Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 44 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 44. einen Blick voller Teilnahme, worin eine fast mütterliche Zärtlichkeit lag, auf den fiebernden Freund werfend. So sehr sie auch eine Aufllürung herbeisehnte, so mußte sie sich einstweilen in Geduld fügen, mußte eine günstige Gelegenheit, vielleicht erst die Genesung — oder den Tod ihres Lieblings abwarten. Die alte Frau schauderte. Warten also, warten sollte sie wieder. Immer nur warten, so vergeht das Leben im steten ununterbrochenen Warten. Wie lange eigentlich blieb Frau Eva Goldberg noch Zeit zum Warten? Sie war schon alt au Jahren, art au Denken und Fühlen; sie war schon müde von ununterbrochener körperlicher und geistiger Arbeit, war müde geworden der Schicksalsschläge, die sie betroffen. Jetzt stand sie vor der Enthüllung des großen Geheimnisses, in welches ihre zweite Lebenshälste durch das Verschwinden ihres einzigen Kindes gehüllt war, jetzt war sie nahe daran, Aufschluß über dessen Schicksal zu erhalten, und sollte wieder warten. Die alte Frau, welche ein Menschenalter lang die schwere Last, welche ihr das Schicksal aufgebürdet, geduldig, ohne Murren getragen, diese alte, gottergebene Dulderin sträubte sich mit einemmale in ihrem Innern gegen die gestellte Zumutung des neuerlichen Wartens — aber vergebens! Der Einzige, der ihr Aufschluß geben konnte, durfte mit keiner ihn vielleicht aufregenden Frage behelligt werden. Za, so sehr sie auch darum gebeten hatte, den kranken Zugsführer bei sich im Hause behalten und pflegen zu dürfen, er wurde dennoch mittelst eines Sanitätswagens in die nahe Garnisonsstadt transportiert, wo er im Garnisonsspitale von Militärärzten behandelt werden sollte. Wie man der fast verzweifelnden Greisin mitteilte, sei der Zugsführer von einer schweren Lungenentzündung befallen worden, und da noch Komplikattonen zugetteten sind, werde es voraussichtlich lange dauern, bis er völlig genese. Und wenn nicht? Wenn dieser Mund, der so zarte, liebevolle Worte zu der fremden Greisin zu sprechen verstand, auf ewig verstummt, wenn der Tod sein Siegel auf diese teuren Lippen drückte, weun dieses große Rätsel ewig ungelöst bleibt, was dann? — Wie konnte Eva Goldberg weiter leben? VI. Aus klein Saferl war im Laufe der Jahre eine große Sophie geworden. Daran ist im Grunde nichts Auffallendes. Auffallend aber ist es, wie sich in dem vom Weltverkehr abgelegenen böhmischen Landstädtchen eine solche Anmut, ein solcher Liebreiz entwickeln konnte, wie ihn dieses Mädchen aufwies. Reb Schlome Teinitz war ein braver, tüchtiger, pflichteifriger Kultusbeamter, der ein Blatt Gemora lernen, der die in seiner Gemeinde vorkommenden rituellen Fragen entscheiden konnte, ja, der an Festtagen und bei besonderen Anlässen auch eine Droscho schlecht und recht vom Stapel laufen ließ, aber deutsche Literatur und moderne Wissenschaft waren ihm spanische Dörfer geblieben. Auch seine Frau hatte nur eine ganz einfache Erziehung und Bildung genossen und kümmerte sich mehr um ihre Häuslichkeit, um das Behagen von Mann und Kind, als um die Händel der Welt, oder gar um die Erzeugnisse der Literatur. So wenig sich beide Eltern den Trieb ihres Töchterchens, immer zu lesen und zu lernen, erklären konnten, so legten sie der Entfaltung dieses Triebes kein Hindernis in den Weg und hatte sich das Mädchen auf diese Weise eine ziemliche Bildung angeeignet. Frau Esther fühlte sich um so weniger veranlaßt, ihrem Töchterchen das viele Lesen zu verbieten, als Sophie trotzdem in der Häuslichkeit nichts versäumte und sich unter ihrer Leitung zu einer tüchügen Hauswirttn heranbildete. Die Post, welche um 4 Uhr nachmittags in Hlinov eintraf, brachte auch die Zeitung für Teinitz mit. — Gleich nach Eintreffen des Blattes bemächtigte sich Sophie desselben, um es zu lesen. Doch nur scheinbar. Ihr Auge glitt suchend durch die Spalten des Blattes, übersah, als wäre es eine unbedeutende Notiz, das Feuilleton, sonst ihre erste Lektüre. Sie suchte in dem Blatte nur nach einer einzigen Stelle, derjenigen nämlich, welche von den eben beendeten Manövern handelte, welche im Süden des Reiches abgehalten worden. Auf diese Berichte war ihre ganze Aufmerksamkeit konzentriert. Die Mutter trat ins Zimmer. „Das ist gut," sagte sie in ärgerlichem Tone, „da sitzt das Fräulein bei der Zeitung und läßt die alte Mutter sich in der Küche abhetzen." „Vergib mir, Mütterchen," antwortete hocherrötend Sophie, „ich bin schon fertig." ..Als wenn Dir die Zeitung weglausen würde. — Heute Abend kommt der Raw und ich Hab' noch so viel zu tun. Was suchst Du nur jeden Tag so eifrig in der Zeitung?" (Fortsetzung folgt.) Israelitische Kultusgemeinde Wien. - ad Z. 12279 ex 1904. Kundmachung betreffend die Wahlen in den Kultus Vorstand und der V ertrauensmänner. Die statutengemäss vorgeschriebene Neuwahl von acht Vorstandsmitgliedern für die Dauer von 6 Jahren*) und die erforderliche Ersatzwahl von zwei Vorstandsmitgliedern für die Dauer von 4, beziehungsweise 2 Jahren**), sowie die Neuwahl der Vertrauensmänner (§ 80 des Statutes und §§ 2 und 3 des Kultussteuer-Regulativs) für die Dauer von 2 Jahren, finden Sonntag, den 27. November 1904 statt und werden die eventuellen engeren Wahlen Sonntag, den 4. Dezember 1904 vorgenommen. Die Herren Wähler werden eingeladen, sich an dem oben bezeichneten Tage mit ihrer Legitimations- Urkunde an dem auf derselben angegebenen Wahlorte***) persönlich einzufinden. Die Abgabe der Stimmzettel beginnt an jedem Wahltage um 9 Uhr morgens und wird um 2 Uhr nachmittags beendet. Die näheren J3estimmungen enthalten die §§ 5, 6, 7 und 30 des Statutes, sowie die §§ 3, 4, 5, 9, 10, 15 und 17 der Wahlordnung und die §§ 2 und 3 des Kultussteuer-Kegulativs. Wien, im November 1904. Dr. Theodor Lieben Oer Präsident: Sekretär. Dr. Alfred Stern. *) Neuwahlen für die Mandatsdauer von 6 Jahren sind vorzunehmen: a) für nachbenannte Vorstandsmitglieder, welche mit Ende Dezember d. 3. infolge Mandatsablaufes aus dem Vorstande scheiden, jedoch wieder wählbar sind, die Herren: Theodor Ritter von Goldschmidt, Moriz Hirsch, Emil Horner, Sigmund Kauders, Dr. Markus Spitzer, Wilhelm Stiassny. b) für Herrn Isidor Gewitsch, welcher vor Ablauf des Mandates aus dem Kultus Vorstände äusgeschieden ist und für den verstorbenen Herrn Arthur Edlen von Mises. **) Ersatzwahlen sind vorzunehmen: für den verstorbenen Herrn Heinrich Teltscher mit vierjähriger Mandatsdauer und für den vor Ablauf des Mandates aus dem Vorstände ausgeschiedenen Herrn Heinrich Klinger mit zweijähriger Mandatsdauer. ***) Die Wahlen werden an nachstehenden Orten vorgenommen : Für die Wähler der Bezirke: Innere Stadt: I., Seitenstettengasse 4. Leopoldstadt und Brigittenau: Sektionen A bis H und J bis Q H., Tempelgasse 3, Sektion B. bis Z H., Leopoldsgasse 29. Landstrasse und Simmering: HI., Unt. Viaduktgasse 13. Wieden, Margarethen und Favoriten : V., Margarethenplatz 7 Mariahilf und Neubau: VI., Schmal zhofgasse 3. Josefstadt und Alsergrund: Sektion A bis K, IX., Müllpergassse 21, Sektion L bis Z, IX., Seegasse 9 Meidling, Hietzing, Rudolfsheim und Fünfhaus: XV., Turnergasse Nr. 22. Ottakring und Hernals: XVI., Hubergasse 8. Währing und Döbling : XVHI., Schopenhauerstrasse 39.