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Die Wahrheit · 1904-11-04 · Heft 43 (4.11.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 43 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 43. Hand mit der in Rußland in hohem Grade entwickelten privaten j Wohltätigkeit, suchen die verhungernden jüdischen Massen solange zu unterstützen, bis eines Tages auch im Osten die Sonne der Freiheit ausgehen wird. Sehr interessant ist auch das Schlußkapitel über das jüdische Unterrichtswesen. Von den 696.000 jüdischen Kinderu im schulpflichtigen Alter werden 343.000 in 24.540 Chedarnn, - 20.000 in 500 Talmud-Thoraschulen unterrichtet. Dazu kommen 107.000 Kinder, die in 820 modernen Volksschulen (darunter- 183 staatliche) und 20.000 in den allgemeinen Volksschulen unterrichtet werden. 206.000 Kinder bleiben ohne jeden Unterricht. Diese Kinder aber sind nur weiblichen Geschlechts, da die Knaben für alle Fälle in Chedarim und Talmud-Thoraschulen Unterkunft finden. Der Unterricht ist übrigens keineswegs so billig. Das „Chedergeld" beträgt im Durchschnitt 2l/2 Rubel monatlich, und das rnssische Judentum wendet für die Unterhaltung seines veralteten Cheders nicht weniger als 11 Millionen Rubel jährlich au. Die Zahl der jüdischen Gymnasialschüler belief sich im Jahre 1894 auf 5281 gegen 9582 im Jahre 1881. In 14 Jahren ist infolge der prozentualen Beschränkung die Zahl der jüdischen Gymnasiasten um 4301 vermindert, worden. Weniger verderblich hat dieselbe Beschränkung auf die Zahl der jüdischen Studenten gewirkt Dieselbe ist trotz aller Aufnahmeverbote von 1232 im Jahre 1886 aus 1757 gestiegen. In Prozenten ansgedrückt, hat aber auch hier eine starke Abnahme stattgefnnden, denn das Verhältnis zwischen der Zahl der jüdischen und nichtjüdischen Studierenden ist inzwischen von 14'8 aus 10'9°/n zurückgegangen. An der „Sammlung von Materialien über die ökonomische Lage der Juden in Rußland" haben unter Leitung eines Redaktionsstabes nicht weniger als 1000 Korrespondenten aus allen Teilen des Ansiedlungsrayons gearbeitet. Die -Konzeption des Buches nnd die ersten Pläne zu seiner praktischen Verwirklichung wurden 1898 von Emil Mayerson,' dem jetzigen Direktor der J. C. A für Rußland und Palästina, entworfen. Auf Grund dieses Entwurfes schritten dann die Herren Bramson, Bjelkowski, Brutzkus, Ettinger, Frumkin, Janowski, Kroll, Posner und Sternberg, unter Redaktion der Herren Mayerson, Bramson, Posner und Janowski zur Ausarbeitung des gesammelten Materials wie der einzelnen Abschnitte. Die Schaffung des Werkes ist der J. C. A. zu verdanken nnd angesichts der Schaffung, und der Herausgabe dieses großen jüdisch-statistischen Werkes werden sich wohl auch selbst ihre schärfsten Gegner mit ihr versöhnen. Zu bedauern ist nur, daß das Werk nur in russischer Sprache herausgegeben ist. Hoffentlich wird durch eine baldige Uebersetzung ins Deutsche auch dem nichtrussischen Judentum die Möglichkeit geboten werden, in den lehrreichen und interessanten Inhalt desselben Einblick zu nehmen. Der Tier- und Affenmensch in der Sidel. Bon I. Lauz-Liebenfels (Entdecker des Anthropozoons). (Schluß.) Nicht ein, sondern hundert Mysterien enthält das große, das einzige, das abgrundtiefe Buch, das wir die „Schrift", den „Bund", das „Testament" nennen. Ist nicht schon die Bezeichnung „Bund" und „Testament" ein Rätsel. Wieso wird mich der Leser fragen? Haben denn nicht Gott und die Israeliten am Sinai einen „Bund" geschlossen? Ich antworte darauf, sie haben wohl einen Bund geschlossen, aber einen viel großartigeren, einen viel gedankentieferen, als man gemeiniglich glaubt, einen Bund, der heute noch besteht. Nach der gewöhnlichen Annahme bestand der Bund darin, daß die Israeliten sich zu bestimmten Zeremonialgesetzen und zum Glauben an einen Gott verpflichteten. Was Gott dafür leistete, davon erfährt man nichts bestimmtes. Die neuere Bibelforschung hat jedoch nachgewiesen, daß die israelitische Religion im Anfang noch' sehr viele polytheistische Züge zeigte, daß sie auch dem Bilderdienst nicht so abgeneigt war, wie man gemeiniglich annimmt. Moses verschmähte in der Stiftshütte nicht die Cherubim und Salomon ließ vor dem Tempel zwei Säulen errichten. Andererseits findet sich auch bei den außerjüdiscyen Völkern eine monotheistische Auffassung der Gottheit. So haben die Griechen, durchaus nicht die Götterstatuen als Fetische angebetet. - Wäre die bisherige durch nichts begründete, nur von )pfäffischen ' Wortgauklern ' künstlich hineingetragene theologische - Auffassung der Bibellehre des alten und neuen Bundes richtig, dann wären die Vorwürfe, die D e l i tz s ch in seiner neuesten neuesten Schrift: „Babel und Bibel, Rückblick und Ausblick", 1904, S. 43, vollkommen stichhältig, indem er schreibt: „Für uns Christen, die wir Kinder sind einer schlechthin neuen Zeit, die herausgeboren ward aus langem, endlich siegreichem Ringen occidentalischen Geistes mit altorientalischem, hat der jüdische Jahvekult mit seinem Tempeldienst und Opfervorschriften und all seinem buntscheckigen Zubehör auch nicht ein Deut höheren antiquaris chen, arch äologischen, geschichtlichen Interesses, als jener der Phönizier, Babylonier oder Griechen, geschweige denn religiöse Bedeutung. Auch Israels Opferkult im Tempel auf Zion bildet nicht etwa die Etappe eines Heilsweges, sondern gehört mit den allgemein menschlichen Ab- und Irrwegen zur E r l a n g u n g des g ö t t l i ch e n Wohlgefallens." Aber das war ja eben nie der Kern der Mosislehre! Bei den Propheten versagt diese theologische Deutung vollständig und Delitzsch bemerkt anschließend an den obigen Passus vollkommen richtig: „Die edlen, großen, freien Geister des hebräischen Volkes haben es selbst mit ergreifenden Worten ausgesprochen, daß Gott kein Gefallen hat an Tausenden von Widdern oder zahllosen Bächen von Oel, sondern daß er das Herz ansieht, daß ihm ein zerschlagenes Herz das liebste Opfer ist" . . . und nicht etwa die ..wahrhaft heidnischen, äußerlichen Formen der Gottesverehrung mit ihren Hekatomben von Brandopfern, ihrem Räucherwerk und Salböl". Bleiben wir bei der bisher gebräuchlichen, von der Scholastik uns aufgezwungenen Bibelauslegung, so bleiben in der Bibel Widersinn, Ungereimtheit und Grausamkeit. Aber unsere Auffassung ist ja uralt, schon die Propheten haben die anthropologische Deutung. So sagt z. B. Delitzsch in dem zitierten Buch: „Man lese nur einmal das neunte und das bluttriefende zehnte Kapitel des zweiten Königsbuches und man wird staunen über die Lethargie der Christenheit, daß sie Erzählungen von solchen echt orientalischen Bluttaten, fortfährt als integrierenden Bestandteil ihrer „heiligen" Schrift gedankenlos zu belassen." „Lethargisch" und unwissenschaftlich ist nur die moderne Bibelkritik, für die die alte riesige Kommentarliteratur nicht existiert und die die Resultate der Anthropologie ignoriert. Nach der heutigen Bibelauslegung muß jedermann den Vorwurf Delitzsch' für vollständig gerechtfertigt ansehen. Aber worum handelt es sich in den zitierten Kapiteln? Die dort vertilgt werden, waren keine Menschen, sondern Tiere, Affen *) und Bastarde. Ebenso berechtigt wäre der Vorwurf Delitzsch': „I. Mos. IX, 25 wird der ganz unschuldige Kanaan, der Sohn Hams für die „Sünde" seines Vaters mit den Worten verflucht: „Verflucht sei Kanaan." Nur zu sehr war der Fluch berechtigt, nicht von dem Jahve des Rimalgesetzes, sondern von dem Jahve des heiligen großen Auslesegesetzes. Die Kanaaniter waren ja die allergrößten Sodomiten**), sie trieben mit den Buhlaffen einen äußerst einträglichen Handel, er war die Hauptquelle ihres Reichtums. Gerade sie haben zum Untergang der alten orientalischen und occidentalischen Kulturen, die durch De- *) Man beachte X, 22 die „Gewänder", vestimenta, endyma, lebus. Siehe die böotischen Glockenfiguren. **) Ganz deutlich in Lev. XVIII, 22 ff.

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