Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 46 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46. Seite 11. Die Wahrheit. nationalen, die Zeloten, die Sikarier (Dolchmänner) gewannen > allmählich die Oberhand. Und doch, welcher Respekt noch immer! vor der Wissenschaft und ihren Vertretern, vor den Gotteslehrern und ihren Trägern! Als die Kämpfe innen und außen am heftigsten wüteten, als die wildeste Zügellosigkeit herrschte, da wurde die vermeintliche Leiche des Führers der Friedenspartei, des großen und milden Lehrers R. Jochanan b. Sakkai, von seinen Schülern zum Stadttore gebracht, um hinausgetragen. und angeblich draußen begraben zu werden. Die das Tor besetzt haltenden Zeloten schöpften Argwohn und wollten durch einen Speerstoß m den Sarg sich überzeugen, ob der in demselben liegende Meister wirklich tot sei. Doch die einfache Bemerkung der Schüler, man würde sagen, sie hätten den anerkannten Lehrer Israels gestoßen, genügte, um die wilden, an Mord und Totschlag gewöhnten Krieger vor der Betastung des Sarges abzuhalten, und das Tor wurde geöffnet. Solche Achtung vor der Wissenschaft und ihren Lehrern bekundeten selbst die rohesten und wildesten Elemente des jüdischen Volkes in einer Zeit, wo die größte Anarchie herrschte und ein Menschenleben in dem täglich viele Tausende wegraffenden Kampfe für nichts galt. Aus dem Sarge sich erhebend, begab sich der weitblickende und die Erhaltung des Judentums nach dem unabwendbaren Falle Jerusalems und des Tempels im Auge habende Meister ins römische Lager, wo er vor den Feldherrn und nachmaligen Kaiser Vespasian geführt wurde. Dieser, aus den mit ihm geführten Gesprächen seinen hohen Sinn und seine tiefe Weisheit erkennend, gewährte ihm die Bitte, noch während der vor den Toren Jerusalems wütenden Kämpfe ein Lehrhaus in Jabne (Jamnia) zu errichten und gelehrte Männer und Schüler um sich zu versammeln, um den Inden ihre geistige Güter zu erhalten, wenn auch schon ihre irdischen unrettbar verloren sind. Lehrer und Schüler fanden sich in dem Lehrhanse zu Jabne. ein, um, unberührt vom .Kriegslärm, dem Studium zu obliegen. Ein Beweis, daß wenigstens von den Juden nicht das Sprichwort gilt: Inter arma silent musae! Selbst Titus „der Frevler " soll nach Josefns bei der Eroberung Jerusalems den Befehl gegeben haben, den Tempel zu schonen, und nur der Umstand, daß ein Soldat gegen diesen! Befehl gehandelt und ein brennendes Holzscheit in den Tempel geworfen, trage an dessen Vernichtung die Schuld. Möglich, sogar wahrscheinlich, daß der römerfreundliche Geschichtsschreiber in diesem Punkte die Wahrheit berichtet. Hatte doch schon früher der römische Landpffeger Kumanus bei einer Plünderung jüdischer Dörfer durch römische Soldaten wegen der Ermordung eines römischen Beamten durch Sikarier, einen dieser Soldaten hinrichten lassen, weil er eine von ihm gefundene Thorarolle zerrissen und ins Feuer geworfen hatte. (Altert. 5, 4.) Wie viele Thorarollen sind nun seitdem in Europa, in dem auf seine Kultur, Zivilisation und Humanität stolzen Europa zerrissen, ins Feuer geworfen, oder in den Kot getreten worden, ohne daß dem Frevler und Missetäter ein Haar gekrümmt worden wäre? Wie viele Juden sind mitten in der Zeit des Friedens niedergemetzelt und ermordet worden, ohne daß sie sich geregt hätten, obgleich sie sogar die Herrschaft der Willkür und der Gewalt mit frommer Ergebung in den Willen Gottes ohne Murren und ohne Klage über sich ergehen ließen? Wie viele Synagogen und Bethüuser sind seit der Zerstörung des Tempels auf Moria durch die Römer in dem christlich und zivilisiert gewordenen Europa zerstört und verwüstet worden? Wenn ein heidnischer römischer Soldat keine Achtung vor einer jüdischen Thorarolle hatte, so ist das begreiflich, unbegreiflich aber ist es, wie Leute, die sich Christen nennen, zu Thoraschändern werden können. Und doch wissen wir, daß nicht blos im finsteren Mittelalter die Wut „des christlichen Volkes" immer zu allererst gegen . jüdische Gotteshäuser und Thorarollen sich gerichtet hat. Im z heiligen Rußland ist das erst voriges Jahr geschehen, ohne daß die Schänder des auf dem Sinai geoffenbarten Gesetzes die geringste Strafe getroffen hätte. Und doch nennt sich dieses Rußland nicht allein christlich, sondern sogar orthodox. Das Christentum und besonders das orthodoxe, versagt doch dem „alten Bunde" nicht die Anerkennung als einstige Offenbarung Gottes, wenn es auch denselben durch den „neuen Bund" außer Kraft gesetzt hat! Doch wozu in die Ferne schweifen, um sich zu überzeugen, daß es mit der europäischen Kultur nicht weit her ist. Berichten nicht die Zeitungen tagtäglich von Krawallen und Gewalttätigkeiten, die sich in den Zentren der europäischen Kultur, in Paris wie in Wien, in Prag wie in Berlin zutragen. Und welche Bildungsfeindlichkeit und Mißachtung der Wissenschaft und ihrer Pfiegestätten bekunden immer dieser Krawalle! Zn Prag waren es die deutschen wissenschaftlichen Institute, gegen welche beim Ausbruche nationaler Unruhen die hussitische Zerstörungswut in erster Reihe sich richtete. Und das Gleiche sahen wir vor einigen Tagen wieder in Innsbruck, wo der tnrvr teutonicus gegen eine italienische Lehrstätte nicht minder heftig tobte. In Paris schlügt ein klerikaler Abgeordneter mitten in der Parlamentssitzung einen Minister mit der Faust ins Gesicht, in Berlin predigt ein Dreschflegelgraf die Plünderung und Ausräubung, die Versagung und Totschlagung der Juden auf offener Straße, und in Wien — wer könnte das alles aufzählen, was dort au Brutalitäten, an Roheiten und Gewalttätigkeiten, die alle ein Hohn auf die europäische Kultur sind, geleistet worden ist. Wo sind Recht und Wahrheit, wo Liebe und Gerechtigkeit zu finden, bei welchem Volke und in welchem Laude? Allenthalben nichts als nationaler und sozialer Haß, Kampf und Krieg, von den vor vielen Jahrhunderten verheißenen Segnungen eines Gottesreiches nirgends eine Spur. 8t... Aus der Woche. Die Sprache, die jüngst wieder in den Vertretnngskörpern von immunen Abgeordneten gegen die Dynastie und den Patriotismus geführt wurde, wird in den Herzen aller wahren Oesterreicher ein Gefühl der tiefsten Empörung auslösen. Man wird aber dabei doch auch nicht die Erwägung zurückdrüngen können, daß man derlei Expektorationen vor Jahren einfach für unmöglich gehalten hätte und an diese Erwägung wird sich die I Frage anreihen: Wie ist es denn erklärlich, daß eine solche Verrohung und Verwilderung der parlamentarischen Sitten platzgreifen, wie ist es faßbar, daß ein solcher schamloser, vor nichts zurückschreckender Zynismus kühn das Haupt erheben konnte? Denn dem unbefangenen und ruhigen Beobachter der zeitgenössischen Verhältnisse wird es klar sein, daß die Quelle des Unheiles, in der außerordentlichen Konnivenz der regierenden Kreise gegen den destruktiv und revolutionär wirkenden Antisemitismus zu suchen und zu finden ist. Die Antisemiten haben d'n alle Autorität und alle Rechtsbegriffe untergrabenden Ton ins Parlament gebracht und da man diesen Ton, so lange er gegen die Juden sich richtete, mit Behagen anhörte, hat er sich allmählig das Heimatsrecht erworben und wurde von den oppositionellen Parteimännern schließlich auch dann als passend und zweckdienlich erkannt, wenn es sich nicht um — Juden handelte. * * * Man erinnert sich wohl noch, wie Mechaniker Schneider, einer der Begründer und Führer der christlich-sozialen Partei, von den Päpsten und Bischöfen, von den höchsten Autoritäten der katholischen Kirche sprach, welche infolge ihrer judenfreundlichen Haltung sein Mißfallen erregt hatten. In öffentlichen Sitzungen wurden sie von Ernst Schneider, dem Führer der Christlich-Sozialen und Schützling des Prinzen Alois Liechtenstein, als „Bestochene", als . gekaufte Verräter", als „Inden" *1 und ..Judenftämmlinge' stigmatisiert, und Niemand wagte es, den frechen Agitator in die Schranken zu weisen. Selbst die von dem hohen Klerus inspirierten „katholischen" Blätter verhielten sich schweigend, um nicht den Grimm des Hetzers herauszufordern.