Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 45 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 45. Die Wahrheit Leite 5. Der Hirtenbrief nimmt entschieden Stellung gegen die nationale Unduldsamkeit, durch die auch die „Los von Rom- Bewegung" so. mächtig gefördert wurde. Er geht aber — absichtlich .oder zufällig, das . ist schwer zu entscheiden — der Tatsache aus dem Wege, daß der nationale Haß auch ein gutes oder vielmehr böses Teil an dem in Oesterreich zu so üppiger Blüte gelangten religiösen Unduldsamkeit hat. Der Antisemitismus gehört mit Zu den Folgeübeln des Nationalitätenstreites, wobei freilich nicht vergessen werden darf, daß diese bei den Bewegungen allmülig zu gleich großer Machtemsaltung gelangten. Weshalb die österreichischen Kirchensürsten die gute Gelegenheit verabsäumten, mit dem Nationalismus auch den Antisemitismus, welcher doch aus der Leugnung des Evangeliums basiert, zu verdamnien, sei heute nicht des weiteren erörtert. Das ist ein Kapitel, welches wir nächstens besonders behandeln wollen. Aber eine Bemerkung, die sich uns bei der Lektüre des Hirtenbriefes aufdräugte, möge an dieser Stelle Platz finden. Da heißt es nämlich im Hirtenbriefe unter anderem wörtlich: ..Für die Kirche gilt hierin das Wort des Herrn: Was Du nicht willst, daß Dir geschehe, das tue auch den Andern nicht." Auf die katholischen Leser wird dieses Wort sicherlich einen außerordentlich günstigen und erhebenden Eindruck machen. Die jüdischen Leser aber, die auch nur über eine geringe Kenntnis ihres heutigen Schrifttums verfügen, werden sich erinnern, daß dieser herrliche Lehrsatz zuerst von einem Lehrer des Talmud ausgesprochen wurde und von ihm als der Inbegriff, als der innerste Kern des Judentums bezeichnet wurde.... In Berlin hat man sich doch endlich besonnen, den Dreschgrasen Pückler nicht allein als einen Wahnsinnigen anzusehen, sondern als ein gemeingefährliches Individuum. In einer Verfügung des Polizeipräsidenten heißt es: Dem Einberufer der Pücklerversammlmigen, Buchdruckereibesitzer Mitsching in der Bernauerstraße, ist folgende Verfügung des Polizeipräsidenten zugegangen: „Euer Wohlgeboren haben für Freitag, den II. d. M.. abends 9 Uhr, ui dein Eiabliffemenr „Sanssouci", Kottbuserstraße 4a, eine öffentliche Versammlung angemeldet und infolge der Anmeldung die durch § 1 des Vereinsgesetzes vorgeschriebene Bescheinigung erhalten. In dieser Versammlung ist nach dem Inhalt Ihres Schreibens vom 7. d. M. Graf Pückler ais Referent in Aussicht genommen. Ans dem gesamten Auftreten des Grafen Pückler, seinen Bersammlnngsreden und den von ihm herausgegebenen Druckschriften sind je länger, je mehr erhebliche Bedenken gegen seine g e i st i g e Zurechnungsfähigkeit entstanden. Sein A u f t r e t e u in öffentlichen Vers a mmlungen ist unter diesen Umständen geeignet, e r u st l i ch e Störungen der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit befürchten zu lassen, und kann deshalb aus allgemein polizeilichen Rücksichten - 8 10, II. 17 A. L. R. - fernerhin nicht mehr geduldet werden. Der die Versammlung vom II. d. M. überwachende Beamte hat deshalb Anweisung er-; halten, ein Auftreten des Grafen Pückler als Redner nicht zuzulassen. Euer Wohlgeboren setze ich hiervon in Ihrer Eigenschaft als Einberufer mit dem Ersuchen ergebenst in Kenntnis, durch entsprechende Vorkehrungen einem polizeilichen Eingreifen in die Versammluiigsfreiheir Vorbeugen zu wollen. In Vertretung Friedheim." Gras Pückler hat diese Verfügung als Flugblatt verbreitet und dazu folgendes geschrieben: Durch den Hirtenbrief, in welchem dieser Satz ans dem Talmud, wenngleich unter falscher Flagge, zu so hohen Ehren kommt, wird abermals frappierend die Tatsache in helle Beleuchtung gerückt, daß das Christentum ohne das alte Testament einfach undenkbar ist. Der radikale und logische Antisemitismus, welcher von Dühring und Konsorten gelehrt wird, trägt dieser Erkenntnis vollauf Rechnung und die Jünger dieser Meister, zu denen zum Beispiel auch Georg Schönerer gehört, sind ebenso gründliche Hasser des Christentums wie des Judentums. In den Schriften dieser Antisemiten wird es klipp und klar heransgesag', daß eine Bekämpfung des Judentums ohne Untergrabung und Leugnung des Christentums ein Nonsens ist. da das Christentum durch und durch von jüdischem Geiste erfüllt und durchdrungen ist. Die Christlichsozialen, die mit dem echten Haffe gegen das Judentum eine heuchlerische Verehrung für das Evangelium und dessen Lehrer verbinden möchten, kommen niemals über diesen Widerspruch hinaus. Sie hören daher auch niemals aus, eine lächerliche, widersinnige, absurde Rolle zu spielen, und sie müssen es sich bei jeder Gelegenheit, bei der sie ihrem Judenhaffe die Zügel schießen lassen, den Vorwurf, die Anklage gefallen lassen, daß sie nicht nur antijüdisch sondern ebenso sehr antichristlich handeln. * Der Sturz des französischen Kriegsministers, welcher der gehaßteste Gegner der Antisemiten war, hat wieder einen Beweis für die so oft bestätigte Tatsache gebracht, daß der Antisemitismus überall nur mit den Waffen der Roheit und Gemeinheit zu kämpfen und zu siegen vermag. An demselben Tage, an welchem Mechaniker Schneider — der österreichische Syveton — im niederösterreichischen Landtage gegen den Abgeordneten Seitz, einen gefürchteten Gegner, die Hand erhob, um sich tätlich an ihm zu vergreifen, hat in der französischen Kammer Syveton — der französische Schneider — tatsächlich den Kriegsminister geohrfeigt. Parlamentarier, die im Redekamps kein besseres Argument als die brutale Handgreiflichkeit kennen, richten nicht nur sich, sondern verurteilen auch das Programm, das sie vertreten. Die Aehnlichkeit zwischen den beiden antisemitischen Wortführern geht übrigens soweit, daß beide tückische und unerbittliche Todfeinde des Alkohols in dem Sinne erscheinen, daß sie ihn in beträchtlichen Mengen vertilgen. * * „Dicse Verfügung ist ein unerhörter Eingriff in das von der Verfassung verbriefte und zugesicherte Versammlungsrecht. Männer von Berlin, eine solche heiltose Wirtschaft dürfen wir nicht dulden. Die Regierung will uns vergewaltigen und will uns herabdrücken zu Sklaven und rechtlosen Leuten. Solange ich nicht entmündigt bin, hat niemand das Recht, mir das Sprechen in einer öffentlichen Versammlung zu verbieten. Bei uns regieren Juden und Judengenoffen. Deutschland ist ein großer Jndenstaat geworden, an dem Hopfen und Malz verl o r e n i st." Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß der Herr Gras verrückt ist, so hat er ihn durch seine Behauptung, Deutschland sei ein großer Judenstaat, erbracht. Ans der Wiener Knllnsgemeinde. ^Aus der Plenarsitzung des Knltnsvorstandes vom 13. November 1904 unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn der Sitzung 10 Uhr vormittags.) Vor Uebergang zur Tagesordnung hält Herr Präsident Dr. Stern dem dahmgeschiedenen Obmanne der Bezirkskommission VI und VII, Vorsteher der Chewra Kadischa, Mitglied des Bethausvorstandes, Herrn Adolf Rosenbaum, einen ehrenden Nachruf, in welchem er der gemeinnützigen Tätigkeit des Verstorbenen gedenkt. Er gedenkt weiters in warmen Worten des dahingeschiedenen Religionslehrers und Bibliothekars der Wiener Kitltusgemeinde, Herrn Samuel Hammerschlag, welcher sich insbesondere um die Schaffung und Ausgestaltung der Gemeindebibliothek große Verdienste erworben hat. Der Vorsitzende bringt ein Schreiben der Familie zur Kenntnis, in welchem flir die gelegentlich des Leichenbegängnisses zum Ausdrucke gebrachte Würdigung des Verewigten der Dank ausgesprochen wird, und macht weiters die Mitteilung, daß die Familie aus diesem Anlässe eine Spende von L 1000.— für das Siechenhaus gewidmet hat. Der Vorsitzende verfügt unter Zustimmung der Anwesenden, welche sich von ihren Sitzen erhoben haben, die Einverleibung der Trauerkundgebungen in das Protokoll. Schließlich bringt der Vorsitzende zur Kenntnis, daß er persönlich namens des Vorstandes die Witwe des ehemaligen Präsidenten der Kultnsgemeinde und Reichsratsabgeordneten Dr. Ignaz Kuranda, Frau Regiue Kuranda, zu ihrem 80. Geburtstage beglückwünschte und daß ihn dieselbe ersuchte, hiefür, sowie auch für das vorausgegangene Glückwunschschreiben des Vorstandes, diesem den wärmsten Dank auszusprechen.