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Die Wahrheit · 1904-11-18 · Heft 45 (18.11.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 45 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Lene 4. Die Wahrheit Nr. 45. (welcher?) die Gewalt des lebendigen Gotteszeugen niederzuschmettern? Wer macht den mederösterreichischen Landlag zum Richter über unsere Autoritäten? Hat er nicht die imponierende, gebildete, humane Wiener Kultusgemeinde mit ihrem überragenden Rabbinate in nächster Nähe? „Und wie sieht es erst mit der Tierquälerei aus, die zu verhüten, Ihr ja auch nicht das geringste Verständnis verratet. Ich sehe ab von den großen Autortäten zu Gunsten der jüdischen Schlachtung, die Ihr Verwegenen so bagatellmäßig znr Seite schiebet. Denn Ihr seid ja überhaupt noch gar nicht über die wichtige Vv'.frage hinausgekommen, warum Tierquälerei verbotenist! Wer hat Euch zum Rechtsanwalt der schmerzleidenden Tiere gemacht? Wer Euch so anhört, der sollte wahrhaftig glauben, daß die ganze Tierquälerei nur vom anthropozentrischen Standpunkte aus zu verbieten und auch immer darnach zu beurteilen ist. Das Tier ist ein dem Menschen leiblich und seelisch ganz ähnliches Gebilde, und alles, was wir einem Tiere anzutun übers Herz bringen, kommt dem Gefühle nahe, als ob wir es auch unter Umständen dem Menschen antun könnten. Die Geschichte der Menschh it, ich nenne nur die Folter, das peinliche Gericht, weiß gar Viel und Trauriges zur Bestätigung dieser These zu erzählen. Von diesem Gesichtspunkte aber kenne ich nichts Grausameres, als die Tiertötung mit der Schntzmaske, oder wie es auf dem Lande überall geübt wird, durch einen Uebersall mit der schweren Axt, oder auch mit dem in Eurer Landstube vorgezeigten Revolver.*) Wo ist auch ein Mensch, der uns sagen könnte, wie qualvoll dies, wenn auch nur in dem einen kurzen Momente wirkt? Ich weiß nur das, daß es mir überaus schauerlich ist, es im Bewußtsein nachzuempfinden, und ich meinerseits und mit mir Millionen Inden könnten nie, auch wenn tausend niederösterreichische Landtage es erzwingen wollten, einen Bissen von dem Fleische eines so gelöteten Tieres mit Bewußtsein über den Mund bringen. Was sollen jeßt die fünf genannten Rabbiner in Frage noch bedeuten? Einst, wenn nicht mehr Lug und Trug, sondern Gewissenhaftigkeit und Feingefühl diese Frage aufrolleu, dürfte es sogar zu einem staatlichen Verbote der Schutzmaske, der Axt und des Revolvers kommen, da kaum je gänzlich von Tötung der Tiere (Ratten, Mäuse, Käfer u. s. w.) wird abgesehen werden können. ..Die Hauptmoral der jüdischen Schlachtung besteht aber überdies darin, daß nur dadurch das bei religiösen Juden so sehr verpönte Kopfumdrehen der Hühner, Tauben, Enten und Gänse im Familienkreise allein vermieden werden kann. Diese Tierchen gehören gleichsam zur Familie. Die Kinder des Hauses spielen, sprechen mit ihnen, geben ihnen Nahrung aus ihren niedlichen Händchen, pflegen sie, wenn ihnen ein Unfall geschieht, und sollen dann zufehen, wie ihr eigenes, gutes, zärtliches Mütterchen sie erfaßt, würgt und zum Fräße den Menschen reicht? Nicht um den Schmerz des Tieres ist es uns dabei zu tun, sondern um die Züchtung menschlicher Gefühllosigkeit. Darum sage ich, daß Ihr Herren vom niederösterreichischen Landtag nur schlecht Euren Lug und Trug verhüllet. Also weg mit der heuchlerischen Maske. Sagen wir uns hier nur frei, was wir wollen und beabsichtigen. Wir können es uns hier gestatten, einen Gegner werfen wir hinaus, der Statthalter wird wie bei der Hinrichtung der freien Schule auch hier einer Mumie gleich sein Schweigen bewahren. Also Ihr strebt zur Niederung längst überwunden geglaubter Barbarei hinab, Ihr wollet Euch die Bevormundung menschlichen Gewissens wieder erobern und meinet hier durch quacksalberischen Sophismus einen bösen Anfang zu einem gar bösen Ende für die schwer erlöste Menschheit machen zu können. „Möglich daß Euch die von Euch schon so oft gefoppten Deutschvolklichen und Deutfchnationalen wieder in ihrem blinden Hasse auf den Leim gehen, möglich daß die Sozialisten, die überhaupt allem Religiösen feindlich sind, mit bitterem Hohne, wie es ja Herr Seitz machte, diesmal Euch den Strang halten, *) In meinem Buche „Philosophischer und naturwissenschaftlicher Monismus", S. 309, habe ich den Begriff der Tierquälerei im gleichen Sinne ausführlich erörtert. aber die fortschrittlichen Freunde des Menschengeschlechtes, die da wissen, wie sehr sich die Juden durch ihre heroenhafte Wahrung des freien religiösen Gewissens in der Weltgeschichte verdient gemacht haben, die werden an diesem voraus erscheinenden Schatten das ganze, bösartige, schreckliche Gespenst erkennen, das Ihr in die menschliche Gesellschaft einznführen bereit seid. Die Kenner der jüdischen Geschichte werden die Stu'mglocken läuten und werden ihre Stammesbrüder darauf aufmerksam machen, wohin dieser Weg, den Ihr da hinterlistig betretet, am Ende für sie alle, für die Reformjuden, wie für die Orthodoxen, für die getauften und nicht getauften Juden führen muß. Es ist der Beginn zur Entrechtung, zur Konstatierung der Jufertvrität des jüdischen Stammes, der einer Bevormundung seitens der Kirche und der arischen Gesellschaft bedarf und mit einer Pariasstellung sich zufrieden geben muß. Und wenn daun der Wiener Gemeinderat Eurem Rate gemäß, zum Verbote der rituellen Schlachtung, zur Vergewaltigung des religiösen Gewissens schreitet, was bleibt daun den Wiener Juden anderes als die S teuerv erw eiger un g übrig? „Im Anblicke, wie mit dem sauren Schweiße ihrer Sleuergelder schmählicher Mißbrauch gegen sie getrieben wird, wird ja ohnehin ihre fast unerschöpfliche Geduld auf eine überaus harte Probe gestellt. Und wenn Ihr Euch datm an den Staat, cm die Regierung um Hilfe wendet, so wird diese Euch mit wenigen Worten Haarschars beweisen können, daß, insoferne die Juden bereits organisch in das Staatswesen eingelebt sind, an eine Rechtsunsicherheit oder gar Entrechtung der Juden gar nicht mehr zu denken ist, wenn man nicht die Zerrüttung der staatlichen Ordnung in Oesterreich riskieren will. Die Negierung wird sich dann, wenn noch ein patriotischer Funke in ihr glimmt, bemüssigt sehen, einen solchen Gemeinderat aufzulösen. Der Gemeinderat ist keine Negierung, keine Herrschaft, er bedeutet nur Verwaltung und verliert jede Berechtigung, wenn er nicht gewissenhaft und unparteiisch verwaltet. „Da weiß ich Euch, Ihr Herren vom niederösterreichischen Landtag, für Erreichung Eurer Absichten einen bessern Rat, ähnlich wie ihn ein Jude vor 1800 Jahren dem altrömischen Senate erteilt hat. Ihr wollet die Vernichtitng des Judentumes. So lasset den Juden ihre rituelle Schlachtung, diese macht sie weichherzig, feinfühlig, mitleidig, erbarmungsvoll, gerecht gegen Tiere und Menschen, macht sie unfähig, über ihre Mitbürger plündernd herzufallen, falsche Ritualmorde zu erfinden, die Fenster der Nachbarwohnungen einzuschlagen und grausam zu sein. Ihr mit Euern Schutzmasken, Axthieben, Revolvern und Kopfumdrehen des Hausgeflügels bleibet für all das befähigt, so müsset Ihr schließlich im Kampfe ums Dasein den Juden überlegen sein. „Haltet Ihr jedoch meinen Rat für falsch und verlogen, weil Ihr zur Einsicht gelanget, daß der Mensch nur durch Idealismus und Gerechtigkeit schließlich aus dem Kampfe ums Dasein siegreich hervorgeht, nun so seid gerecht und lasset den ganzen Spuck aus dem Altertum und Mittelalter endgiltig fallen. Ans der Woche. Der Hirtenbrief des österreichischen Episkopats ist erschienen und derselbe wird zufolge des Themas, das es behandelt, nicht nur das Interesse der gläubigen Christen in hohem Maße erregen. Die österreichischen Kirchenfürsten wenden sich in dem Hirtenbriefe gegen die Auswüchse des Nationalismus, die sie auf das schärfste verdammen. Jeder, der es ehrlich mit Oesterreich meint, wird diesen Standpunkt billigen, und auch die Juden, die wohl nicht in letzter Reihe die bitteren Früchte der nationalen Unduldsamkeit kennen lernten, werden den Ausführungen zustimmen, die in dem Ausspruche gipfeln: „Der Nationalismus, der von Gott und allem Rechte absieht, ist unchristlich und bildet eines der gefährlichsten revolutionären Fermente." * * *

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