire, die einem großen Ahnherrn des Prinzen .Joachim Albert vor mehr als hundert Jahren mit einem Kritiker arrivierte, der noch dazu ein — Jude war. Friedrich II. schrieb Verse, und der große König mußte es sich gefallen lassen, daß der kleine Jude Moses Mendelssohn sein Mißfallen über diese Dichtungen in artiger aber unzweideutiger Weise zum Ausdruck und auch zum Abdruck brachte. Als der König den Philosophen zur Rede stellte, erwiderte Mendelssohn: ..Wer Verse drucken läßt, Majestät, schiebt Kegel, und wer Kegel schiebt, muß es sich gefallen lassen, daß der Kegeljunge die Zahl ausruft." Der König schwieg. Aber vergessen hat der empfindliche Poet die Rezension nicht. Der König hat den Vorschlag der Akademie, Mendelssohn als Mitglied aufzunehmen, abgelehnt. Unter den verschwiegenen Gründen für diese Ablehnung wird wohl auch die Erinnerung an die tadelnde Rezension zu suchen sein. Welche Charaktere der christlich-soziale Antisemitismus hervorbringt, dafür bietet die Lueger-Aera eine lange Reihe erschreckender Beispiele. Der deutsch-nationale Antisemitismus hat aber dem christlich-sozialen Antisemitismus nichts vorzuwerfen. Die entsetzliche jämmerliche Rolle, die einer der Hauptmatadore, K. H. Wolfs, neulich im Parlamente in dem Duelle mit dem Ministerpräsidenten spielte, zeigte, wessen die Besten dieser Partei fähig sind. Der Ministerpräsident hatte dem Abgeordneten Wolfs, der sich euren spitzen Zwischenruf gegen ihn erlaubt hatte, nt einer Weise abgefertigt, daß in dem Parlamente nur eine Mei-

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