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Die Wahrheit · 1904-11-25 · Heft 46 (25.11.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 46 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Warhheit Nr. 46. HLltnisse, tatsächlich an diese Reduktion hätte schreiten müssen. Durch die munifizente Spende des Freiherrn von Rothschild sind wir dieser Sorge enthoben. (Bravo!) Der Kultusvorstand hat das allerwärmste Dankschreiben an Baron Nathaniel Rothschild gerichtet und es gebührt ihm auch der vollste allerherzlichste Dank. (Bravo!) Diese Kundgebung wäre eine unvollständige, wenn wir hiebei nicht auch jener Männer gedenken würden, welche diese Spende veranlaßt haben, indem sie Baron Rothschild auf die bezüglich des Spirales bestehenden finanziellen Schwierigkeiten aufmerksam machten: es sind dies der Hofrat und Spitals-Direktor Professor Oser und unser Vorstands-Kollege Horner, der nun zur Wiederwahl gelangen soll und heute das Wort ergreifen wird, um Ihnen einiges über seine Tätigkeit mitzuteilen. (Beifall.) Und nun zum Schlüsse ein letztes Ereignis aus den letzten Tagen. Vor wenigen Tagen waren, wir in der glücklichen Lage, ein zweites jüdisches Mädchen-Waisenhalls zu eröffnen, durch eine letztwillige Zuwendung der Frau Lea Merores Jtzeles, welche Spende der vorerwähnten gleichkommt. — So ist denn die Klage über die in den letzten Jahren zu verzeichnende Abnahme an Stiftungen und Widmungen heute gegenstandslos geworden. Noch einen Punkt möchte ich berichtigen: es findet sich in dem Berichte auch die Erwähnung, daß die israelitische Kultusgemeinde bisher ein Knabeu-Waisenhaus nicht besitzt. Das ist richtig. Die Kultusgemeinde als solche besitzt ein Knaben-Waisenhaus nicht; wohl aber ist es bekannt, daß durch einen ausgezeichneten Wohltäter in unserer Gemeinde ein solchesMnaben- Waisenhaus nicht nur gestiftet und errichtet wurde, sondern auch vollständig aus den eigenen Mitteln dieses Wohltäters erhalten wird und daß dieses Waisenhaus mehr als 50 jüdischen Knaben Aufnahme gewährt; der Name dieses Wohltäters ist Ihnen allen bekannt: es ist Herr Baron Gustav Springer. Das sind die Daten, mit welchen ich den Rechenschafts- Bericht zu ergänzen, mir erlauben wollte." (Lebhafter Beifall.) Hierauf erteilt der Vorsitzende den zur Wiederwahl kandidierenden Vorstandsmitgliedern das Wort: Baurat Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t: „Hochgeehrte Versammlung! Es sind 18 Jahre verflossen, seit ich zum erstenmale die Ehre hatte, vor Sie hinzutreten und um Ihre Stimme in den Kultusrat zu bitten. Ich wurde damals in den Vorstand gewählt und seither wiederholt mit Ihrem Vertrauen bedacht. Es obliegt mir daher zunächst die angenehme, erfreuliche Pflicht, Ihnen für das fortgesetzte Vertrauen verbindlichen, aufrichtigen Dank zu sagen. (Bravo!) Und gerade dieses Vertrauen, das sie mir durch fortgesetzte Wahl angedeihen ließen, gibt mir den Mut, heute, nach 18jähriger Erfahrung, an dieser Stätte vor Sie hinzutrelen und um Ihre Stimme zu bitten. (Bravo!) Wenn wir einen Rückblick werfen, auf die Wandlungen in Wien und aus die Wandlungen in der Wiener Kultusgemeinde, so ist es naturgemäß, daß wir auf die Verhältnisse der Kultusgemeinde im Jahre 1888/89 im Vergleiche zur heutigen Situation derselben zurückkommen. Damals hatte das Wiener Gemeindegebiet noch geringeren Umfang und erst zwei Jahre später wurde durch Einverleibung der Vororte Groß-Wien und damit auch die große Wiener Judengemeinde kreiert. Aus dieser Tatsache ergab sich ganz naturgemäß die Richtung, in welcher der Kultusvorstand in den nächsten Jahren zu arbeiten hatte. Es mußte aus der kleinen Kultusgemeinde ein großes Gemeinwesen werden und entsprechend diesem größeren Umfange, mußte auch die ganze Administration umgestaltet und erweitert werden. Alsbald nach meinem Eintritte in den Kultusvorstand wurde ich in das Vertreter-Kollegium und zum Obmann der Sektion für Armenwesen und Wohltätigkeit berufen. Damals hatten wir zur direkten Verteilung an Arme per Jahr fl. 4000 zur Verfügung und ein oder zwei Jahre später fl. 8000, während heute für dieselbe Rubrik in unserem Budget K 88.000 eingestellt erscheinen. Diese Ziffern mögen Ihnen klarstellen, in welcher Weise unsere Aufgaben gewachsen sind. Die Armenfrage war damals für diejenigen, die sich damit zu befassen hatten, umso schwieriger, nicht nur weil die Mittel nicht ausreichten — die werden eigentlich nie ausreichen, um der Armut tatkräftig zu steuern — sondern weil die Basis zur Feststellung der Dürftigkeit und Würdigkeit der Bittsteller nicht vorhanden war. Man ließ damals allerdings mehr das Gemüt wirken, aber ein Armenkataster, Recherchen bezüglich der Armen nach systematischer Methode waren nicht vorhanden, und es ist dem Kultusvorstande zu danken, einen ausgezeichneten, leider seither Heimgegangenen Beamten berufen zu haben, der einen Armenkataster kreiert hat, welcher heute noch als Ausgangspunkt für unsere Verteilungen dient. Eine der ersten Arbeiten der damaligen Armen-Sektion war die Einberufung einer General-Armen-Enquste, in welcher sämtliche Fragen, welche das Armenwesen in weitestem Umfange betreffen, beraten werden sollten. Ein unmittelbarer Ausfluß dieser Enquete war die Kreierung des „Verbandes zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen." Aus dem statistischen Material, betreffend diesen Verband, möchte ich nur anführen, daß im abgelaufenen Jahre aus den Mitteln desselben 700 Wöchnerinnen unterstützt wurden, und daß 13 Frauen-Wohltätigkeitsvereine und die Kultusgemeinde selbst hiezu Beiträge leisten. Mit besonderem Danke und in höchster Anerkennung möge es hier verkündet werden, daß 120 Damen tatkräftig an der Linderung der obwaltenden traurigen Verhältnisse Mitwirken, indem sie sich persönlich in den Samariterdienst des Verbandes stellen. — (Bravo!) Traurig ist es, zu konstatieren, daß nahezu der vierte Teil der jüdischen Wöchnerinnen Wiens vom Verbände unterstützt wird, diese demnach nicht in der Lage sind, die mit dem Wochenbette verbundenen Kosten aus eigenen Mitteln zu bestreiten. Gestatten Sie mir, hier festzustellen, daß die Organisation dieses Verbandes mir obgelegen war". Redner geht sodann auf seine Tätigkeit in organisatorischen und finanziellen Fragen, sowie auf dem Gebiete des Friedhof- Ressorts, dessen Leitung, ihm vor zwei Jahren übertragen wurde, über und schließt mit-folgenden Worten: ' " ' „Meine hochgeehrten Herren! Wenn Sie geneigt sind, meinen Ausführungen geneigte Zustimmung zu schenken, so gestehe ich, daß ich mich kräftig genug fühle, ein neues Mandat in unserer Gemeinde zu übernehmen. Ich will keine Versprechungen machen, in meinen Jahren ändert man sich nicht mehr; ich will aber in jenem Geiste, in welchem ich zu arbeiten gewohnt war, und zur Erzielung jener hohen Zwecke, die ich mir immer vor Augen gehalten habe, weiter zu wirken mich bestreben, auf Grund meiner Erfahrungen, nach bestem Willen und nach bestem Können, in unverbrüchlicher Treue im Herzen und Gemüte für die jüdische Sache, eingedenk jener Traditionen, in welchen mein in Gott ruhender Bruder und mein ausgezeichneter Vater durch eine Periode von fünfzig Jahren an dieser Stätte gewirkt haben. In diesem Sinne stelle ich mich Ihnen zur Verfügung." (Langandauernder Beifall.) Kais. Rat Hirsch (mit lebhaftem Beifall begrüßt): „Ich danke den Herren für den freundlichen Empfang. Ich gehöre seit dem Jahre 1896 dem Vorstande der Kultusgemeinde an und darf wohl annehmen, daß Ihnen meine Tätigkeit, welche hauptsächlich auf die Ordnung unserer Gemeindefinanzen gerichtet ist, nicht fremd sei. Wie ich diese Aufgabe zur Ausführung zu bringen trachte, ersehen Sie aus dem Ihnen zugekommenen Rechenschaftsberichte, aus den jährlichen Voranschlägen und Rechnungsabschlüssen. Ich kann mit Genugtuung konstatieren, daß es mir mit Hilfe meiner sehr verehrten Kollegen im Vorstande gelungen ist, im großen und ganzen das Gleichgewicht im Haushalte der Gemeinde herzustellen, und daß, wenn nicht besondere Anforderungen an uns herantreteu, die Hoffnung besteht, daß dieses Gleichgewicht auch erhalten bleibe und wir nicht mehr wie stüher bemüßigt sein werden, Schulden zu kontrahieren. Durch das Vertrauen meiner Herren Kollegen seit mehreren Jahren Mitglied des Vertreter-Kollegiums, bin ich anfangs dieses Jahres zum zweiten Vizepräsidenten der Kultusgemeinde gewählt worden. Ich werde, falls Sie mich durch eine

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