Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 46 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 8. Die Wahrheit Kultusvorstand Baurat S t i a ß n y: Meine Herren I Seitdem ich zu öffentlichen Aemtern in autonomen Körperschaften durch das Vertrauen meiner Mitbürger berufen wurde, habe ich es stets als meine Pflicht erachtet, einen beständigen Kontakt mit meinen Wählern zu erhalten. Ich habe diese Berührung jederzeit gesucht und sie auch gefunden. Ich kenne die Bedürfnisse unserer Gemeinde genau und habe immer bei meinen Handlungen diesen Bedürfnissen Rechnuttg getragen. Im Verhältnisse zu meiner Gemeinde und zu meinen Wählern halte ich an dem Grundsätze fest: ..Alle Macht geht vom Volke aus." Unter den Fehlern, welche uns Juden anhaften sollen und die uns von unseren Feinden zum Vorwürfe gemacht werden, steht nach Angabe der letzteren am ersten Platze die Solidarität, welche angeblich alle Juden wie ein ehernes Band umfassen soll. Ich wollte, dieser Vorwurf entspräche den Tatsachen. Leider ist kaum eine Spur jenes Gefühls der Zusammengehörigkeit bei uns zu finden, welches, wenn es in Wirklichkeit vorhanden wäre, uns geradezu unüberwindlich machen müßte. Im Gegenteile habe ich gefunden, daß so häufig das Bestreben zutage tritt, die Besten und Edelsten unter uns herabzusetzen und zu verunglimpfen. Diese Tatsache ist nicht neu: denn schon in dem uralten täglichen Gebete sagen wir: welamalschinim al-tehi tikwoh! den Verleumdern werde keine Hoffnung (auf Erfüllung ihrer Absichten) zuteil! Und schon vor zwei Jahrtausenden werden wir vor den lezim, den bösen Spöttern unter uns, eindringlich gewarnt. Welche große, unverwüstliche Kraft unser Volksstamm in sich schließt, das zeigt nicht nur die ansehnliche große Anzahl von Gelehrten und Künstlern, die er hervorbringt, das zeigen nicht nur Kaufleute und Industrielle, die zu den angesehensten in unserer Stadt und im Staate zählen; das beweist insbefonders der Stand der Arbeiter, der Handwerker und Gewerbetreibenden, der uns allen zur Ehre gereicht. In einem unter meiner Leitung vor wenigen Tagen vollendeten, öffentlichen Zwecken gewidmeten Hause, einem Waisenhause, haben sich unter den 50 Firmen und Handwerkern, die -am Bau und an der inneren Einrichtung dieses Hauses mitgewirkt haben, 36 Mitglieder unserer Gemeinde, außerdem fünf Gesellschaften und Gewerkschaften befunden, an deren Spitze Mitglieder unserer Gemeinde stehen und welche harmonisch mit ihren nichtjüdischen Mitarbeitern zusammengewirkt haben. Und demungeachtet, oder richtiger, eben deshalb, kann mit Recht behauptet werden, daß die technische Durchführung dieses Gebäudes zu den besten Arbeiten zählt, welche im Laufe der letzten Jahre zur Ausführung gelangten. (Beifall.) Gestatten Sie mir, mit wenigen Worten einer Institution zu gedenken, welche unter der Patronanz des Kultusvorstandes in unserer Gemeinde besteht, die mir sehr am Herzen gelegen ist und welcher ich, vielleicht nicht ohne Erfolg, viel Zeit und Tätigkeit gewidmet habe. Das jüdische Museum, an dessen Spitze ich seit 10 Jahren zu stehen die Ehre habe, wird, getragen von dem Vertrauen und der Achtung unserer Glaubensgenossen, mit der Zeit zu einem jüdischen National-Museum ausgestaltet werden. Daß -er Aufschwung dieser, idealen Zwecken dienenden Schöpfung langsamer erfolgt, als wir alle wünschen, ist, bei aller Achtung, welche ihm von vielen Seiten in Wien, in Oesterreich und Ungarn und im gebildeten Auslande entgegengebracht wird, auf den Mangel an zureichenden Geldmitteln zurückzuführen, welche ihm zur Verfügung stehen. Es geht eben dem Museum und unseren Handwerkern wie den Juden zu Luthers Zeiten, über welche der große Reformator gesprochen hat: „Du sollst die Juden ehren, aber nicht ernähren." Das jüdische Museum und die jüdischen Handwerker, sie haben zwar viel Ehre, aber nur wenig Geld. Lassen Sie mich nun mit einer Legende aus dem Koran und mst einer Nutzanwendung auf unsere Zeit schließen: Als der Prophet Muhammet auf Befehl Gottes den Aufstieg zum Himmel unternehmen sollte, wurde er von dem Erzengel Gabriel in Mekka abgeholt und in wenigen Minuten nach Nr. 46. Jerusalem und auf den Berg Moria gebracht. Dort setzte sich Muhammet von der weiten Fahrt ermüdet, an jenem Steine nieder, auf welchem Abraham die Opferung seines Sohnes Isaak vornehmen sollte und auf welchem das Opfer des Widders vollzogen wurde. Es ist dies derselbe Stein, welcher nach jüdischer Legende als der Mittelpunkt des Weltalls gilt und der noch bis zum heutigen Tage als gefeiertes Heiligtum inmitten der Lubb6t-68-8aollra, des Felsendomes sich befindet. Und der Stein wtch zurück und zeigt bis zum heutigen Tage den Eindruck, welchen der Körper des Propheten an ihm hervorgebracht. Als dann der Prophet, die Rechte mit dem Stein stützend, zwischen den Flügeln des Erzengels Platz genommen, da verursachte der Griff feiner Hand so deutliche Spuren an demselben Steine, daß sie noch bis zum heutigen Tage dem Auge des Gläubigen sichtbar geblieben sind. — — So, meine sehr geehrten Herren, muß auch die Anwesenheit und die Tätigkeit des Kultusvorstandes dieser großen Gemeinde, einer Gemeinde, in der so viel Bildung und Wissen und Schaffenskraft vorhanden ist, wohltätige und nachhaltige Spuren zurücklassen, welche noch späte Geschlechter dankend betrachten werden Wenn Sie, meine Herren, mir neuerdings Ihr Vertrauen zuwenden wollen, so wird mich dies mit Dank erfüllen und mir zur Ehre und zur Freude gereichen." (Beifall.) Dr. Hermann Fialla verliest namens des vereinigten Wahlkomitees das an anderer Stelle miedergegebene Wahlprogramm und erörtert dasselbe in längerer, geistvoller und vielfach von stürmischem Beifall unterbrochener Ausführung. Namentlich die eingehende Begründung des 10. Programmpnnktes fand in der Versammlung den lebhaftesten Anklang. Vorsitzender Präsident Dr. Stern sieht das vorgetragene Wahlprogramm auch als Appell an den Vorstand an und wünscht, daß dasselbe in einer offiziellen Eingabe an den Kultusvorstand geleitet werde. Einige der aufgestellten Forderungen seien bereits erfüllt, rücksichtlich anderer die Erfüllung in Vorbereitung und auch die übrigen Programmpunkte würden gewiß vom Vorstande in ernste Erwägung gezogen werden. Kais. Rat-Wilhelm- Auninger verliest als Obmann des vereinigten Wahlkomitees ein an ihn gelangtes Schreiben des Herrn Salo Landau, in welchem Letzterer sein Nichterscheinen in der Versammlung durch Unwohlsein entschuldigt und seine Bewerbung um ein Mandat in den Kultusvorstand anmeldet. Kais. Rat Leopold Sachs, überaus sympathisch begrüßt, bewirbt sich gleichfalls um die Wahl in den Kultusvorstand, da er von dem lebhaften Wunsche erfüllt ist, den Interessen der Glaubensgemeinschaft zu dienen. Er sei Wiener und Jude mit Leib und Seele und halte es für notwendig, den Jndifferentismus zu bannen, die Felonie chuz lemachane mit aller Energie zu bekämpfen und die Teilnahme an den religiösen Institutionen zu erwecken. Mit dem Programme des Wahlkomitees erklärt sich Redner vollkommen einverstanden und er ist auch überzeugt, daß dasselbe auch beim Kultusvorstande vollste Berücksichtigung finden werde. Die Tätigkeit eines Kultusvorstandes beschränkt sich eigentlich auf Tauroh, Awaudoh und Zedokoh, aber trotzdem er nur eine Verwaltungskörperschaft ist, muß er dennoch, besonders unter den heutigen Verhältnissen auch allgemeine Interessen des Judentums vertreten. Dazu braucht er Männer, die unabhängig nach oben und unten sind, Männer, die handeln und nicht blos versprechen. Wenn die Wähler der Ansicht sind, daß Redner zu diesen Männern gehört, dann bittet er, ihm ein Mandat in den Vorstand zu übertragen. (Allgemeiner, lebhafter Beifall.) Hierauf ergreift, beifällig begrüßt, Herr Architekt Oskar Marmorek das Wort zu folgenden Ausführungen: Die Taten der jüdischen Gesellschaft in letzter Zeit und die Reden des heutigen Abends enthielten viel von jenem gut jüdischen, gut nationalen Geiste, den Redner aus vollem Herzen wünsche und begrüße. Seine und der Versammlung Ideen seien einander näher gekommen und da des Redners politischer Standpunkt unbeugsam und unverrückbar sei, so konstatiere er mit Genugtuung,