Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 45 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063258--03357-3070109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Redaktion u. Slbminiftratiou: Wien, Il/1 Nvvaragasse 27. Telephon 9lr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonneinentsn. Jnsertionsbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. Unabhängige Heitfchrifl für jüöifche Interessent Hrscheinl jeden Kreilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Gezngspyeis: || Ganzjährig . . . fl 12.— j.j |l Halbjährig ... fl. 6.-!! |! " ” '! jj Für CilttttSbemilte: jj Ganzjährig . . . ft. 10 — j ii ' " jl jj Für Auslaud: jj jj Ganzjährig ... 3 Mark. || l| 8 Rubel oder 16 Fes. ji L.... . jj Itv. 45. Wien. 18. Uonember 19V4. Inhalt: Die betrügerische Welt. — Aus der Woche. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Waisenhaus für israelitische Mädchen. — Z. Koh«, Verfasser des „Gabriel." — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. Die betrügerische Welt. (Zur S ch äch tfrage.) Bon Dr. M. L. Stern. Es genügt nicht, daß der menschliche Geist, angeregt von berufenen und erleuchteten Führern in die Höhe strebt, er muß sich gewissenhaft, treu und ehrlich auch aus der Höhe mit Kraft zu erhalten suchen. Die Schrecken des Barbarismus, die im Altertum und im Mittelalter das menschliche Leben beängstigten und marterten, deren Schilderungen uns noch heute mit Grauen erfüllen, sind noch nicht überwunden. Wahrhaft rührend ist es in dem jüdischen Schriftwerke zu lesen, wie gequält sich der jüdische Stamm fühlte, wenn sich der Uebermut der Völker vermaß, den Israeliten die freie Ausübung ihrer religiösen Vorschriften zu verbieten. Da hieß es, das Thorastudium macht die Juden so starr und trotzig im Glauben. Hadrian verbot bei Todesstrafe, die Lehrbefähigung zu erteilen. Jehuda ben Baba erlag den Schwertstreichen der Häscher, da er trotzdem fünf seiner Schüler, wahre Weltlenchten, autorisierte. Bald wieder hieß es, die Sabbatfeier sei eine staatlich nicht zu duldende Faulenzerei, die hygienischen Vorschriften für das Eheleben verhindern die Ausbreitung der Bevölkerung. Ein Tanaite verstand es, in den römischen Senat Einlaß zu erhalten, und wendete die drohende Gefahr mit folgender Argumentation ab: „Streifen wir einmal die Hülle Eurer rührseligen Worte, mit welchen Ihr Eure Verbote zu begründen suchet, ab, und betrachtet Euer ureigentliches Motiv in seiner Nacktheit. Ihr hasset die lieber« legenheit des jüdischen Volksgeistes, die Macht seiner Tugenden, den tausendjährigen Triumph des gewaltigen jüdischen Weltengottes über alle Nationalgötzen der Völker. Darum denket Ihr, dieses Volk durch die Nadelstiche solcher Verbote zu kränken, zu demütigen, ja langsam zu tödten oder gar von ihrem Schutzgeiste, von ihrer Religion, von ihrem Glauben, von dem gewaltigen Weltengotte loszulösen. Das dürste Euch schwerlich gelingen, wie Ihr einsehen müsset, wenn Ihr Euch an den Syrerkönig Antiochus Epiphanes erinnert. Ich weiß Euch Besseres! Die Gebote der jit. ifclieit Lehre sind ja im Grunde sehr töricht, wie Ihr ganz richtig argumentieret. Als sie noch abgesondert in ihrem Lande lebten, konnten sie noch damit ein Auskommen finden; aber jetzt im Weltverkehre, ans dem Erdenrunde zerstreut, müssen sie dabei zugrunde gehen. Darum lasset ihnen den Sabbat, ihre hochmütige Sittenreinheit, sie werden ja dadurch nationalökonomisch und an Ausbreitung Euch gegenüber minderwertig sein." So hat der Tanaite es bewirkt, daß die Römer ihr Verbot aufhoben und die Israeliten durch einen 1800jährigen Bestand erweisen können, daß ihre religiösen Vorschriften unbedingt weise sind und in Kanaan wie anderwärts, in der Ab' geschlossenheit wie im weiten Weltenverkehre, erhaltend, veredelnd und kräftigend wirken, daß es für sie nur einen schmerzvollen, bedrohlichen Barbarismus, für die Menschheit nur ein großes, erschreckendes Weh gibt — die gew alttätige Bevormundung des religiösen Gewissens. Mit dieser Frage allein steht oder fällt die ganze sreierlösende, fortschrittliche Entwicklung der Menschheit. Aehnlich wie jener Tanaite im barbarischen römischen Senate hätte ich in der niederösterreichischen Landstube das Wort führen mögen, als dort die jüdische Schcichtfrage an der Tagesordnung war, das Gespenst des altertümlichen und mittelalterlichen Barbarismus ans den menschenfeindlichen Gesichtern der Christlich-Sozialen, der Klerikalen, der Sozialisten und der Deutschvolklichen herausgrinste. Meine Rede hätte gelautet: „Ihr alle kommet mir vor, wie Menschen, die aus eine große Höhe edler Kultur gebracht wurden und einsehen, daß man aufrechten Ganges nicht mehr diese steile Höhe bis in die Niederung des gemeinsten Barbarismus hinabgelangen kann. Darum setzet Ihr Euch alle auf Euern Hintern nieder und versuchet es, ob es mit dem Hinabrutschen gelingen kann. Denn sehet Euch nur Euren Motivenbericht voll Trug und Lug genauer an. Da ist zunächst der theologische Teil. Der muß Euch ja geradezu aus den vatikanischen Index bringen. Ihr nennet da fünf Namen und berufet Euch aus deren Aeußerungen, die Euch berechtigen sollen, aus dem Landtage ein theologisches Tribunal zu machen und den Juden vorzuschreiben, was sie dürfen oder nicht dürfen. Wie nun, wenn sich der Staat vermessen sollte, dem Katholizismus vorzuschreiben, welche Dogmen er im Interesse der Vernunft nnd Logik — wichtiger als Tierschutz! — streichen muß und sich nicht blos aus fünf Namen mit problematischem Rabbinertitel, sondern auf hunderte Namen von katholischen Priestern, Prälaten und Professoren beruft, die er einfach blos aus jenem bekannten Index herauszulesen braucht. Wird der Staat dann dargetan haben, daß er der Kirche keinen Gewissenszwang bereitet? Alle hunderttausende israelitische Kultusgemeinden auf dem Erdenrunde haben die Institution der rituellen Schlachtung, selbst wenn die Vorsteher für sich keinen Gebrauch davon machen wollen, und irgend ein Landtagstheologe wird sich erkühnen, mit den Namen Stern, Rubens, Engelhart, Stein, Kaiserling