Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 44 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 44. kriegsschauplatze. Da handelt es sich um wichtigere Dinge. Zum Beispiel um die Friedhofs- und Rabbiner- und Koscherfleischfragen. Meinen Sie, die Leute kümmern sich darum? Da sind Sie auf einem schönen Holzwege. Wahrlich die Gemeinderegierungsmaschine bewegt sich schwer, so rostig ist sie schon, aber die Leute in der hiesigen Killah ziehen die Friedenszigarre und den kriegerischen Tapper den wichtigen Angelegenheiten der Gemeinde vor, und so kommt es, daß der alte Rabbiner so schwer zu stürzen war, trotz der Sturmhaubitzen, die gegen ihn gerichtet wurden. Wenn aber der Groß-Rabbiner Kohn*) gestürzt werden konnte, wenn der General Stöffel sich doch übergeben wird (ich meine nämlich seine Festung', sehe ich nichtein, warum man nicht auch einen Rabbiner stürzen könnte. Nun ist er gestürzt und wir haben einen neuen — Rabbiner. Und wir werden auch die Koscherfleischfrage lösen und die noch schwierigere der M'ckweh-, ebenso die Friedhofsfrage. Herr Redakteur, ich bin kein Krakehler, wenn ich auch manchmal auf die Einsendung des Schriftstellerhonorars (ränge und wenn ich auch in allen Wählerversammlungen znm Worte greise, da ich leider etwas anderes nicht ergreifen kann. Aber ich sage ihnen, es war höchste Zeit, daß wir einen neuen Rabbiner bekamen. Der alte — denken Sie nur und verhüllen Sie Ihr Antlitz, wie ich es tue — hat der Schwester der Gemahlin des Herrn Vorstehers — Gott erhalte ihn bis 120 Jahr' — nicht die Hand geküßt; dann hat der Mann die üble Gewohnheit gehabt, gegen die Judentaufen zu sprechen, — ich bitte Sie, das ist jetzt einmal Mode und kommt in den besten Häusern, selbst in denen der Herren Vorsteher vor; die eine Frau Vorsteherin — Gott erhalte sie gesund — hat zu ihrer besten Freundin eine solche getaufte Jüdin, und sie wird sich es doch nicht von dem Rabbiner verbieten lassen? Dann hat der Mann die Gewohnheit gehabt, immer von den Armen zu sprechen. Ich bitte Sie, die Armen erhalten doch die Gemeinde nicht. Und lang', lang' hat er gesprochen, daß z. B. die Herren zu spät zur Tarokpartie gekommen sind, und die Köchinnen haben den Braten anbrennen lassen, und das alles von wegen der langen Rede von dem Rabbiner. Keckheit so was! Da hat mir mein seliger Urgroßvater erzählt, in seiner Killah war auch so ein Rebbe, der hat lang „gesagt" (das ist der alte Ausdruck für predigen), schließlich, was meinen Sie, ist geschehen? Alle sind weggegangen, und nur der Schammes (nebbich!) ist zurückgeblieben und hat zum Rebbe endlich gesagt: „Rebbe, da habt Ihr die Schlüssel von der Schul', und wenn Ihr fertig seid, sperrt zu." Sehr zu verehrender Herr Redakteur, das Alte ist gestürzt und ein neuer Rabbiner erblüht auf den Ruinen, wie Lessing oder Goethe sagt,**) der grüßt die Frau Schwester der Gemahlin vom Herrn Vorsteher, spricht nie über die Judentaufen, was besonders einem Herrn Fabrikanten sehr unangenehm war, dann redet er nicht zu lang, schmeichelt den Damen, weckt die Herren nicht auf, wenn sie ein bischen „napezen", kurz, das ist unser Mann, und ich sage Ihnen, ich Dr. Kassriel Pessachsohn, ich, der ich unlängst einen Vortrag gehalten habe über die soziale Frage, der ich in allen Fragen der Zeit Bescheid weiß, denn ich besitze ein gutes Konversations-Lexikon, leider bin ich es noch dem Buchhändler schuldig, ich, Kassriel, den man in der Gemeinde so gut kennt, wie einen falschen Wechsel, ich rühme mich, zum Sturze des „Alten" das meinige beigetragen zu haben. Ich frage Sie, ist dies nicht wichtiger, als alles, was dort in Asien, in der hohen Mandschurei und niederen Tartarei geschieht? Ueberhaupt möchte ich das Blatt sehen, das ich mir vor den Mund nehme. Wozu hat mir der Schöpfer die Zunge gegeben, als um über alles zu reden? Keine Gemeindeangelegenheit kann sich so mit Dunkel umgeben, daß sie von meinem bezwickerten ^verzeihen Sie das harte Wort) Auge nicht erspäht werden könnte, und wenn ich mich auch keiner allzulangen *) Sie meinen wahrscheinlich den Erzbischof Kohn? Anmerkung des Redakteurs. **) Sie haben geringe Literaturkenntnisse, es ist Schiller, der diesen Ausspruch getan. Anmerkung des Chefredakteurs. Ohren rühme, ich höre alles, es kann kein Piano geben, das mir entgeht. Meine Nase, die der Herr etwas länglich und krumm gestaltet hat, beschnuppert die tiefsten Geheimnisse, und es gibt keinen Klatsch, der nicht durch mich Weiterverbreitung findet. Man hat meine Wichtigkeit in der Gemeinde erkannt, man hat sich angestrengt, mir gar manche Türe zu öffnen, um meinem Abgang zu erzwingen, aber der Herr hat auch Türchen erschaffen, durch die ich meine behäbige Persönlichkeit schiebe, und ich kann sagen, nichts hat so lange Beine, daß es mir entschlüpfen könnte. Und wir werden auch die anderen Gemeindeangelegenheiten entscheiden, wenn uns Gott das gibt, was das Wichtigste ist, Gesundheit, das nötige Kleingeld, das Brod und die Butter dazu. Noch etwas ist so wichtig vom hiesigen Gemeindekriegsschauplatze, daß ich es Ihnen, hochzuverehrender Herr Redakteur, und Ihren sehr zuverehrenden Lesern nicht vorenthalten will. Der Frauenbund in der hiesigen Gemeinde zur Bekleidung nackter Mädchen, zur Unterstützung gefallener weiblicher Personen (entschuldigen Sie die sehr harten Worte) und zur Ausbildung braver und gut kochender jüdischer Köchinnen, also dieser Frauenbund mit dem länglichen Titel, ernannte mich, Dr. Kassriel Pessachsohn, zum Ehrenmitgliede. Sie sind gewiß gerührt und geschmeichlt und geehrt zugleich, ein solches Ehrenmitglied, ein solch nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft, das für nackte Mädchen, für gefallene weibliche Personen, für brave, aber arme, jedoch gut kochende Köchinnen soviel tut, zu dem Stabe zu zählen, den Ihre Mitarbeiter bilden. Aber alle diese Aemter, die Ehren bringen, tragen leider nicht das ein, was ein großer Professor der Philosophie und anderer armseligen Wissenschaften den nsrvrm rerum genannt hat. Ich ersuche Sie also, auf die Stärkung meiner etwas geschwächten Nerven bedacht zu sein, und bald mir zu schicken das, was da regiert alles, ob es nun Fabrikanten oder Philosophieprofessoren, ob es Parnossim oder Schammossim sind. Erfreuen Sie bald mit einem nervigen Honorar den nervenschwachen aber wortgewaltigen Dr. Kassriel Pessachsohn. Moses' Denkmal. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Schluß.) Die Vorschriften des Leviticus sagen uns, daß der Verfasser der Bibel auch mit der Tatsache der verschiedenen Hartnäckigkeitsgrade der Infektion vertraut war; man kann keine rationelleren und humaneren Desinfektionsnormen aufstellen, als es hier geschehen ist. (S. 40.) Ferner: Dieser hygienische .Kodex, welcher vor etwa dreitausendzweihundert Jahren formuliert wurde, gründet sich auf eine genaue Kenntnis der Bedingungen der Gesundheit des Individuums und des Stammes, auf die richtige Erforschung der Hauptursachen bedrohlicher Krankheiten. Zur Erreichung seiner Zwecke bedient er sich des ganzen prophylaktischen Apparates der modernen Staatshygiene. (S. 61.) Jedes Wort kann auf die Goldwage der Wissenschaft gelegt werden und sein Gewicht wird richtig befunden werden. (S. 26.) Der Talmud nähert sich in seinen sozialhygienischen Partien einem modernen Kodex der öffentlichen Gesundheitspflege noch viel mehr als die Bibel. (S. 75.) Die moderne Wissenschaft muß die meisten Prinzipien der „Seder Taharot" billigen; ja sie muß die aufmerksame Beobachtung und richtige Bestimmung der Wege, auf denen Krankheitskeime akquiriert werden können, bewundern. Am meisten dürfte jedoch der moderne Hygieniker über die Sicherheit dieser Verfügungen staunen, da doch heute bekanntlich über die Notwendigkeit und den Erfolg vieler hygienischen Maßregeln Autoritäten ersten Ranges sich nicht einigen können." (S. 83.) Einer rückhaltlosen Anerkennung seitens der modernen Wissenschaft erfreut sich das Gesetz über sanitäre Inspektion der geschachteten Tiere, ü b e r K o s ch e r u n d T r e p h a. (S. 85.) „Welch außerordentliches Vorwissen!" ruft ein französischer Arzt aus, „die Kontagiosität der Tuberkulose ist erst