Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 46 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 46. hat und die Absicht hatte, in der heutigen Versammlung sich den Wählern vorzustellen, laut einer eben eingelangten schriftlichen Mitteilung im letzten Momente in Folge schwerer Erkrankung eines Angehörigen am Erscheinen verhindert sei. Dr. Heinrich Schreiber hält eine längere Kandidatenrede, in welcher er die ernsten Fragen der Kultusverwaltung in humorvoller Darstellung behandelt. Unter anderem zollt er den Beamten des Sekretariats der Kultusgemeinde besondere Anerkennung, befürwortet eine Aenderung des Statutes, sowie eine Vermehrung der Zahl der Kultusvorsteher und legt am Schlüsse seiner in Folge Gefälligkeit der Form oft von Beifall begleiteten Rede dem Vorstande besonders ans Herz, den Fall Polna nicht zu vergessen. Herr S. Steiner: ..Der Verein zur Hebung der Gewerbe, welcher nahezu 600 Mitglieder besitzt und dessen Vorstand ich seit seiner Gründung bin, das sind 15 Jahre, hatte die Freundlichkeit, mich als Kandidaten für die bevorstehende Kultuswaht anfznstellen. um in dem Kultusvorstande seine Interessen zu vertreten, und ich glaubte dieser ehrenvollen Aufforderung Folge leisten zu sollen. Es wird vielleicht behauptet werden, daß es im Kultusvorstande keine Interessenvertretung gebe, aber diese Behauptung ist nur teilweise richtig. Richtig ist, vaß es Pflicht des Vorstandes und jedes einzelnen Mitgliedes desselben ist, für die Ehre, den Ruhm und die Achtung des Judentums nach Außen voll und ganz einzustehen, jeden Angriff und jede Schmähung gegen das Judentum mit voller Kraft abzuwehren, und gewiß hat dies der Kultusvorstand bisher getan und wird es auch in Zukunft tun, soweit es in seinen Kräften steht. Nach dieser Richtung gibt es keinen Unterschied, keine verschiedenen Interessen. Anders gestaltet sich jedoch die Frage, wenn wir auf die Verwaltung der Knltusgemeinde unseren Blick werfen, da ist das Bild nicht mehr so einheitlich und kann es auch nicht sein, denn die verschiedenen Ressorts erfordern auch verschiedene Vertreter. In dem großen Haushalt, welchen die Kultusgemeinde repräsentiert, gibt es Agenden, die am besten vom Juristen ausgeführt werden können, andere, die nur durch den Arzt erledigt werden können u. s. w. Wir sehen daher auch in unserem Kultusvorstande tüchtige Juristen, hochgeschätzte Aerzte, bedeutende Finanziers und Kaufleute, erprobte Ingenieure, und Architekten, die alle dem Kultusvorstande zur Zierde gereichen und nicht nur nach Außen zur Würdigung des Judentums, sondern auch im Innern durch ihren Beruf Gelegenheit finden, sich der Gemeinde nützlich zu erweisen, und aus diesem Grunde glaube ich, daß es dem Kultusvorstande sehr zum Vorteile wäre, wenn auch ein oder zwei Vertreter des G ew e rb estandes daselbst Sitz und Stimme hätten. Die Gemeinde besitzt mehrere Gebäude, verwaltet und subventioniert Wohl-, tätigkeitsanstalten, hat Kranken- und Waisenhäuser u. s. w., in allen diesen Häusern und Anstalten ergeben sich während eines Jahres Bedürfnisse für allerlei Handwerker und Gewerbetreibende. Die Art und Weise, wie jedoch diese Arbeiten in Lieferungen vergeben werden, bedarf großer Reformen, denn nur wer sich der Gunst eines Beamten, oder der Protektion eines Höheren erfteut, erhält eine solche Arbeit. Es wäre daher notwendig, bei der Vergebung der Arbeiten derart vorzugehen, wie es bei der Wiener Kommune und bei den Staats ämtern geschieht, nämlich: Durch Ueberreichung schriftlicher, gesiegelter Offerte, die auf Grund eines einheitlichen Kostenvoranfchlages verfaßt und nur in Gegenwart der Offerenten geöffnet werden dürfen. Wenn die Arbeiten und Lieferungen in dieser Weise vergeben werden, dann hätten die Gewerbsleute keine Ursache und auch keinen Grund, sich über den Kultnsvorstand zu beklagen. Sollte ich in den Kultusvorstand gewählt werden, dann würde ich meine Zeit und meine Kraft anfbieten, um mich nach dieser Richtung hin nützlich zu machen. Falls Sie mich also für diese Ehrenstelle eines Kultusvorstandes würdig halten, dann bitte ich Sie bei der Sonntag stattfindenden Wahl um Ihre Stimme." Herr Moritz Baum unterzieht den vorliegenden Rechenschaftsbericht einer scharfen Kritik. Er findet, daß die im Vorjahre angestellten 3 neuen Rabbiner zu wenig beschäftigt sind, tadelt das Taxen- und Trinkgelderwesen bei Trauungen und Leichenbegängnissen, wünscht eine intensivere Mitwirkung der Frauen bei der Armenpflege und befürwortet die Neuanlage des Steuerkatasters, wodurch größere Kreise zur Steuerzahlung herangezogen werden könnten. Präsident Dr. Stern erwidert aus die Ausführungen des Vorredners, daß der Vorstand für alle Anregungen wohl dankbar fei, aber Unrichtigkeiten dürfen nicht behauptet werden. So sei es betreffs der neuen Rabbiner unrichtig, daß dieselben zu wenig beschäftigt sind, da ihnen außer den amtlichen Funktionen auch die Abhaltung von Vorträgen und die Inspektion des Religionsunterrichtes an den Mittelschulen übertragen wurde. Taxen seien in allen Kultnsgemeinden eingeführt und es könne darin nichts Unrechtes erblickt werden, daß Protektionswesen in der Verwaltung der Gemeinde herrsche, stellt der Präsident entschieden in Abrede, vielmehr sei der Vorstand überall bestrebt, jede Protektion hintanzuhalten. Die Herren Hirsch und Löwen dein bringen die vor einiger Zeit durchgeführte Beleuchtungsanlage im Leopoldstädter Tempel zur Sprache und beschweren sich, daß der Kultnsvorstand, resp. das technische Amt bei Vergebung von Arbeiten auf die jüdischen Gewerbetreibenden nicht gebührende Rücksicht nehmen. Baurat Ritter von G o l d s ch m i d t und Präsident Dr. Stern erklären die vorgebrachten Beschwerden für ungerechtfertigt. Letzterer ersucht gleichzeitig den Präsidenten des Gewerbevereines, Herrn S. Brod, an einem der nächsten Tage im Bureau der Knltusgemeinde in die vorliegenden Akten Einsicht zu nehmen und er werde dann gewiß zur Ueberzeugung gelangen, daß der Vorgang bei Vergebung der erwähnten Arbeiten ein vollkommen korrekter war. Diese Erklärung, sowie die hierauf folgenden Ausführungen des Herrn S. Brod, der im Sinne des jüngst veröffentlichten Wahlprogrammes des Gewerbevereines dem Kultusvorstande die vollste Rücksichtnahme auf die jüdischen Gewerbetreibenden ans Herz legt, beruhigen die aufgeregte Stimmung in der Versammlung. Dr. Jakob Kohn will eine vom niederösterreichischen Landesschulrate vor einigen Monaten verfügte Entlassung eines jüdischen Religionsprofessors an einer Wiener Mittelschule zur Sprache bringen. Der Vorsitzende kann die Erörterung dieser streng persönlichen Angelegenheit in öffentlicher Versammlung nicht zulassen. Dies könnte überdies dem Betroffenen nur zum Schaden gereichen, und die Versammlung möge ein mehrgliedriges Komitee wählen, welchem er die vollste Aufklärung zu geben bereit sei. Die Mehrzahl der Anwesenden scheint mit dem Vorschläge einverstanden. Da jedoch der betreffende Religionsprofessor an die Rednerbühne herantritt und es den Anschein gewinnt, als wollte man auch von anderer Seite zu dieser Sache das Wort ergreifen, schließt der Vorsitzende nach 10 Uhr abendsdie Versammlung. Die vielgepriesene europäische Kultur. Keine Wahrheit, keine Liebe nnd keine Gatteserkenntnis (wahre Frömmigkeit) sind im Lande. Hosca 3—1. Jerusalem wurde von den Römern belagert. Die Juden kämpften mit beispiellosem Heldenmute, mit noch nicht dagewesener Todesverachtung für ihr Vaterland, für ihre Freiheit und staatliche Unabhängigkeit, für ihre Religion und ihre Gottestempel gegen den mächtigen Feind, der diese ihre höchsten und heiligsten Güter mit Vernichtung bedrohte. Leider aber gab es auch Kämpfe innerhalb der vom Feinde belagerten und in die größte No: nnd Bedrängnis gebrachten Hauptstadt. Verschiedene Parteien hatten sich gebildet, jede wollte die Leitung haben, es. ent- , standen Kämpfe, blutige Kämpfe. Die Radikalen, die Ultra-