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Die Wahrheit · 1904-11-25 · Heft 46 (25.11.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 46 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 46. Die Wahrheit Leite 7. Wiederwahl mit Ihrem Vertrauen' beehren sollten, es mir angelegen sein -lassen, im selben' Sinne wie bisher im Interesse unserer Gemeinde Weiler zu arbeiten.". (Lebhafter Beifall.) Kultusvorsteher Herr Emil H ö r n e r: ..Vor sechs Jahren wurde ich zum ersten Male in den Kultusvorstand berufen und vielleicht hatte ich-damals meine Wahl 'dem Umstande zu verdanken, daß Ihnen meine mannigfache Fürsorge für die Interessen unserer bedrängten Glaubensgenossen nicht unbekannt geblieben ist. Ein besonderes Programm zu entwickeln, glaube ich enthoben zu sein, es liegt in meiner Vergangenheit, in meiner bisherigen Tätigkeit, und ich werde auch in Zukunft bestrebt sein, wann und wo sich mir Gelegenheit bietet, für die Armen und Bedrängten einzutreten. Ich bin gewohnt, meine Stelle überall auszufüllen und hoffe auch als Kultusvorsteher meiner Pflicht in vollstem Maße nachgekommen zu sein. Wenn Sie, meine Herren, ebenfalls dieser Ansicht sind, dann bitte ich, mir Ihr Vertrauen durch eine Wiederwahl neuerlich zu bekunden." (Lebhafter Beifall.) Kultusvorsteher Sigmund K a u d e r s : „Vor zwei Zähren hatten Sie die Güte, mir Ihr Vertrauen zuzuwenden und mich zum Kultusvorstand zu wählen, es war dies eine Ehre, die nichr hoch genug anzuschlagen ist. Ich halte es nämlich für die höchste Ehre, die einem Glaubensgenossen zukommen kann, wenn er als Mitglied des Kultusvorftandes der altehrwürdigen israelitischen Kultusgemeinde Wien von seinen Glaubensgenossen gewählt erscheint.. Ich will Ihnen nun in Kürze mitteilen, was ich während der. zwei Jahre geleistet und gewirkt habe. Ich habe vor allem anderen vor zwei Jahren gerade an dieser Stelle den Wunsch ausgesprochen, es möge eine Erweiterung der Befugnisse der Bezirkskommission seitens des Vorstandes bewilligt werden, nun ist es mir gelungen, unter Mithilfe des löblichen Präsidiums und unter besonderer Mithilfe des Herrn Ritter v. Taussig es durchzusetzen, daß diese Erweiterung der Agenden der Bezirkskommission wirklich stattgefunden hat und wirken diese Bezirkskommissionen schon zum Segen der Gemeinde ganz vorzüglich und unterstützen damit den Vorstand in ausgiebiger Weise. Mein Bestreben war und wird es zu jeder Zeit sein, unseren braven Tempelvereinen, wo und wie es nur immer sein kann, den tatkräftigsten Beistand zu leisten, und tue ich dies auch im Vorstand, so weit es nur irgend möglich ist. Ich wurde von meinen Kollegen in die Kommission H, Friedhofsachen, gewählt und habe dort einige kleine Verbesserungen angestrebt und glaube ich, daß es speziell int Friedhofswesen schon um vieles besser geworden ist. Ich wurde auch anstatt des sel. Vorstand v. Mieses in die Kommission I (Kultus) von meinen Kollegen entsendet und wirke auch da als konservativer Jude im konservativen Sinne. Ferner gehöre ich noch als Mitglied zwei Komitees an, dem Mikwah-Komitee und dem Fleisch-Komitee; im Mikwah- Komitee habe ich es soweit durchgesetzt, daß wir daran sind, ein anständiges Badehaus zu errichten, doch sind die Beschlüsse noch nicht definitiv gefaßt. Im Fleisch-Komitee konnte ich, da ich nur ganz kurz demselben angehöre, noch wenig leisten, doch verspreche ich Ihnen, wenn Sie mir Ihr wertes Vertrauen ferner zuwenden wollen, auch da fleißig zu arbeiten, um etwas Ersprießliches zu erwirken. Selbst die radikalsten Mitglieder unserer ehrwürdigen Gemeinde geben zu, daß es bei uns besser geworden und dies allein ist ein Zeichen, daß mit neuem Geist in der Kultusstube gearbeitet wird. Ich bin Jude durch und durch, hänge mit jeder Faser an meinem Glauben und an meinem Volke. Mein konservatives Programm ist noch nicht erschöpft, doch hoffe ich nach und nach damit zu neuen befriedigenden Resultaten zu kommen. Wenn Ihnen dies, meine Verehrten, genügt und wenn Sie mit meinen wenigen Leistungen während der zwei Jahre zufrieden, dann schenken Sie mir wieder Ihr wertes Vertrauen." Kultusvorsteher D r. M a rku s S pi tz e r bekennt sich zu dem Grundsätze, daß das Judentum entweder konservativ oder gar nicht fein werde. In früheren Zeiten war jedes Familienhaus eine feste Burg des Glaubens und kein unjüdischer Geist konnte in das durch tiefe Religiosität geweihte Familienleben eindringen. Gegenwärtig zeigen viele Häuser Risse und Sprünge und wenn die alten priesterlichen Funktionen noch fortdauerten, würde man oft den Ausruf vernehmen „fürwahr ein Schaden ist sichtbar geworden am Hause". Mit gerechtem Stolze konnte man emporblicken zu den Palästen der Reichen, in denen das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu ihrem Volksstamme lebendig war, welche das Emporblühen der jüdischen Wissenschaft kräftigst förderten, den Trägern derselben Verehrung zollten, ein warmes Herz für die armen bedrängten Glaubensbrüder hatten und ihren Einfluß, ihre Beziehungen, ihre Macht in den Dienst des Judentums stellten. Die meisten dieser Paläste sind versch»runden und oft zeugt nicht eine einzige Säule mehr von vergangener Herrlichkeit. In allen Gesellschaftsklassen gab es Männer, welche sich mit dem Studium der jüdischen Lehre befaßten, sich in dieselbe vertieften und mit freudiger Begeisterung für die Verbreitung in den weitesten Kreisen sorgten. Heute ist diese Quelle steter Verjüngung fast gänzlich versiegt: die jüdische Wissenschaft, statt Gemeingut Aller zu sein, ist ein fachtlnd berufsmäßiges Wissen geworden. Und so sind die öffentlichen Institutionen der Gemeinden, Unterricht-, Kultus-, Wohltätigkeis- Anstalten, die letzten Bollwerke des Judentums, welche in wahrhaft jüdisch-traditionellem Geiste geleitet und entwickelt werden müssen und in denen kein fremdes Feuer unterhalten werden darf. Der Religionsunterricht soll nicht allein das trockene Wissen vermitteln, sondern die Jugend mit Begeisterung für den angestammten Glauben erfüllen. Der Gottesdienst soll nicht nur die Andacht erwecken, sondern das Bewußtsein der Solidarität mit allen Juden auf dem Erdenrunde stärken, uns unsere große Vergangenheit stets vor Augen führen, die Muttersprache des jüdischen Stammes wach und lebendig erhalten. Die Wohltätigkeits-Anstalten sollen wahre Stätten der reinen Menschenliebe, der echten Humanität sein. Nach einem kurzen Rückblick auf seine in diesem Geiste erfolgte öffentliche Wirksamkeit wendet sich Redner der Besprechung der erhabenen Aufgaben und Bestrebungen des Judentums in Vergangenheit und Zukunft zu, an welchen alle jüdischen Gemeinden, unsere herrliche Muttergemeinde tonangebend und vorausschreitend, mitzuwirken berufen sind. Die intereffante Tatsache, daß die Bäume im Walde, welche hart aneinander grenzen, schlank emporgewachsen und ihre Wipfel hoch erheben, während die Bäume in der Ebene gewöhnlich ihre Zweige zur Erde senken, findet ihre naturwissenschaftliche Erklärung darin, daß in jedem Wesen der Trieb lebendig ist, sich den Bedingungen der größtmöglichen Entfaltung und Vervollkommnung anzupassen. Nachdem nun die Bäume im Walde sich gegenseitig Luft und Licht benehmen, streben dieselben nach oben, um dort diese Lebenselemente aufzunehmen. Auch die Juden sind seit Jahrtausenden, seitdem sie ihre Wanderung durch die Geschichte angetreten, von den anderen Völkern enge umschlossen, die ihre Lebens-Ausgabe darin suchten, ihnen Licht und Luft zu entziehen. Da hat das jüdische Volk zit allen Zeiten seinen Blick nach oben gerichtet, hat emporgestrebt zu den höchsten Idealen der Menschheit und sich aus den Niederungen eines trüben Daseins zu den Höhen der Begeisterung für unsere erhabenen Lehren, aus deren reichen, unerschöpflichen Inhalte ihnen Trost und immer neue Kraft zuströmte, emporgerungen. Aufrechten Ganges und erhobenen Hauptes haben sie allem Ungemach, allen Drangsalen, allen Stürmen Trotz geboten, und so ist unsere Vergangenheit die stärkste, glänzendste Bürgschaft der fernsten Zukunst. Zum Schluffe bemerkte Redner, daß er sich glücklich schätzen werde, in seinen Gedanken und Anschauungen einig zu sein mit seinen geehrten Wählern, daß diese Uebereinstimmung ihn anspornen werde, auf dem betretenen Wege richtig vorwärts zu schreiten und so erbittet er sich deren Vertrauen für die Zukunft. (Allgemeiner, lebhafter Beifall.)

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