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Die Wahrheit · 1904-11-04 · Heft 43 (4.11.1904) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 43 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 43. Turin, 2. November. Der gewesene Kriegsminister, General Ottolenghi, Kommandant des ersten Korps, ist im Alter von 60 Jahren gestorben. General Giuseppe Ottolenghi stammte aus einer alten, ungesehenen jüdischen Familie Italiens und war einer der hervorragensten Generale und Strategen seines Landes. Besondere Gunst erwarb er sich beim König Humbert, der ihn in den Grafenstand erhob und zuni Generalleutnant ernannte. Als Brigadier in Neapel war er Vorgesetzter des damaligen Kronprinzen und jetzigen Königs Viktor Emanuel. Er hat auch an den Befreiungskämpfen teilgenommen. Im Jahre 1902 wurde er von Zanardelli als Kriegsmiuister in das Kabinett berufen. Er fungierte nicht lange als Minister und schied schon im folgenden Jahre aus dem Ministerium aus. Ottolenghi war eine Zierde des italienischen Senates. Als Minister hat er mit großer Strenge seines Amtes gewaltet. Doch erfreute er sich allgemeiner Hochschätzung bei allen Parteien. Sein Hinscheiden wird unter den Patrioten Italiens allgemeine Teilnahme Hervorrufen. Literatur. Denkreden. In pietätvoller Ehrung des Andenkens der Ende August dieses Jahres verschiedenen Frau Amalie Horner, Mutter des Prokuristen des _ Hauses Rothschild und Kultusvorstehers Herrn Emil Horner, sind soeben die an der Bahre der Verblichenen vom Rabbiner Dr. A. S ch m i e d l und dem Reichsratsabgeordneten Constantin N o s k e gehaltenen Grabreden im Drucke erschienen. Bei der Lektüre dieser Denkreden, die sich beide durch Hoheit der Gedanken und innige Gemütstiefe über das Niveau des Alltäglichen erheben, steigt dem Leser mit lebenswarmer Deutlichkeit das Bild dieser wahrhaft edlen Frau auf, die als Typus einer „Lsollet chajil" den hehren Beruf der Gattin und Mutter in so schöner Weise erfüllt hat. Ehre und Segen ihrem Andenken! Feuilleton. Der Aindling. Erzählung von Babette Fried, Prag. (7. Fortsetzung.) Auf diese Weise bewegte sich die Unterhaltung der Soldaten mit den Knechten und Mägden bis tief in die Nacht. Einmal aber war es spät Abends geworden, und vom Manöver war Niemand zurückgekommen. Die ganze Mannschaft sollte im offenen Felde das Nachtquartier ausschlagen. Es gehört dies wohl nicht zu den Annehmlichkeiten des Soldatenlebens, aber im Manöver ist dies notwendig. Es war spät geworden. Schwere Gewitterwolken hingen am Himmel und drohten, sich jeden Augenblick zu entladen. Die Greisin litt es nicht mehr in ihrem Zimmer, wohin sie sich zurückgezogen hatte, um daselbst, wie allabendlich, die Ankunft des jungen Soldaten zu erwarten. Sie ging unruhig im Hofe herum, nach den Ausbleibenden spähend. Da winkte sie der Gänseliese zu, welche eben die weiße Schaar der Kapitolsretterinnen heimbrachte und sie dem Stalle zujagte. „Liesel, steig hinaus aufs Taubenhaus und sieh Dich um, ob die Soldaten noch nicht vom Manöver kommen; das ganze Nachtessen verdirbt ihnen, denn heizen lasse ich heute nicht mehr, wenn so ein Gewitter heraufzieht." Liesel beachtete den Nachsatz nicht, womit die sonst absolut regierende Herrin das Interesse zu bemänteln suchte, welches sie an dem ihr eigentlich fremden Soldaten nahm. Sie sagte blos: „I, Madam, die kommen heute nicht. Ich war mit den Gänsen auf dem Stoppelfelde beim Wald und sie haben mich sortgejagt, weil die Soldaten dort ihr Lager machen werden und dort über Nacht bleiben." Es war die höchste Zeit gewesen, daß Liesel ihre schnatternde Schar heimgetrieben hatte, denn das drohende Gewitter war mit aller Macht ausgebrochen. Blitze kreuzten sich in unheimlichem Feuer, Donnerschläge folgten rasch auf einander, der Sturm brauste, als wollte er das alte Gebäude in seinen Grundvesten erschüttern. Die alte Gebieterin des Hauses achtele auf die Unbilden des Wetters nicht. Gewohntermaßen ging sie überall herum, nachzusehen, ob auch alles Herdfeuer im Hause verlöscht sei, ob die Laternen in Ordnung und in Bereitschaft sind. Sie ließ die Feuerspritze aus dem Schuppen hervorziehen und mit Wasser Mlen, die Leitern und Wassereimer in Bereitschaft setzen. Jetzt erst konnte sie daran denken, aus dem niederströmenden Regen sich in die trockene Stube zu flüchten und ihre durchnäßte Kleidung zu wechseln. Zu jeder anderen Zeit pflegte sie sich nach dieser getanen Pflicht zur Ruhe zu begeben, nachdem sie noch sich und ihr Eigentum und alle Bewohner des Hauses der Obhut des allmächtigen Hüters Israel empfohlen, „dessen Kraft und Stärke das ganze Weltall erfüllet", aber heute konnte sie den Seelenfrieden nicht finden. Furchtbare Unruhe hatte sich ihrer bemächtigt. Sie gedachte der armen Soldaten, welche heute im oflenen Felde lagerten, unbeschützt vor den Unbilden des Unwetters. Und unter diesen war es ein Antlitz, welches ihr in diesen angstvollen Stunden immer vorschwebte, das des jungen Mannes, welcher in ihrem, dem fremden Hause, solch ausgedehnte Gastfreundschaft gefunden, welcher nach einem Bekanntsein von nur wenigen Tagen ihrem Herzen so teuer geworden war, wie nie zuvor jemand anderer. Ruhelos wälzte sie sich auf dem Lager, welches sie, von körperlicher Müdigkeit und Schwäche übermannt, endlich aussuchte. Doch erst gegen Morgen stellte sich bei der Greisin der ersehnte Schlummer ein. Aus schwerem, beängstigendem Traume erwacht, rief sie ihre alte Rösl herein, damit sie ihr wie gewöhnlich ihren Tee zum Bette bringe. Diese kam. „Madame," sagte sie, „Sie haben so fest geschlafen, daß ich Sie nicht wecken wollte, von wegen der Soldaten." „Was ist mit ihnen, sind sie schon gekommen, Alle?" rief hastig Frau Goldberg. „Ja, alle, aber schauen Sie, den Herrn Führ' haben sie hergebracht — ganz krank. Er ist bis auf die Haut naß geworden und hat unterwegs Fieber gekriegt. Der Herr Regimentsarzt ist gleich darauf gekommen und hat gesagt, daß er eine Lungenentzündung bekommen kann. Jetzt legt ihm ein Soldat kalte Umschläge auf." Die alte Frau war mit einem Sprunge aus dem Bette. Mit fast jugendlicher Behendigkeit kleidete sie sich rasch an, und eilte in das Giebelzimmer hinauf, welches man dem jungen Manne als Wohnung eingeräumt hatte, und wohin man jetzt den Kranken gebracht hatte. Die Gedanken stürmten in dem Kopfe der Greisin in fast unheimlicher Eile. So sollte ihr gar kein Glück mehr hinieden beschieden sein! Im Verkehre mit diesem jungen Manne sah sie für sich ein neues, schönes Dasein beginnen. Sie hatte sich mit dem Gedanken getragen, den ihr aus so unerklärliche, wunderbare Weise lieb gewordenen fremden Jüngling zu sich zu nehmen, ihm nach Beendigung seiner Militärzeit den Hof zu übergeben und sich dann zur Ruhe zu setzen. Die Erkrankung desselben drohte alle ihre Pläne zu nichte zu machen. Sie schien sich verurteilt zu sein, über alle diejenigen, die sie liebte, Unheil und Verderben zu bringen. Der junge Mann, der so rasch ihre vollste Sympathie erworben hatte und der ihr selbst eine fast kindliche Verehrung und Ergebenheit entgegenbrachte, muß ihr eigenes Verschulden mitbüßen, muß zugrunde gehen — nicht als Opfer seines Berufes, wie es allgemein heißen würde, sondern um ihretwillen, der von ihr begangenen Sünden wegen. Wie unlogisch eigentlich diese ihre Ansicht war, das überdachte sie nicht, als sie, von diesen traurigen Gedanken erfüllt, die steile Treppe hinaufschritt, welche zum Zimmer des kranken Soldaten führte. Oben angelangt, klopfte Frau Eva an die Türe. Auf das „Herein", welches mit seiner sonoren Stimme der Soldat, der zur Bedienung seines Vorgesetzten beordert war, ausrief, öffnete sie mit bebender Hand die Türe des Gemaches, an welches sich so viele schmerzlich-süße Erinnerungen für sie knüpften. Auf seinem weißüberzogenen Bette, mit einer leichten Decke zugedeckt, lag mit geschlossenen Augen, schwer und unregelmäßig atmend, der kranke junge Mann. Fieberröte bedeckte seine Wangen und ein heiserer Husten schüttelte in kurzen Pausen den kräftigen Körper, während der kurze Atem nur mühsam und pfeifend aus der schwer arbeitenden Brust hervordrang. (Fortsetzung folgt.)

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