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Die Wahrheit · 1904-11-25 · Heft 46 (25.11.1904) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 46 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. Die Wahrheit. Nr. 46. Die Christlich-Sozialen, an ihrer Spitze der omnipotente; Bürgermeister Dr. Lueger, gerieren sich gegenwärtig wohl als! die berufenen Hüter des Oesterreichertums, als die patentierten Patrioten und Schützer des dynastischen Gedankens. Man erinnere sich aber nur, in welcher Weise Lueger und die Seinen Front gegen die höchsten Autoritäten im Staate machten, als der gewählte Bürgermeister vergebens auf die kaiserliche Bestätigung wartete? Wo blieb damals die treue dynastische Gesinnung der Christlich-Sozialen? Worin unterschieden sich damals ihre anmaßenden, provozierenden, aufwieglerischen Reden von jenen, die heute angeblich ihre edelsten Gefühle verletzen? Die Herrschaften spekulieren eben auf das schlechte Gedächtnis der Zeitgenossen und rechnen darauf, daß man längst vergessen habe, wie die Reden der Luegerianer zu jener Zeit nur die Illustration des alten Wortes bedeuteten: „Und der König absolut, wenn er unfern Willen tut." Uebrigens ist es gar nicht notwendig, mit Reminiszenzen zu arbeiten, um die Gesinnungen der Christlich-Sozialen ins rechte Licht zu setzen. Sie verabsäumen ja auch gegenwärtig, sobald es gilt, ihren Willen diktatorisch durchzusetzen, keine Gelegenheit, um sich zu demaskieren. Die Willfährigkeit der Regierung. den Wünschen der Christlich-Sozialen Rechnung zu tragen, hat sich in so zahllosen Fällen dokumentiert, daß nur der bornierteste Optimismus bei den Freisinnigen oder die schnödeste Undankbarkeit der Antisemiten einen Zweifel daran aufkommen lassen könnte, daß die Christlich-Sozialen eigentlich alles dieser Regierung zu danken haben. Aber man sehe, wie sich die Parteihäuptlinge auflehnen, wenn die Regierung nicht sofort Ja und Amen zu sagen gewillt ist, und es den Anschein hat, als ob sie nur zögernd parieren wollte. Das Attentat auf die Schulgesetze ist noch nicht sanktioniert und es ist noch eine leise Hoffnung, daß die Regierung das Attentat abwehren könnte. Drohend erheben sich die Christlich-Sozialen und ihr ebenso fanatischer als berechnender Wortführer Dr. Geßmann hält schon Hetzreden gegen Herrn v. Koerber, die in den Worten gipfeln: „Wir wollen den Minister sehen, der es wagen wird, ein Schulgesetz zu hinter treiben, von dem jede einzelne Bestimmung bereits früher die kaiserliche Sanktion erhalten hat." * * * Herr Dr. Lueger sekundiert ihm wacker. Kann man höhnischer, tückischer gegen Minister losgehen, als er es z. B. kürzlich in einer Massenversammlung mit folgenden Ausführungen tat: „So oft ich Gelegenheit hatte, im Interesse der Stadt Wien, des Landes oder in irgend einem Interesse der kommunalen Verwaltung beim Ministerpräsidenten oder irgend 'einem Minister vorzusprechen, so habe ich immer dort und da Sozialdemokraten angetroffen. Alle Türen stehen den Sozialdemokraten offen, und die befehlen sollten, stehen wie Höflinge da, Höflinge, die sich nicht tiefer bücken können." Die Absicht Luegers und Geßmanns ist klar: Die Minister sollen und müssen sich nur vor ihnen bücken und beugen. . . . Ans der Vergangenheit «nd Gegen- «mrt Ungarifth-Krods. (Fortsetzung.) Mit dem Jahre 1848 trat nicht blos im politischen, sondern auch im kulturellen und religiösen Gebiete ein Wendepunkt ein. Die Revolution hatte hier eine ganze Umwälzung bewirkt, und Gegensätze, die früher unbewußt nebeneinander bestanden, hart aneinandergestoßen. Der Geist der Aufklärung brachte in die Gasse einen neuen, frischen Lufthauch. Die Stürmer wollten ganz mit der Vergangenheit, den veralteten Ideen brechen, die Gemäßigten das Ueberkommene mit dem Modernen vereinen, das jüdische Wissen mit dem allgemeinen verbinden. Alle aber waren vom mächtigen Wissensdrange erfüllt und ernstlich bestrebt, das an sich selbst Versäumte bei den Kindern nachzuholeiw Freudig begrüßte man die aus i n n e r e m, e i g e n e m Antriebe entstandene Volksschule und war bereit, ihr manche alte, die Ordnung störende Sitte zu opfern. Die Broder Kaufleute erhielten auf ihren Geschäftsreisen Kunde von den Reformen, hatten Fühlung mit den Tagesfragen und der Kulturbewegung im Auslande. Viele Aufgeklärte lasen Mendelssohns Schriften und blieben trotz des behördlichen Verbotes Mitglieder des von Philippsohn gegründeten Literaturvereines. Das genannte Gutachten, welches bereits ein modernes Thema, die Anpassung des Hauses an die Schule in schwülstigen Ausdrücken behandelte, brachte gewiß die Stimmung der dem Zeitgeiste sich entgegenkommend zeigenden Majorität zum Ausdruck. Die Schule mußte sowohl ihrem inneren Wesen nach, als auch bezüglich der äußeren Form auf der Höhe der Kultur stehen. Selbst die Talmudgelehrten Brods, Ch. Pollak, Verfasser einer Schrift, w anb der dem in Preßburg zum König von Ungarn gekrönten Kaiser Ferdinand ein hebräisches Gedicht widmete, P. Klein, Ahr. Hirsch, W. Frankl, Ph. M. und A. Singer waren tolerant und bereit, den Anforderungen der Zeit Rechnung, zu tragen. S. Zuckmandl schickte seinen Sohn in das damals eröffnete Seminar, wo er nebst Güdemaun und Perles zu den tüchtigsten Hörern zählte. Blos die Getreidehäudler M, und L. Beck verpönten, getreu dem Vermächtnis ihres Lehrers, das profane Wissen. Die neue Schule, welche diesem im Lehrplaue eine gleiche Stundenzahl wie dem hebräischen einräumte, war ihnen ein Dorn im Auge. Sie dürften die Einführung einer nichtjüdischen Sitte, des Bloßköpsigsitzens, gemißbilligt haben.*) Allein Rabbiner Nascher, der, um nicht als Finsterling und Bildungsfeind zu erscheinen, gegen das Gutachten des Schulaufsehers keinen Einspruch erhob, zwang auch sie zur Nachgiebigkeit oder wenigstens dazu, ihren Ingrimm stillschweigend zurückzuhalten. Er hat sie durch sein freundliches und schmiegsames Wesen entwaffnet, indem er stets wie von Kollegen ihren Rat einholte. Hingegen besaß sein Nachfolger H. Roth nicht diese Lebensklugheit oder widerstrebte es seinem Selbstbewußtsein, sich Laien zu unterordneu, die er durch seinen Scharfsinn selbst auf talmudischem Gebiete überragte. Ohne Rücksicht auf sie hatte er, der tüchtige und hingebungsvolle Schulmann, die Volksschule zu einer vierklassigen ausgestaltet, reiferen Schülern in Gymnasialgegenständen Unterricht erteilen lassen. Beck machte ihn daher für den Rückgang des Talmudstudiums verantwortlich. Bald hernach kam sein ungerechter Haß zum Ausbruch. Als Roth eiust von einer Probepredigl aus Posen zurückkam, begrüßte ihn Beck nicht; Roth stellte ihn deswegen zur Rede. Da schleuderte ihm Beck die Worte ins Gesicht: ..Sie haben ja die Kinder abgeschlachtet!" Dieser unverdiente Vorwurf verletzte Roth, der seine beste Zeit und Kraft der Jugend widmete, so tief, daß er Beck erwiderte: ..Sie verstehen Weizen!" Von diesem Augenbicke an war ihm Beck ein Todfeind, legte ihm mit schleichender Rachsucht auf dem dornenvollen Wege seiner aufreibenden Tätigkeit Schlingen, in die er gelähmt und verwundet fiel. Doch die Reaktion sollte ihres Sieges nicht froh werden. Nicht auf dem Felde der Kultur, sondern auf dem des Kultus wurde der Kampf fortgesetzt, in welchem die Versündigung gegen Roth ihnen heimgezahlt wurde. Aus Roth, der um keinen Preis in der Liturgie eine Aenderuug geduldet hätte, folgte Hoffmann, der dem despotischen Vorsteher Brammer bei alleil Neuerungen in der Synagoge energielos nachgab. Er begann die Reform damit, daß er den Almemor von der Mitte der Synagoge bis vor die heilige Lade rücken und den Kantor im Ornat mit dem Chor vorbeten ließ. Da die alten Gebete unverändert blieben, ließen ihn die Frommen gewähren, zumal L. R. Hirsch den Chorgesang gestattete, den er mehr als Kultussache behandelt wissen wollte. (Fortsetzung; folgt.) *) Ture Sahar zum Orach Chaim 8, 3, zitiert Resp. S. Lurja's, Nr. 72, der das Bedecktsitzen einen chassidäischen Brauch nennt, den die Bolkssitte geheiligt hat. Er beruft sich auch auf Maimon. More 3, 22. Er selbst bezeichnet es als eine Demonstration gegen 'w rpin.

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