Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 46 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 46. Führer und Anwälte an die Spitze unserer ehrwürdigen Gemeinde, — der ersten Kultusgemeinde Mitteleuropas — gestellt sind, daß sie unter ausnahmsloser Wahrung der Würde dieser ihrer Stellung in ihrer Amts-, wie in ihrer Lebensführung das allmählig schwindende Solidaritätsgefühl mit aneiferndem Beispiele wecken und durch Bekennen und Betätigung ihres jüdischen Gemeingesühles die nur allzu dringend erforderliche Widerstandskraft unserer von außen vielfach bedrohten Gemeinschaft stärken und fördern. 3. Auf dem Gebiete der Verwaltung unserer Gemeinde wollen wir die Leistungen für Kultuszwecke und in Wohltätigkeits-Angelegenheiten in weise Ueberemstimmung gebracht sehen mit den ökonomischen Bedingungen, von welchen die dauernde A u f r e ch t h a l t u n g eines geordneten Gemeindehaushaltes abhängig erscheint. 4. Jnsoferne jedoch anerkannt werden muß, daß die an die Gemeinde auf allen Gebieten herantretenden gerechten Ansprüche in stetiger Zunahme und Steigerung anwachsen, könnte und soll unseres Erachtens für die Befriedigung dieser Mehrbedürfnisse unter anderem auch dadurch vorgesorgt werden, daß die Veranlagung der Kult ns st euer, welche derzeit lediglich auf dem diskretionären Gutdünken der Schätzungskommissionen, somit auf schwankender und unzulänglicher Grundlage beruht, auf b e st i m m t e N o r m e n und Prinzipien g e st ü tz t w e r d e, durch welche unter wesentlicher Erhöhung ihres Gesamteffektes deren gerechtere Verteilung erzielt werden würde. Hierbei wäre behufs Erweiterung des Wahlrechtes die Festsetzung des obligatorischen Steuerminimums auf zehn Kronen ins Auge zu fassen. 5. Durch eine derartige Besserung des Einnahmenbudgets erschiene zugleich die ernstlichst anznstrebende Möglichkeit nähergerückt, den in unserer Gemeinde segensreich wirkenden, der privaten und opferwilligen Initiative unserer Glaubensgenossen zu verdankenden Tempelvereinen jene ausgiebigen und nach bestimmten gerechten Normen zu regelnden Subventionen und jene Erweiterungen ihres amtlichen Wirkungskreises zuzuwenden, deren sie behufs sicherer Durchführung ihrer Aufgaben und Zwecke, welche zugleich eine Entlastung der Pflichten uub Leistungen der Gemeinde in sich schließen, ebenso würdig als bedürftig sind. 6. Das an sich wertvolle, neu geschaffene Institut der Bezirkskommissionen erscheint uns angesichts seiner Leistungsfähigkeit und allenthalben vorhandenen Leistnngswilligkeit für eine erhöhte und vielseitigere Inanspruchnahme, insbesondere im Dienste der Armenpflege und Waisenfürsorge im Sinne einer Zentralisierung der Kontrolle und Dezentralisierung der Handbeteilung geeignet und empfehlenswert. 7. Wir verlangen eine jederzeitige fürsorgliche Förderung und Rücksichtnahme auf die durch den feindlichen Boykott und die ihm nachgefolgte Kreditentziehung schwer geschädigten jüdischen Handiverker und Gewerbetreibenden, deren Geschäftsführung und Leistungen im allgemeinen als einwandfrei anerkannt sind, — sowie bei Vergebung öffentlicher Arbeiten und Lieferungen der Gemeinde die Ermöglichung eines allgemeinen Wettbewerbes der jüdischen Interessenten mit Ausschluß jedweder privaten Begünstigung. 8. Als selbstverständlich hat zu gelten, daß jedes Mitglied des Vorstandes während der Dauer seiner Funktion von auf Gewinn abzielenden Geschäftsverbindungen mit der Gemeinde ausgeschlossen ist. 9. Im Interesse der unmittelbaren Anteilnahme eines jeden Vorstandsmitgliedes an allen Agenden der Gemeinde, deren großer Teil gemäß der Geschäftsorganisation der Entscheidung des Vertreter-Kollegiums verbehalten ist, erscheint es wünschenswert, daß die Sitzungen dieses Kollegiums den übrigen Vorstandsmitgliedern als Zuhörern zugänglich gemacht werden. 10. Mit Bedauern registrieren wir die Richtigkeit des in dem für die Jahre 1902 und 1903 erstatteten und soeben den Wählern mitgeteilten Rechenschaftsberichte enthaltenen Zugeständnisses des Vorstandes, daß der derzeitige Religionsunterricht in seinem Erfolge „selbst den berechtigten Anforderungen Vieler nicht entspricht." Mit desto größerem Befremden verzeichnen wir dieser Tatsache gegenüber die weitere Mitteilung eben dieses Rechenschaftsberichtes, daß der im Jahre 1800 an der Wiener Israelitisch-Theologischen Lehranstalt geschaffene Religionslehrer - Bildungskurs im Jahre 1903 „zu Ende" gegangen ist, ohne daß für einen angemessenen Ersatz Vorsorge getroffen worden wäre. Indem in Uebereinstimmung hiermit der jüngst erschienene Jahresbericht des genannten Seminars die weitergehende Eröffnung darbietet, daß die Israelitisch-Theologische Lehranstalt es mit ..freudiger Genugtuung" verzeichnet, von dem „mißglückten Versuche" der Anglieder u n g einer „P r ä p a r a n d i e für R e l i g i o n s l e h r e r" an ihre nur der Heranbildung „moderner Rabbin e n" dienenden Anstalt b e f r e i t z u s e i n, — erklären wir es als eine dringliche und unaufschiebbare, im Interesse unserer nachwachsenden Generation tief begründete Forderung, daß der Kultusvorstand behufs Schaffung und berufsmäßiger Heranbildung der für den Religionsunterricht an unseren Volks- und Bürgerschulen derzeit und in Hinkunft erforderlichen und den umfassenden Ansprüchen der Eltern und des Lehrplanes vollkommen entsprechenden, fachlich und pädagogisch auf der Höhe der Zeit stehenden Lehrkräfte ohne Verzug an die Gründung einer jüdischen R e l i g i o n s l e h r e r - B i l d n n g s a n st a l t schreite, wie deren mehrere schon seit Jahren in Deutschland und Ungarn mit größtem Erfolge tätig sind. Hierbei bleibt es der Erwägung des Kultnsvorstandes Vorbehalten, wegen Aufteilung der mit dieser Neuschöpfung verbundenen Kosten mit den größeren, an dieser Anstalt zu interessierenden Kultusgemeinden des Reiches und mit diesem selbst das geeignete Einvernehmen zu Pflegen. Kandidatenliste: I. Für die Neuwahlen mit sechsjähriger Funktionsdauer (weißer Stimmzettel) 1. Theodor Kitter von Goldschmidt, k. k. Baurat, 1., Kärntnerring 15. 2. Sigmund Rauders, Weingroßhändler, XI., Hauptstraße 80. 3. Morih Hirsch, kais. Rat, I., Reichsratsstraße I. 4. Phit. gnd Jur. De Marcus Spiher, Hof- und Gerichtsadvokat, II., Ob. Donaustraße 28. 5. Entil Horner, Prokurist des Hauses S. M. v. Rothschild, H., Praterstraße 47. 6. Wilhelm Stiahny, k. k. Baurat, I., Krugerstraße 8. 7. Oscar Mnrmorek Architekt, IX., Maximilianplatz 4—5. 8. Salo Landau, Realitätenbesitzer, IX., Ferstelgasse 4. II. Für die Ersatzwahl mit vierjähriger Mandatsdauer (blauer Stimmzettel) 1. Leopold Sachs, kais. Rat, Prokurist, I., Augustinerstraße 4. HI. Für die Ersatzwahl mit zweijähriger Funttionsdauer (grüner Stimmzettel) 1. Dr. Jstdvr Schnabl, prakt. Arzt, IX., Liechtensteinstraße 11. Das vereinigte Wahlkomitee für die israelit. - Kultus gemein dem ah len 1904: Kaiserl. Rat Wilhelm Anninger Präsident.