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Die Wahrheit · 1904-11-25 · Heft 46 (25.11.1904) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 46 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 46. Die Wahrheit ^Leite 13 Uerschiedene Nachrichten. Wien. Vom Präsidium der israelitischen Kultnsgemeinde in Wien erhalten wir folgende Zuschrift: „Das Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde in Wien konstatiert über Wunsch des Herrn Architekten Oskar Marmore! in Angelegenheit der geschäftlichen Beziehungen des genannten Herrn zur Wiener Knltusgemeinde das Folgende: Anfangs Oktober des laufenden Jahres traten an die Knltusgemeinde verschiedene schwierige Fragen bautcchnischer Natur heran. Der Vorstand ersuchte den Herrn Archirekten Oskar Marmorek um seinen fachmännischen Rat. Herr Architekt Marmorek unterzog sich in bereitwilligster Weise der an ihn ergangenen Aufforderung, untersuchte die in Frage kommende Baulichkeit (den Leopoldstädter Tempel) und legte dem Vorstände ein Projekt für die notwendigen Adaptiernngsarbeiten vor. Das Projekt fand in allen seinen Teilen, insbesondere durch die Lösung eines den Vorstand schon längere Zeit beschäftigenden, sehr schwierigen technischen Problems die einhellige Zustimmung des Vertreter-Kollegiums, sowie des Borstands-Pleiinms und so wurde Herrn Architekten Marmorek die Leitung der Ausführnngsarbeiten übertragen. In Abwesenheit des genannten Architekten und ohne sein Vorwissen beschloß der Vorstand, den genannten Architekten nach dem usuellen Tarif des österreichischen Ingenieur- und Architekteu-Bereiues zu honorieren. Herr Architekt Marmorek erklärte jedoch, sowohl in einer Rücksprache mit einigen Vorstandsmitgliedern und sodann in einer au die Knltusgemeinde gerichteten Zuschrift, daß er ein Honorar seitens der Kultnsgemeinde entschieden ablehne und nach Fertigstellung der Arbeit blos die ihm selbst erwachsenen Auslagen verrechnen werde." Der Präsident: Wien, 20. November 1904. Dr. Alfred Stern. Wien. Am Schalter dcr Liqnidatur der Wiener Kultnsgemeinde überreicht ein dürftig gekleideter jüdischer «Student eine Anweisung auf eine ihm vom Vorstände für Stndienzwecke bewilligte Summe. Leider ist der Betrag zu gering, denn er reicht nur für die Hälfte der Prüfuugstaxen ans. Während der arme Teufel dem Beamten sein Leid klagt, erscheint eine zweite Partei am Schalter, vor welcher der Student bescheiden znrücktritt. Es ist ein wohlhabenderer Glaubensgenosse, der einige hundert Kronen als Begräbnistaxe bezahlen will und zu diesem Behnfe schon vorher seine Brieftasche achtlos geöffnet hat. Beim Nachzählen seines Geldes sieht er zu seinem Erstaunen, daß ihm zweihundert Kronen fehlen, und bemerkt zu dem Beamten, daß er sich den Rest vom Hause holen müsse. Da blickt der nebenstehende Student zufällig zu Boden und sieht zu seinen Füßen zwei Hundertkronen-Noten liegen, die er aufhebt und dem Herrn am Schalter überreicht. Unter Dankesworten gibt dieser dem Studenten 20 Kronen als Finderlohn, die ihm als weiterer Beitrag zu den Prüfungstaxen höchst willkommen sind. Vielleicht findet sich jemand, der dem ehrlichen und strebsamen jungen Manne auch zu dem Reste'der nötigen Summe verhilft. Wien. Freitag, den 25. November abends, findet eine Predigt im Fünfhanser Gemeindetempel statt. Wien. (B o r t r ä g e aus jüdischer Geschichte.) Der erste Vortrag in dieser Saison findet Donnerstag, den 1. Dezember, präzise 1j28 Uhr abends im Festsaale des Ingenieur- und Architekten-Bereines, I.. Eschenbachgasse 9, statt, und zwar durch Herrn Dr. Max Grunwald über das Thema: „Gabriel Rießer." Mit Vorführung von Lichtbildern. Eintritt frei ohne Karten. Wien Sonntag, den 20. d. M. fand unter überaus starker Beteiligung das Leichenbegängnis des in Berlin verstorbenen Herrn Alfred Benvenisti, Gesellschafter der Firma Em. Friedländer & Komp, in Berlin, statt. Der im besten Mannesalter Verblichene ist der Sohn der in allen Kreisen wegen ihres philanthropischen Wirkens bekannten Frau Anika Benvenisti, und erregte sein Hinscheiden allgemeine Teilnahme. Man bemerkte unter den Trauergästen außer der Familie, fast die ganze türkische Gemeinde, den Bizepräscs Herrn Lico Adutr, ein Onkel des Verstorbenen, Herrn Marcus M. Rnsso, Herrn Cäsar Danon, den Präses der Chewra Kädischa Herrn Lico M. Rnsso, ferner Baronin Charlotte Königswarter, Herrn Theodor Ritter v. Taussig und Frau, die Kultnsvorsteher Salo Cohn und Emil Horner, Oberrabbiner Dr. Güdemann und Frau, Herrn Dr. Knranda, Direktor Wollheim. Bankier Alex. Nierenstein, Herrn Alfred Kohn und Frau, ans Berlin Herrn geheimen Kommerzialrat Fritz Friedländer und den Prokuristen der Firma Friedländer & Komp. Die kantorale Funktion versah Oberkantor Bauer unter Mitwirkung des gesamten Chores. Infolge testamentarischer Verfügung des Verstorbenen. unterblieb jede Trauerrede. Rabbiner Papo sprach blos ein kurzes Gebet. Im Namen der Freunde hielt Herr Theodor Ritter v. Taussig dem Verblichenen einen tiefempfundenen Nachruf. Am offenen Grabe nahmen Geheimrat Friedländer ans Berlin und der Prokurist des Hauses mit bewegten Worten Abschied. Der tiefgebeugten Mutter Frau Anica Benvenisti kamen aus allen Kreisen zahlreiche Beileidskundgebungen zu. s':t Wien. Samstag, den 26. d. M., 7 Uhr abends, findet im Lesesaale des „Wiener Kaufmännischen Vereines," I., Johannesgasse 4. die ordentliche Generalversammlung des „Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis" statt. Wien. Fräulein Helene Wilhelm, Tochter des kais. Rates Ignaz Wilhelm, hat sich mit Herrn Statthaltereikonzipisten Med. Dr. Hay verlobt. Wien. Sonntag, den 6. Dezember findet im Tempel I., Seitenstettengasse die Trauung des Frl. Alice Frankl, Tochter des Regierungsrates Frankl, mit Herrn Rechtsanwalt Dr. Moritz Bing, statt. Wien. (WienerIü d i s ch e T o y n b e e - H a l l e, XX., K a r a-! jang.asse 20.) Vortragsordnung: Sonntag, 27. November, Dr. Heinz! Kohn: „Jenseits vom Guten." — Montag, 28. November, Dr. Josef . Jerusalem: „Oesterreichische Verfaffungsgeschichte I." — Dienstag, 29. No- 1 vember, Dr. Hermann Kadisch: „Fortschritt und Armut." — Mittwoch 30. November, Professor Dr. Josef Pollak: „Bau und Verrichtung der Sinneswertzeuge II." — Donnerstag, 1. Dezember, Dr. Karl Lifczis: Armut im Recht II." — Freitag, 2. Dezember, Dr. Arthur Schwarz: „Bibelerklärung." — Sonntag, 3. Dezember: Konzert. Wien. Der theologische Verein der Hörer an der isr.-theol. Lehranstalt veranstaltet Dienstag, den 6. Dezember im Festsaale des Hotels „Central" die Chanukafeier unter Mitwirkung hervorragender Kräfte. Gäste sind willkommen. Wien. Gemilnth Cheffed, Aboda und Thora sind, entsprechend den drei Patriarchen, die Grundpfeiler des Judentums, und diese tunlichst zu stärken und zu stützen, bemüht sich der humanitäre Verein „Machsika Haddaß" (Nestroygasse 4), welcher nach den erwähnten Richtungen ersprießlich wirkt. Namentlich in punkto Wohltätigkeit leistet derselbe in letzter Zeit Hervorragendes, indem er allsabbatlich über 30 Arme, zumeist zugereiste russische Juden, ausgiebig verköstigt, und auch an Wochentagen erhalten dieselben im Vereinslokale früh und abends Tee und Brot. Dieser Verein, unter Leitung des Herrn Komet, verdient daher reichliche Förderung. Wien. Am vorigen Freitag wurde der langjährige Rabbiner der „Spiegelschul" (II.. Hammer Purgstallgasse) im Alter von 85 Jahren zu Grabe getragen. Die Beliebtheit des Verewigten zeigte sich bei der Beerdigung und haben die Herren Rabbiner Fürst und Assessor Baumgarten seine Tugenden beim „Hesped" gebührend hervorgehoben. Das Andenken dieses wahrhaft frommen Mannes sei zum Segen! St. Pölten. Zu einer erhebenden Feier gestaltete sich der Samstag, den 19. d. M. abends im festlich erleuchteten Schießstartsaale staltgefundene zweite diesjährige Bereinsabend unseres jüdischen Literaturvereiues. Wir hatten die Ehre und Freude, Herrn Dr. Julius Max Bach, Rabbiner der israelitischen Kultnsgemeinde Wien, und seine Gemahlin in unserer Mitte zu sehen. Der Verein war Herrn Dr. Bach zu Dank für die Bereitwilligkeit verpflichtet, mit der derselbe einen Vortrag in uneigennützigster Weise zugesagt hatte. Vor einem dichtgedrängten, mit andächtiger Spannung lauschenden Publikum sprach Dr. Bach eine volle Stunde über „Die spanischen Juden nach ihrer Vertreibung aus Spanien." Der Bortrag war von durchsichtiger Klarheit, voll von geistvollen Ideen und neuen Gedanken, zeigte von tiefem Einblick in die Geschichte der spanischen Juden und bot in jeder Beziehung eine glänzende und meisterhafte Leistung. Herzlich waren die Ehrungen, die wir unseren Ehrengästen zu bereiten uns bemühten. Zum Empfange auf dem Bahnhofe hatten sich eingefunden: Der Bereinspräsident Rabbiner Dr. Schächter mit seinem Stellvertreter Siegfried Schwarz; für die Kultusgemeinde: der Vorsteher Karl Frank mit seinem Stellvertreter Samuel Mandl, sowie die Damen Bertha Mandl und Camilla Schwarz, die im Aufträge des Bereinsvorstandes der Frau Dr. Bach einen Blumenstrauß überreichten. Zu Beginn der Sitzung richtete der Vereinspräsident herzliche Worte der Begrüßung an die Gäste und setzte in knappen Zügen den Werdegang des Vereines und seine Ziele auseinander. Hierauf begrüßte Herr Vorsteher Frank namens der israelitischen Kultusgemeinde Herrn Dr. Bach und gedachte der innigen Beziehungen zwischen Gemeinde und Rabbiner. Am Schluffe des mit großem Applaus aufgenommenen Vortrages sprach der Vereinspräsident dem Vortragenden seinen herzlichsten Dank aus. Die Versammlung ließ es sich nun nicht nehmen, dem Gaste eine geradezu stürmische Ovation zu bereiten, die sich erst legte, als Herr Dr. Bach tiefbewegt mit Worten des Dankes erwiderte: Mehr als das Lob, das ihm gezollt wurde, freue ihn die Liebe, die aus den Ehrungen hervorgehe. Nach mehrstündiger Dauer schloß der Präsident den denkwürdigen Vereinsabend mit der erneuten Aufforderung, das Interesse sür den vortrefflichen Verein in weitere Kreise zu tragen und denselben hiedurch in den Stand zu setzen, gesteigerten Anforderungen zu genügen. Karlsbad In unserer Stadt befinden sich einige Judenmüdchen, welche sich in einer gewiß nachahmenswerten Weise recht schöne und ehrenvolle Existenzen geschaffen haben, die für sie vielleicht bis an ihr Lebensende vom größten Nutzen sein werden. Eine Reihe von Karlsbader israel. Mädchen hatten nämlich in den letzten Jahren mit Emsigkeit das Studium fremder Sprachen betrieben, und dieselben haben es soweit gebracht, daß sie die staatlichen Lehrerprüfungen aus der französischen und englischen Sprache, zum Teile sogar mit Auszeichnung abgelegt haben. Den Anfang machte Fräulein Marie Dub, früher in Schlackenwerth, welche nach Ablegung der Staatsprüfung aus der französischen und englischen Sprache an den zwei Karlsbader Bürgerschulen als Lehrerin angestellt wurde. Diesem Fräulein folgten die beiden Fräuleins Hermine Zentner und Flora Steiner nach, von welchen die erstere nunmehr ebenfalls an der Karlsbader Bürgerschule tätig ist; seither hat bereits wieder Fräulein Adele Mayer, eine Schülerin des Fräulein Dub, die Staatsprüfung aus der französischen Sprache abgelegt und ist ebenfalls an der hiesigen Bürgerschule angestellt worden. Alle diese Mädchen sind kaum 20 Jahre alt und haben sich binnen wenigen Jahren durch fleißiges und gründliches Studium fremder Sprachen den Grund zu Existenzen gelegt, welche derzeit Gelegenheit geben, zwischen 200 und 300 K per Monat in einer schönen gesellschaftlichen Stellung zu verdienen. In dieser Zeit, wo leider noch immer bei einer jüdischen Verlobung die erste Frage die ist, wieviel das betreffende Mädchen Mitgift erhält, wird man zngeben müssen, daß sich diese Mädchen in die Lage versetzt haben, über ein Einkommen zu verfügen, das einen größeren Wert hat. als ein Mitgift von vielleicht 50.000 K, und darum ist das Beispiel, welches anderen Mädchen gegeben wurde, sicherlich auch in anderen Städten nachahmenswert. Schüttenhofen. Fräulein Rosa Samek, Tochter unseres beliebten Oberkantors, hat sich mit Herrn S. Sperling, Vertreter der vereinigten deutschen Hartpapier-Werke in Lengefeld in Sachsen, verlobt.

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