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Die Wahrheit · 1904-11-04 · Heft 43 (4.11.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 43 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43. Die Wahrheit Leite 5. Freilich, man kannte in Leoben auch viel christliche Milde I und Schonung, wie es eben das Evangelium — allerdings j allen gegenüber — zur Pflicht macht. Wer weiß, wie es ohne j diese Milde und Schonung dem Pfarrer ergangen wäre, der! das Glück hatte, als beeideter Kronzeuge der Frau von Hervay gegenüberzn stehen, während ein kleines Mißgeschick hiugereicht hätte, ihn ihr als angeklagten Mitschuldigen an die Seite zu setzen. * Was zweierlei Maß ist. konnte man dieser Tage in Berlin erfahren. Graf P ück ler, der bekannte, ebenso allgemein närrische als besonders antisemitisch gesinnte Dreschgraf ließ Flugblätter in den Straßen verteilen, in welchen es u. A. hieß: „Die kleinen schwarzen Judenkerle werden sich gewiß sehr freuen, daß ich wieder hier bin, der Abraham und der Isaak und der Leoysohn und der kleine Cohn und das Rebeckchen und das verfluchte As, die Sarahleben, und wie sie alle heißen, die vielgeliebten Semiten; sie werden sich gewiß sehr freuen, denn jetzt gibt es Bimse, Keile, Schläge, Senge; jetzt werden wir die Lümmel zusammenhauen, daß ihnen Angst und bange wird, daß sie endlich packen und von dannen ziehen ... Nehmen Sie alle Kraft zusammen, den Mut und auch den Zorn, und dann marsch, marsch, hurrah, drauf los ans die Judenbande mit brausenden Hurrahrufen! .... Also druff, auf die Judenbande, immer druff, Kameraden, daß sie der Deibel holt! Schmeißen wir das Gesindel jetzt endlich zum Tempel hinaus, das uns hier gequält und geschunden hat so viele Jahrzehnte, dann werden wir bald ebenfalls die Welt beherrschen und achttnnggebietend wird die deutsche Flagge wehen auch an den fernsten Küsten." Das Flugblatt konnte Tage hindurch anstandslos und ungehindert verteilt werden. Aber es kam noch besser, das heißt schlimmer. In einem zweiten Flugblatt heißt es: „Vor einigen Wochen. hat in Sosnowice eine frische und fi d ele Judenverfolgung stattgefunden ... . Das müssen verständige und famose Kerle sein, die rnssischen Polizisten; die lassen die Leute ruhig toben und demolieren, und das ist meiner Meinung nach der einzig richtige Standpunkt Solange die Massen nur das jüdische Eigentum demolieren und nur Judenlümmels verhauen, solange hat die Polizei niemals Veranlassung, e i n z u s ch r e i t e n. Es ist doch wahrhaftig kein Grund zur Aufregung, wenn mal ein paar jüdische Gauner und Halsabschneider ganz gehörig gedroschen werden. Aus dem Jndenkrawall können wir außerordentlich viel lernen, meine Herren! Wir können daraus lernen, daß die Judenfrage nur mit Gewalt zu lösen ist; die Lümmels müssen eben gehauen und herausgeschmissen werden, anders geht die Sache nicht. Aber auch die Polizei, besonders hier in Berlin, kann ungeheuer viel lernen aus dem Judenkrawall in Sosnowice. Unsere Polizeileutnants und Schutzleute sind ja alle sehr nette und sehr ehrenwerte Leute, aber sie sind zu eifrig. Im Staatsleben muß man nicht alles sehen und alles bemerken, da muß man auch mal fünf grade sein lassen; man darf auch nicht bemerken. wenn mal ein Judenlümmel in einer einsamen Ecke halblod gedroschen wird." Auch dieses Flugblatt konnte Tage hindurch anstandslos und ungehindert verteilt werden, und dem häßlichen Skandale wurde auch dann kein Ende gemacht, als die freisinnige Presse in Berlin das Vergehen als ein geradezu unerhörtes stigmatisierte. Die Auffassung, daß ein von den Antisemiten geschätzter und gewürdigter Herr, das Recht haben soll, zum Raub und Totschlag gegen die Juden zu hetzen, nur weil er von Richtern und Aerzten öfters schon als verrückt erklärt wurden ist, muß geradezu als — unglaublich bezeichnet werden. Diese Auffassung müßte dazu führen, daß man den Grafen ins Irrenhaus interniert und unschädlich macht, aber doch nicht dazu, daß man ihm eine Immunität verleiht, verbrecherisch wirken zu dürfen. Wir möchten sehen, ob man umgekehrt einem verrücken Juden es hingehen ließe, wenn er in den Straßen Berlins, eine hübsche fröhliche Hetze gegen die — Grafen und sonstigen hoch- und niedriggeborenen Herrschaften inszenieren wollte. Ueber die ökonomische Soge der Inden in Rußland. (Schluß.) Nebst der großen und sehr folgenschweren Auswanderung findet beständig eine starke Verschiebung der jüdischen Bevölkerung auch innerhalb des Ansiedlungsrayons selber statt. Ein Vergleich mit früheren Volkszählungen ergibt nämlich die hochinteressante Tatsache, das die Zahl der Juden innerhalb 17 Jahren in den westlichen Gouvernements nur um 7'5, in den mittleren Gouvernements dagegen um 29-3 und in den östlichen Gouvernements gar um 46*8% gestiegen ist. Es sinder also fortwährend eine innere Emigration statt, wobei sich die jüdische Bevölkerung allmählich von Nordwesten nach Südosten vorschiebr. Wovon leben nun diese Millionen Juden und was treiben sie? Der Beantwortung dieser Frage ist das ganze Buch gewidmet, das gewiß bahnbrechend wirken und gleiche Schriften über die Juden in Galizien, Ungarn und Rumänien zur Folge haben wird. Trotzdem den russischen Juden das Wohnen aus dem flachen Lande untersagt und die Beschäftigung mit der Landwirtschaft somit nahezu gesetzlich verboten ist, haben sie dennoch Mittel und Wege gesunden, Acker- und Gartenbau zu treiben. Nicht weniger als 200.000 Juden ernähren sich in Rußland von der Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte'. Von diesen leben 76.000 in 296 Kolonien, wo sie gegen 115.000 Hektar Land bebauen. Der Rest treibt in kleineren Städten Gartenbau und Viehzucht oder arbeitet als Knechte im Taglohn. Gegen 780.000 Juden suchen sich ihr kärgliches Brot als Handwerker oder ungelernte Arbeiter zu verdienen, wobei die Zahl der Handwerker allein ans 684.000 angegeben wird. Rechnet man alle Inden im Alter von über 10 Jahren als bereits erwerbsfähig, so ergibt sich, daß nicht weniger als 21V*7o aller erwerbsfähigen Inden als Handwerker oder Taglöhner arbeiten. Daß bei einer solchen Uebersüllung das Handwerk keinen goldenen Boden hat, braucht wohl kaum besonders hervorgehoben zu werden, und es ist nur bezeichnend für die hilflose Lage der rnssischen Juden, daß die Zahl der Handwerker seit 1887 dennoch enorm, in manchen Städten um mehr als 5% gestiegen ist. Was sollen die Armen, denen der Staat all und jede Bewegungsfreiheit geraubt hat, auch sonst beginnen, als immer wieder und wieder zum Handwerk zu greisen! Sollten sie etwa als Fabrikarbeiter gehen, wo sie den Sabbat entweihen und die ganze Woche über von ihren christlichen Arbeitsgenossen gehänselt werden? Die Zahl der jüdischen Fabrikarbeiter ist daher in Rußland äußerst gering und dürste 34.000 kaum übersteigen. Die russischen Juden leben also in ihrer überwiegenden Mehrheit entweder als Handwerker oder als Lustmenschen, ohne jede sichere Grundlage unter den Füßen; dementsprechend ist auch die Zahl der völlig Armen unter ihnen. Während in Deutschland die unterstützungsbedürftigen Armen 3-3, in England 2-9, und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika nur 0-14% der Gesammtbevölkernng ausmachen, haben im Jahre 1898 in Rußland nicht weniger als 150.000 jüdische Familien mehr ober weniger unterstützt werden müssen. Gegen 20% aller rnssischen Juden ist außerstande, sich ohne fremde Hilfe zu ernähren. Dieser herzzerreißenden Tatsache gegenüber muß jedoch andererseits konstatiert werden, daß die russischen Juden ihr Schicksal keineswegs stumpfsinnig ertragen. Vielmehr bieten sie alles auf, um die Not zu lindern nnd die fortschreitende Proletarisierung des Volkes nach Kräften aufzuhalten. Ueber 2000 jüdische Vereine und Wohltätigkeitsanstalten arbeiten Hand in

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