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Die Wahrheit · 1904-11-25 · Heft 46 (25.11.1904) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 46 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46. Die Wahrheit Seite 9. daß sich die politischen Triebe der früher erbitterten Gegner im Sinne des Redners entschieden fortentwickelt hätten. Ein Sympton hiesür wäre die Ehrung gewesen, welche die Wiener Kultusgemeinde den Manen Dr. Herzls erwiesen habe, was eine gerechte Würdigung dieses großen x\ut)eii gewesen sei, der die einzige weitansgreisende und znkunftverheißende Politik für sein geliebtes Volk betrieb und unter der übernlenschlichen Arbeit als Märtyrer der Liebe zu seinen Brüdern zusammenbrach. Trotz dieser günstigen Symptome habe sich Redner bis in die letzte Stunde strikte geweigert, das ihm angebotene Mandat für den Kultusvorstand anzunehmen. Denn die Arbeit sür seinen Beruf und vor allem die Arbeit, die er bekanntermaßen an anderer Stelle zum Wohle des Judentums gewissenhaft betreibe, feien Last genug für seine Kräfte. Wenn er aber in letzter Minute sich doch nmstilnmen ließ, so sei das auf den Uinstand zurückznführen, daß bei der ersten Nennung seines Namens unter den Kandidaten gehässige Verdächtigungen und Verleumdungen gegen ihn entstanden seien, die sich an den Umstand knüpften, daß ihm von der Kultusgemeinde eine in sein Fach schlagende Arbeit, aus der er keinen Vorteil ziehe, übertragen worden sei. Gewohnt, jeder Verdächtigung Aug in Aug entgegenzntreten, habe Redner gerade deshalb seiner Kandidatur zugestimmt, um jedem Gegner Gelegenheit zu geben, seine Anwürfe vor der Oeffentlichkeit vorzubringen. Was sein Programm anbelangt, sagt der Redner, so sei es doch allgemein bekannt. Drei Grnndzüge leiten ihn bei allem seinem Tun: Eine unbegrenzte Liebe zu seinem Volke, aber auch der feste Wille, das Volk in seiner traurigen, schwierigen Lage nicht durch das verderbliche Wohltätigkeltssystem zu betäuben, sondern weiter ausznblicken und die jüdische Frage von einem höheren Gesichtspunkt anzufassen, nicht bloß über den Augenblick hinwegzukommen zu trachten, sondern für eine endlich dauernde Hilfe zu arbeiten, für die Heimatlosen ein Heim, für die Verfolgten eine Zufluchtstätte zu schaffen. Nicht zit klagen und zu moleftiereu. sondern zu arbeiten, sei die Aufgabe der Kultusgemeinde (Ein Ruf aus dem Publikum: Lueger muß aufs schärfste bekämpft werden!) Nein, Lueger bekämpfen zu wollen, ist ein Wahnsinn, denn wir sind Zwerge seiner Macht gegenüber, und jedes Quentchen Kraft, das in diesem ungleichen Kampfe verbraucht wird, ist eine Vergeudung und kann viel besser verwendet werden zu positiver Arbeit für unser armes Volk, besser verwendet werden zur Bekämpfung der Feinde im eigenen Lager der Abtrünnigen und Indifferenten, In diesem Sinne, mit diesen Absichten wolle Kandidat in den Vorstand treten und dort wirken. Er werde einer gegen 35 Auschauungsgegner sein. Er werde nicht durch mechanische Stimmeuangabe wirken können, er hoffe aber durch die Macht der von ihm vertretenen Ideen und Anschauungen den Vorstand zu überzeugen und mit sich fortzureißen. Redner geht sodann in Erörterung von Detailfragen ein. Ueberall fordert er das Eindringen des nationalen Geistes; an Stelle der „Glaubensgemeinschaft" müsse endlich das Volk treten, für das auch an dieser Stätte zu wirken er nun bereit sei. Obwohl durchaus kein Jüngling mehr, will ich es versuchen, im Kultusvorstande die Jugend zu Worte kommen zu lassen. Ein neuer Geist ist es, der ganz Israel erfüllt, er gehört auch in die Kultusstube. Herr Wilhelm Pappenheim ergreift das Wort, um zu sagen, wie er sich die Ausgestaltung der drei Säulen des Judentums, von „Thora, Awoda und Gemilas Chassodim" denke. Richtige Wahl der Religionslehrer der Gemeinde und Ausrollung der Frage des jüdischen Schulwesens wären nötig. Bezüglich „Awoda" stehe Redner auf dem Standpunkte, daß sowohl für konservative Glaubensgenossen, in Bezug auf den Ritus, als für den freisinnigen Teil, durch Hervorkehren des philosophisch-ethischen Inhaltes des Judentums gesorgt werden müsse, §eiT Pappenheim ist weder für eine Ausschaltung der Wohlfahrtseinrichtungen aus der Gemeindeverwaltung, noch für eine die Finanzgebahrung erschütternde Uebertreibung, wie selbe öfter propagiert wird. Weder die Verknöcherung, noch Assimilierung, sondern Hochhaltung der jüdischen Solidarität ohne politisch sein sollende, in Wirklichkeit höchst unpolitische Phrase, Kampf mit modernen Waffen für das uralte Ideal Israels, Glaubenstreue und Pietät, dafür möge eingestanden werden! (Redner wird lebhaft akklamiert.) Dr. Ernst Franz Weist: „In dem Segensspruche über die Thora heißt es: Ascher bochar bonu mikol hoammim wenossan lonu ess taurossau. Unsere Väter haben uns das erklärt und haben gesagt: Merke dir, das „bocharu, das Auserwähltwerden steht vor dem „wenossan“, dem Gegebenwerden der Thora und haben hinzugefügt: als Gott die Juden auserwühlt hatte, hat er sie auserwählt nicht ob ihrer besonderen Verdienste, die sie vor anderen Völkern hätten, sondern ohne Verdienste, und dann hatte er ihnen die Thora gegeben. Er hatte Israel auserwählt, das in einem Jahrtausende währenden Martyrium die höchste Gabe Gottes, die Thora, hochgehalten hat — wenn ich mich des Vergleiches bedienen soll, zu Wasser und zu Lande, in Sturm und Ungewitter, in Feuer und Pulverdampf. Und unwillkürlich erinnere ich mich dessen in dem Augenblicke, da ich, um zu kandidieren, vor Sie hintrete. Wühlt mich aus Hunderten von Mitgliedern Euerer Gemeinde, übertraget auf mich Euer Vertrauen! Warum? Ich habe keine Vorzüge vor den anderen, keine Verdienste, keine Traditionen, nichts als den guten Willen, für das Judentttm zu arbeiten Doch da bescheiden sein, unter Umständen Lump sein heißt — eine n Vorzug habe ich: meine Liebe zum Judentum, aber wohlgemerkt, meine Herren! meine Liebe zum Gesamtjudentum, und dieses Gefühl ist leider tiicht so oft vorzufinden, als vorzufinden sein sollte. Nach einer Erläuterung dieses Satzes fährt Redner fort: Der mächtige Baum des Judentums wurzelt fest auf Religion. Sprache und Nationalität, und bei jeder Bestrebung, welche dahin gehl, diese Wurzeln zu kräftigen, werden Sie mich finden in der Förderung dieser Bestrebung, und bei jedem Versuche, diese Wurzeln zu schädigen, werden Sie mich finden als energischen Gegner» und sei es auch der nächste Parteimann, wenn er nicht anerkennt die Notwendigkeit der Zusammenfassung der Religion, Sprache und Nationalität. Redner spezialisiert sodann seine Stellung bezüglich der Bethausfrage, der Schulfcage und des Armenwesens. Die National-Religion erfordert die Nationalsprache, sie gehören zusammen und lassen sich nicht trennen, und ich erkenne denjenigen nicht als vollwertigen Juden an, der nicht fein Gebet mit Verständnis in der Nationalsprache zu Gott erheben kann. Wenn der Deutsche, Czeche und Pole zu seinem Gotte in lateinischer oder griechischer Sprache betet, hat es nichts auf sich, sie beten nicht zum Gotte ihrer Väter; wenn wir zu unserem Gotte beten, ist es der Gott unserer Väter und zu ihm müssen wir in der Sprache unserer Väter beten. Damit habe ich die Frage der Schule gelöst. — Wir müssen solche Lehrer haben, welche unsere Kinder lehren, mit Verständnis in der Sprache unserer Väter zum Gotte unserer Väter zu beten. Das Armenweseu ist so zutreffend von dem verehrten Vorredner Dr. Fia l la gekennzeichnet worden, daß es wirklich schade um die Zeit wäre, noch viel Worte darüber zu verlieren. — Er hat es mit begeisternder Schärfe auseinandergesetzt: Notwendigkeit der Konzentration der Kontrolle und Dezentralisation der Verteilung. Ich habe nichts hinzuzufügen als die Bemerkung, daß auch dies im jüdischen Geiste geschehen müsse. Wie der Gott unserer Väter rin anderer ist als der Gott anderer Väter, so ist auch das Armenwesen des Juden grundverschieden von dem anderer Völker. — Bei uns gibt es kein Almosen, kein Wohltatenerteilen, bei uns gibt es Zedoko: Gerechtigkeit, und! bei uns gibt es kein Tugendüben, indem man einen armen Bruder unterstützt, bei uns gibt es Mizwoh: Gebot. In diesem Sinne muß das moderne jüdische Armenwesen geschlichtet werden. Das, meine Herren, ist mein Programm. (Lebhafter Beifall.) Vorsitzender Präsident Dr. Stern teilt mit, daß Herr Med. Dr. Isidor Schnabl, der seine Kandidatur angemeldet

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