Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 44 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44. Die Wahrheit Seite 9. Es kam die Rede auch auf Naturalisierungen, wobei Se. Majestät anerkannte, daß hiebei allzugroße Verzögerungen und Schwierigkeiten gemacht werden. Die Ursache hiefür aber sei nicht im religiösen Vorurteil zu suchen, das nicht existiere, sondern in verschiedenen Jntriguen, die stets aus solchen Anlässen entstehen. Feuilleton. Km jüdischer Soldat. Von Elsa Keßler. In einem Festungswerk vor Liaojang. Das Gewehr an t)ie Seite gedrückt, gespannt in die Finsternis spähend, steht Israel Nakowitsch, der einzige Jude aus der 3. Warschauer Kompagnie, Wache. Es ist ein Uhr nachts. Die enorme Kälte, die dem andauernden Regen des Tages gefolgt ist, wirkt einschläfernd, betäubend. — Er denkt an seinen Vater, der wohl jetzt über seine Folianten gebeugt, das Gotteswort studiert, an sein Schwesterlein, die jetzt gewiß in tiefem Schlummer liegt. Ein Gefühl der Sehnsucht überkomml ihn, doch mannhaft reckt er sich ans — wozu jetzt an die Heimat denken — bald wird der Feind geschlagen, zersprengt und vernichtet sein, dann wird auch er belobt in die Heimat zurückkehren, dann- Doch horch, war das nicht ein Pfiff, wie ihn die Patrouillen des Feindes oft brauchten. — Im Nu ist das Gewehr in Anschlag gebracht. Er lauscht. Tiefe Stille wiederum. — Er wird sich getäuscht haben, es kann eine Feldmaus, ein Tier gewesen sein. Jetzt, wiederum ein Pfiff und ein zweiter. ..Werda", ruft er. Keine Antwort. Doch blinkt dort nicht, trotz der Finsternis, ein Gewehrlanf; es kann nur der Feind sein. Er darf keine Zeit verlieren, jetzt gilt es Handeln. Er gibt einen Schuß ab; er hört einen unterdrückten Ansschrei und einen dumpfen Fall. Jetzt blitzt es in der Ferne auf und niit langgezogenem Ton saust eine Granate hoch über seinen Kopf. Im Lager beginnt es lebendig zu werden. Wieder blitzt es in der Ferne auf — ein furchtbarer Krach — einige Schritte vor Nakowitsch schlägt eine Granate ein, ihn mit Erde und Kot bewerfend. Das eine Mal ist er glücklich der Gefahr entronnen. Nun hört man au.b das Knattern von Gewehrschüssen, aber kein Feind zu seheu. Er hört Schritte hinter sich: „Wer da!" Man antwortet ihm mit dem Feldrufe. Es sind Kameraden. Das Gewehr schußbereit vor sich, bilden sie neben Israel Nakowitsch eine Linie..Unausgesetzt sausen Granaten durch die Lust, wie Kometen einen feurigen Schweis hinter sich lassend, bald da, bald dort einschlagend. Es ist furchtbar, gegen einen unsichtbaren Feind kämpfen zu müssen, denkt Nakowitsch, aber den Mut nicht verloren, bald wird es Tag, dann mögen sie kommen. Minuten vergehen. Stunden, das Firmament im Osten rötet sich, es wird Tag. Außer den fortwährend eiuschlagenden Granaten keine Spur des Feindes.- Einige Schritte vor sich sieht Nakowitsch in der Morgendämmerung eine Gestalt von der Erde sich heben. Auch die übrigen Soldaten haben die Bewegung bemerkt: Es kann nur ein feindlicher Kundschafter sein. Alle Gewehre richten sich nach dem vermeintlichen Feinde. Nakowitsch verlangt die Parole, die Gestalt steht stille, aber keine Antwort. Er zielt — ein Krach — die Gestalt fällt lautlos zu Boden. Jetzt hört man schmetternde Trompetentöne. Weiße Uniformen werden sichtbar. Das ist der Feind! Keine Zeit ist zu verlieren, das Gewehr an die Backen, krachend tragen die Kugeln den Tod in die Reihen des Feindes. Weißer Pulverdampf umhüllt die Kämpfer. Auch der Feind feuert; einige Kameraden von Nakowitsch fallen. Er aber steht fest, ladend und feuernd.- Doch, wie wird's ihm plötzlich — es schwindelt ihm, Gestalten tanzen ihm vor den Augen, Schwäche überkommt ihn : ein furchtbarer Druck lastet ihm auf der Brust. „Angefaßt", hört er wie aus nebelhafter Ferne, eine Stimme hinter sich. Er fühlt sich getragen; ist er denn verletzt, er kanns nicht glauben; der Druck hat nachgelassen. Es war eine momentane Schwäche. Jetzt ift's ihm wohl, besser als je. „Laßt mich, laßt mich, ich will zurück, ich bin gar nicht verletzt!" Die Träger sehen ihn mitleidig an und setzen ihn zur Erde. „Hinrer die Front!", hört er wieder die Stimme von vorhin. Er will anfspringen — wieder der furchtbare Druck, er kann kaum atmen. Er stammelt: „Helft mir, helft mir!" Krampfhafter Husten erschüttert seinen Körper, ein rother Blutfaden geht ihm aus dem Mund.-— Es ist ans, es ist aus, er weiß es. Er wird die Heimat nicht mehr sehen, nicht seinen alten Vater, nicht sein Schwesterlein. Aber er hat seine Pflicht getan. — Mit Mühe bedeckt er mit der rechten Hand seine Augen, abgebrochen kommts aus seinem Munde: „Schmäh. jisroel, adannaj elohenu ..." — Er fällt zurück, er hat seine Pflicht für Vaterland und Kaiser erfüllt. _ Aer Iindling. Erzählung von Babette Fried, Prag. (8. Fortsetzung.) Der Kranke hatte keine Ahnung davon, daß seine Gönnerin an seinem Lager weilte, denn sein Denkvermögen war ein gestörtes. Frau Goldberg schien dem wachhabenden Soldaten in diesem Momente um Jahre gealtert zu sein. Mitleidig schob er der alten Frau einen Stuhl bis zu dem Bette hin. Doch diese beachtete dies nicht; hatte sie ja nur Augen und Sinne für den bewußtlos Daliegenden. Voll mütterlicher Zärtlichkeit und Sorge beugte sie sich über den Kranken, um seinen Atemzügen, seinem Herzschlage zu lauschen. Da mit einemmale stieß sie einen Schreckensruf aus und wankte zurück, wäre vielleicht kraftlos umgesunken, wenn sie der anwesende Soldat nicht hätte anfgefangen und sorgsam auf den bereilstehenden Stuhl hätte niedergleiten lassen. Die alte Frau hatte auf der entblößten Brust ihres Lieblings etwas glänzen gesehen, was sie als einen Schekel erkannte. Diese alte heilige Münze erweckte in dem Herzen der alten Frau eine Flut der verschiedenartigsten Erinnerungen. In erster Reihe die Erinnerung an Oen schönen, aber leider letzten Sederabend. an dem ihr so hochverehrter, geliebter Gatte bei ihr weilte. Der kleinen Selma war es damals gelungen, durch List und Unterstützung der Mutter den Afikomon an sich zu bringen, welchen der Vater in eine Serviette gehüllt, zwischen den weißen Polstern seines Sitzes, Königsthrones, wie er ihn scherzend nannte, versteckt hatte. Nach langem, scherzhaftem Parlamentieren erbat sich das Prinzeßchen die vom Vater als ein Erbstück aufbewahrte altjüdische Münze aus, wofür sie den gestohlehen Afikomon herausgeben werde, ohne dessen Verwendung an eine regelrechte Beendigung des Seder nicht zu denken war. Nach Peßach ließ Goldberg an dem aus seiner Schatulle hervorgeholteu Schecke! eineu silbernen Henkel unfertigen, in dessen Innenseite er die hebräischen Buchstaben Mem und Gimmel, die Initialen seines Namens eingravieren ließ. Diese Münze nun befestigte sich Selma an einem schmalen blauen Seidenband und trug sie seither immer an ihrem Halse, so auch bei der Flucht aus dem väterlichen Hause. Jetzt lag der Matrone alles daran, diese Münze genau zu untersuchen, ob der Schekel diese Buchstaben enthielt, und also dieselbe Münze sei, welche einstmals ihre Tochter besessen hatte. Da sie ihr Augenglas nicht bei sich hatte, so konnte diese Untersuchung mir in unmittelbarer Nähe des Fensters und indem sie die Münze dicht vor das Auge hielt, geschehen. Es widerstrebte ihrer stolzen Natur, in Gegenwart des fremden Soldaten eine solche Neugierde zu bezeigen. Frau Eva versuchte daher, i diesen aus dem Zimmer zu ennernen, indem sie sich erbot, selber die Pflege des Erkrankten zu übernehmen. Dies ging aber nicht; der Mann behauptete steif und fest, er habe den ausdrücklichen gemessenen Befehl erhalten, bis zur Ablösung bei dem erkrankten Vorgesetzten zu bleiben, und die Vorschriften des Arztes allein auszuführen. Diese Ordre müßte unbedingt befolgt werden. Die alte Frau konnte hier nichts mehr tun. Mit einem tiefen Seufzer entfernte sie sich langsam aus dem Zimmer, noch