Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 44 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Slbminiftratiou: Wien, Il/j Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei I53V2. Inserate 2» Hell, per Nonpareille-Zeile. Llboniieinentsu. Jnseetioilsbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. Möhängige Heiifchrifl für Mische Kr scheint jeden Areitag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!” Vezugspeeis: Ganzjährig . . . K. 12.— Halbjährig . . . K. 6.- Fül- Culkusbeamte: Ganzjährig . . . K. w — ii Für Ausland:! Ganzjährig . . . 3 Mark, i; 6 Rubel oder u: Fcs. Kr. 44. Wien, 11. November 1904. Inhalt: Aus der Woche. — Eine Aktion gegen das rituelle Schächten. — Eine Millionenspende für das Spital der Wiener Kultusgemeinde. — Dr. Kassriel Pessachsohns Bericht vom Gemeindekriegsschauplatze. — Moses' Denkmal. — Verschiedene Nachrichten. — Feiullewn Ans der Woche. Jäh und unvermutet ist Freitag, den 4. November, der Herausgeber der ..Sonn- und Montags-Zeitung", Alexander Schar f, der trotz seiner siebzig Jahre noch immer ein Bild ungebrochener Lebenskraft bot, vom Tode ereilt worden. Mit ihm ist eine der markantesten Erscheinungen unseres öffentlichen Lebens dahingegangen, ein Mann, der mit seltenem Mute und Geschicke für seine Ueberzengungen eintrat und unerschrocken und unbekümmert um die wütendsten Angriffe seiner Gegner und Feinde seine sozialen und politischen Ansichten verteidigte. Hervorragende politische Klugheit und Voraussicht bekundete er damit, daß er schon vor Jahren die jetzige Entwicklung der politischen Verhältnisse in Oesterreich vorhersagte und als einer der ersten die Gefahren der Nationalitätenhetze Und des Antisemitismus und die innigen Beziehungen beider Bewegungen zu einander erkannte. Im Kampfe gegen letzteren stand er stets in der vordersten Reihe, seine wuchtigen Schläge wurden von den Gegnern gefürchtet, und uns jüdischen Journalisten war er in dem bisher uns ungewohnten Kampfe ein trefflicher Lehrmeister. Obwohl mit den offiziellen jüdischen Kreisen nur in losem Zusammenhänge, zeigte er sich dennoch als ein treuer Sohn des Judentums, indem er jederzeit mit seinem ganzen Einstusse und dem ganzen Schatze seiner reichen Erfahrungen und Fähigkeiten den Angriff auf die Rechte seiner Glaubensgenossen abwehrte. In Innsbruck ist Blut geflossen. Die erregte nationale Leidenschaft hat sich in Revolverschüssen entladen und man trug Tote und Verwundete vom Platze, als wäre die Stadt Innsbruck auf ostasiatischem Gebiete gelegen und als ob die Italiener den Deutschen gegenüberstünden wie Russen den Japanern. Unwillkürlich wird man durch solche, in der neuesten Geschichte Oesterreichs leider nicht vereinzelte Erscheinungen daran erinnert, daß die immer toller und gefährlicher sich erweisende nationale Hetze mit dem Antisemitismus entstanden und gewachsen ist. Die österreichischen Staatsmänner, die der Entwicklung der antisemitischen Bewegung wohlwollend zusahen, haben übersehen, daß die einmal entfesselten nationalen und konfessionellen Leidenschaften nicht so leicht einzndämmen sind, daß sie dem Feuer gleich immer weiter greifen und schließlich den ganzen Staatsbau gefährden. In Innsbruck hat man überdies auch wieder durch die aufreizenden und antiösterreichischen Reden, die am Grabe eines Opfers gehalten wurden, erfahren, wie alldeutsche Gesinnung hauptsächlich aus zwei Elementen, aus dem Antiösterreichertum und dem Antijudentum ihre Nahrung zieht. * Dr. Lueger fürchtet nichts mehr, nicht einmal den Fluch der Lächerlichkeit, der anderwärts so tätlich wirkt. Sonst hätte der Mann es wahrlich nicht gewagt, in dem Bezirke, in welchem er vor Dezennien an der Seite christlicher und jüdischer Demokraten seine politische Karriere begonnen, davon zu sprechen, daß er sich stets treu geblieben, daß er seine Prinzipien nie verleugnet habe. Dr. Lueger konnte dies behaupten, und kein höhnisches Lachen scholl ihm entgegen, sondern reicher Beifall lohnte seine Ausführungen. Der Herr Bürgermeister, der so gut die Kunst des „Frozzelns" versteht, muß im Innersten seines Herzens sich nicht wenig lustig über seine Zuhörer machen, die sich alles, aber wirklich alles von ihm einreden lassen und die es ihm vielleicht auch glauben würden, wenn er ihnen erzählen würde, daß Dr. Kronawetter und Dr. Mandel schon Antisemiten zu jener Zeit waren als er, der Dr. Lueger, in öffentlicher Versammlung feierlich die Hand zum Schwure erhob, daß es für ihn keine Unterschiede der Abstammung und Konfession gebe. * * * Wo die Judensresserei in Blüte steht, ist immer eine angeblich aus edlen humanitären Gründen entspringende Agitation gegen das rituelle Schlachten zu erwarten. Dieselben Leute, die roh und brutal an der Verfolgung und Mißhandlung von Menschen sich begeistern, erwärmen sich voll Sentimentalität für die Tiere, die vorgeblich bei der rituellen Schlachtmethode mehr zu leiden Hütten als bei den anderen Tötungsarten. Der Referent, dessen Antrag gegen das rituelle Schlachten den niederösterreichischen Landtag beschäftigte, verwahrte sich dagegen, daß ihn irgend welche konfessionelle Momente geleitet hätten; er behauptet, daß er nur gegen die grausamere Tötungsart sich wenden wollte. Dem gegenüber kann man nur mit allem Nachdrucke darauf Hinweisen, daß nach dem Gutachten der ersten wissenschaftlichen Autoritäten — und zwar solcher christlicher Abstammung — die rituelle Schlachtmethode keineswegs die grausamere ist, daß sie vielmehr dem Prinzipe der möglichsten Vermeidung von Tierquälerei vollsteRechnung trägt. Das Geflunker